Links sein heißt zuhören können

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THOMAS FRANK UND HAIKO PFOST ZUM GELEGE EINER NEUEN WIENER BRUT

Performance, Theater, Tanz, Ausstellung, Party, Lecture, Film, Live-Konzerte, Installationen, Teppichkracher, DJs und Blasmusik: mit einem dichten Programmarathon, der nicht unter 36 Stunden dauert, eröffnet brut im Künstlerhaus mit brut im Konzerthaus am 9. November 2007. In der hektischen Voreröffnungswoche, in der das Haus am Karlsplatz voll positiver Energie vibrierte, fanden die Leiter der neuen Wiener Performance-Brutstätte Haiko Pfost und Thomas Frank Zeit für ein Gespräch mit corpus-Autorin Elke Krasny. Abgeschottet vom quirligen Trubel sprachen sie bei Kaffee und Wasser am langen Holztisch der brut-Küche über ihre kollektive Arbeitsweise und künstlerische Notwendigkeiten, über Hochglanzkultur und den Wiener Karlsplatz, das neue Verhältnis zwischen den Generationen, die Ablehnung des Pseudocoolen, die Verflüssigung von starren Dichotomien, den Gründungsmythos ihrer Namensfindung und warum es wichtig ist, an dem Ort zu leben, an dem man arbeitet.


corpus:
Ich möchte mit dem Raum, der vor der Haustür liegt, beginnen. Die Adresse von brut im Künstlerhaus lautet Karlsplatz 5. Vor gut einem Jahr, am 20. Mai 2006, wurde der neue Begriff Kunstplatz Karlsplatz mit  offiziellem Festakt eingeweiht. Sehen Sie sich als Teil dieses Kunstplatzes Karlsplatz?

Thomas Frank: Von gemeinsamen Aktionen des Kunstplatzes Karlsplatz habe ich noch nichts mitbekommen. Ich habe keine differenzierte Haltung dazu. Es gibt eine Reihe von Kulturinstitutionen rund um den Platz. Was interessant ist, ist unsere Position hier. Wir sind ein Anhängsel an Kulturinstitutionen und nicht mit einem eigenständigen Haus ausgestattet. Wir befinden uns hier im Künstlerhaus und auch im Konzerthaus innerhalb anderer Kulturinstitutionen.

Haiko Pfost: Ich habe mich viel mit dem Karlsplatz beschäftigt und das schnell als sehr konstruiert empfunden, den Kunstplatz Karlsplatz. Wenn ich in eine Stadt komme, dann lese ich eine Stadtarchitektur. Ich beobachte auf dem Karlsplatz, was für Leute hier verkehren und bekomme die Versuche mit, den Platz zu reinigen. Ich bin auf Aussagen gestoßen, wie: „Seit das Gebüsch weg ist, hält sich das Gesindel hier nicht mehr auf.“ Das ist klassische Vertreibungspolitik. Damit möchte ich nicht identifiziert werden. Als brut gehe ich in dem Gefüge weg vom Hochglanz und von der Hochglanzkultur und bringe etwas Roheres in die Repräsentationskultur.

corpus: Wie kann die Auseinandersetzung mit dem Raum, an dem Sie sich befinden, ihre Rolle spielen? Inwiefern ist die Urbanität für die Arbeitsweise und die Produktionen eine Reibungsfläche oder ein Bezugspunkt? Und könnte da der Karlsplatz als realer Raum vor der Haustür ein Arbeitsfeld sein?

Thomas Frank: Wir beschränken uns überhaupt nicht auf den Raum drinnen. Wir haben das Feld besetzt. Wir machen ein Projekt in der Tankstelle am Schwarzenbergplatz (Club Real realisiert neben der aktionistischen Bustour „Insektenbelustigung oder Im Land der Rieseninsekten“ eine Installation in einer ehemaligen Tankstelle). Wir haben einen Stadtspaziergang, der beginnt direkt bei uns dran, hinter brut im Konzerthaus und endet dann in einer Privatwohnung (Thomas Desi mit „Ungargassenland"). Aber ein konkretes Projekt Karlsplatz hat sich noch nicht eingelöst. Ulf Aminde ist leider erkrankt. Er hat als Videokünstler sehr viele Projekte mit sozialen Randgruppen gemacht und andere Zugriffsmöglichkeiten auf Räume aufgezeigt. Sonntags treffen sich die Alkoholiker morgens zum Fußballspielen auf einem Platz in Friedrichshain in Berlin, und Aminde hat sie ein Jahr lang mit der Kamera beobachtet und hat dann einen Dokumentarfilm gemacht und einen Film in der Werbeästhetik eines Nike-Spots. So entstehen Parallelwelten.

Haiko Pfost: Wir reagieren auf künstlerische Zugriffe für Interventionen. Wir reagieren nicht aus der Initiative Kunstplatz Karlsplatz heraus, sondern aus künstlerischen Notwendigkeiten. Wir sind in ständiger Auseinandersetzung mit den Orten, an denen wir uns befinden, und wir hören auf das, was als künstlerische Notwendigkeit an uns herangetragen wird, das ist uns beides wichtig.

corpus: Sie beide haben lange in Berlin gearbeitet. Ich möchte das so zuspitzen: Berlin ist eine arme Stadt mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit und einem armen Umfeld, Wien ist eine reiche Stadt, umgeben von einem reichen Umfeld, dem so genannten Speckgürtel. Wie empfinden Sie diese Unterschiede als Differenz in Qualitäten und Atmosphären?

Thomas Frank: In Berlin gab es tendenziell viele Anstrengungen für eine Aufwertung der neuen Hauptstadt. Berlin war ein Magnet für Künstler und Kulturschaffende, ein Kulturstandort. Dort gibt es wahnsinniges kreatives Potenzial. In Wien ist das überschaubarer.

Haiko Pfost: Berlin ist als Stadt komplett anders, es gibt kleine Einheiten, kein Zentrum. Nach der Öffnung - nach dem Fall der Mauer - sind viele offene Räume entstanden, Räume wurden besetzt, neu bespielt. Hier ist alles viel gewachsener, hier ist ein fertiges Umfeld, in dem man manches aufbrechen muss, um Entwicklungsräume zu schaffen. Die Durchmischung von Alt und Jung fehlt in Berlin.

corpus: Ich möchte die Figur der Baustelle, die im Denksinn bereits angeklungen ist, nun auf den Raumsinn hier in brut übertragen. Wie ist die Baustelle als das Unfertige, als Verkörperung des Arbeitsprozesses programmatisch zu verstehen?

Haiko Pfost: Wir wollten keinen Raum, der fertig ist, sondern lieber mit einem anderen Erscheinungsbild arbeiten. Daher unsere architektonische Intervention mit der neuen Bar im ersten Stock. Wir wollten einen offenen, kommunikativen Raum, aber auf keinen Fall einen Repräsentationsraum der Hochkultur. Unter dem Gerüst vor dem Haus haben wir Bretter gefunden. Diese Bretter wurden aufgearbeitet und für den Boden und den Tresen in der Bar im ersten Stock verwendet.

Thomas Frank: Das waren auch ökonomische Zwänge, Dinge wieder zu verwenden. Aber wir arbeiten ganz stark mit der Transformation des Gegebenen, wir versuchen, des Vorgefundenen habhaft zu werden. So arbeiten wir inhaltlich und räumlich. So arbeiten wir auch mit lokalen Künstlern. Wir schauen, was ist da und wie man das in einen sinnvollen Gesamtbezug stellen kann. Wir versuchen, die Räume „griffig“ zu bekommen. Ein Synonym dafür ist der wunderbare Luster, der aus gefundenen Lampen und Leuchtstoffröhren des ehemaligen dietheater besteht. Wir wollten kein Designprodukt, kein Hochglanzdesign. Solche Räume gibt es hier in Wien viele, die gut ausgestattet sind, gestylte Repräsentationen haben und eine bestimmte Oberflächenästhetik. Hier hatten wir die Charakterlosigkeit eines Allzweckraums und wollten einen anderen Charakter, einen Raum für die Benutzer. Und die Umgestaltung sollte Spuren entstehen lassen, und bewirken, dass auch die Benutzer Spuren hinterlassen können. Man soll sehen und spüren, dass der Raum Geschichte in sich trägt.

Haiko Pfost: Hier waren alle Wände verkleidet, und wir haben das, was unter den Sichtverschalungen steckte, freigelegt. Da sind echt schöne Sachen dabei rausgekommen. Hier gibt es Spuren aus anderen Zeiten in diesem Betonklotz, der an ein Haus drangesetzt wurde, das über 100 Jahre alt ist. Diese Geschichtsschichten legen wir frei. Das Projekt ist auch für unsere Arbeitsweise wichtig: es ist ein kollektives Projekt. Wir haben keine Ausschreibung gemacht und ein schickes Architekturbüro gesucht. Wir haben Leute aus dem Umfeld eingeladen, von der Universität für angewandte Kunst, das gemeinsam zu diskutieren. Das Team hat sich entwickelt. (Die Gruppe, die den Umbau realisiert hat, nennt sich konstatin gabel, sie konstituiert sich aus Studierenden der Klasse für Bühnen- und Filmgestaltung an der Angewandten und den beiden ArchitektInnen Gabu Heindl Wang und Manfred Hasler.) Der Umbau wurde wirklich auch Schritt für Schritt realisiert. Die Studenten bauten mit, Elektrik, Gas, Wasser natürlich nicht, aber vom Entwerfen bis zum Umsetzen wurde das gemeinsam entwickelt: zu schauen, was ist da, was kann man nehmen und weiter transformieren.

corpus: Der Name brut öffnet ein ziemliches Bedeutungsspektrum. Jean Dubuffet schrieb im August 1948 einen Brief, in dem er den kulinarischen Begriff „brut“ (roh) als Metapher in die Welt der Kunst hinüberführte. Dubuffet verglich die Qualitäten der art brut mit denen der Milch, die frisch vom Büffel kommt und noch die tierische Wärme in sich hat. Brut lässt aber auch an exquisiten Champagner denken und im Wiener Kontext an den Kultfilm „Wiener Brut“. Wie seid ihr zum neuen Namen gekommen?

Thomas Frank: Wir standen da an der Bar (in dietheater Konzerthaus) und dachten, warum steht da „brut“. Und am nächsten Tag kam Haiko mit der Idee, das, was vorher der Name der Bar im Konzerthaus war, als Namen zu wählen. Wir haben brut im März 2007 entdeckt und dann im August veröffentlicht. Brut drückt die Intentionalität aus, die Gesamtidee von dem, was wir vor haben, und die lokale Verortung ist auch möglich.

corpus: Und an welche Namen hattet ihr vorher gedacht?

Beide lachend: Das sagen wir jetzt nicht.

Haiko Pfost: Bevor wir den Namen hatten, war klar, dass wir keine Abkürzung wollten, wie Tik Tak Tuk oder wie Theater im Bims oder Theater im Bams. Und wir wollten auch Theater nicht im Namen haben. Wir sind ein Raum für interdisziplinäre darstellende Kunst.

Thomas Frank: Theater, das ist eine Engführung, das führt zu Missverständnis sowohl als Kunstform wie auch als Institution, das wäre zu eng gefasst, wenn wir Theater im Namen hätten. Hier geht es um darstellende Kunst im weitesten Sinn, um Video, Tanz, Schauspiel. Mit dem Namen wollten wir auch ein Signal setzen für Leute, die mit Theater nicht so viel auf dem Hut haben, aber sich für zeitgenössische Kunst im allgemeinen interessieren.

corpus: Wen seht ihr idealerweise als Publikum? Die Szenen in Wien sind überschaubar, die Schnittmengen zwischen den Feldern von Performance, zeitgenössischer bildender Kunst, urbanistischen Fragen oder Schauspiel noch überschaubarer.

Thomas Frank: Wir sehen uns als offen und übergreifend. Uns geht es um die inhaltliche Auseinandersetzung und die thematische Auseinandersetzung fürs Publikum. Das müssen wir transparent machen. Der Inhalt ist der Angelpunkt fürs Publikum, nicht ein Komplex aus formalen Aspekten. Die Künstler finden Inhalte in ihren Zugriffsmöglichkeiten auf das, was ist.

Haiko Pfost: Wir gehen von Fundstücken aus, wie beispielsweise die Arbeit von Doris Uhlich bei imagetanz. Wir nehmen Dinge auf und versuchen, sie weiter zu entwickeln. Die Arbeiten sollen kontextualisiert werden. Wir haben einige Positionen im Kopf, aber die Themen kommen nicht von uns. Wir beauftragen die Künstler auch nicht, zu bestimmten Vorgaben zu arbeiten, sondern umgekehrt: wir bündeln das, was da ist, und versuchen, es in eine schlüssige Programmation zu bringen. Die Themen kommen aus künstlerischen Arbeiten vor Ort, und wir übernehmen die Kuratorenrolle.

corpus: Sie haben von Fundstücken gesprochen in Bezug auf den Umbau, sie sprechen von Fundstücken, wenn es um die inhaltliche und kuratorische Ausrichtung des Programms geht. Ich habe einige begriffliche Fundstücke mitgebracht, die mit der Geschichte des Künstlerhaustheaters zu tun haben, nämlich aus dem Forderungspapier der Interessensgemeinschaft Freies Theater aus dem Jahr 1985. Zur zeithistorischen kulturpolitischen Erinnerung: Nachdem die „Komödianten" um Conny Hannes Meyer das Künstlerhaustheater verlassen mussten, besetzte die frisch konstituierte IG Freies Theater das Haus sechs Tage und veranstaltete öffentliche Gespräche und Konferenzen. Die Begriffe aus dem Forderungspapier sind: kritisches Bewusstsein, lebendige Geschichte, politisch, anti-patriarchalisch, avantgardistisch, experimentell, nicht kommerziell, gemeinsame Nutzung, Theater nie ein Ort des Besitzers, sondern nur einer der gemeinsamen Nutzung. Was lässt sich mit diesen Begriffen jetzt, 22 Jahre später, anfangen?

Thomas Frank: Die Begrifflichkeiten sind ähnlich, aber die Inhalte sind sehr verändert. Politisches Theater lässt sich heute nicht mehr auf das Verhandeln von politischen Inhalten begrenzen. Das zeigt sich auch in unserem Themenschwerpunkt Generationen (offiziell heißt der Themenschwerpunkt Jung bleibt Alt). Es gibt viel mehr Auseinandersetzung mit Identitätsbildung durch Abgrenzung, allgemeine, kulturgeschichtliche Auseinandersetzung. In den Sechzigern hatte die junge Generation Schwierigkeiten mit der Elterngeneration, den Spießern der Gründerjahre wurde ans Bein gepinkelt. Punk war eine kritische Bewegung, auch Techno und Love Parade als Kritik gegenüber einer politisierten Elterngeneration. Aber heute gibt es einen Paradigmenwechsel. Sie ziehen die Eltern auf die Bühne. Die Identität wird nicht dadurch konstituiert, sich von den Eltern abzusetzen. Sondern es gibt eine kritische Befragung, die analytisch ein anderes Bewusstsein hat.

Haiko Pfost: Das Wesentliche ist der Verlust der klaren Dialektik. Anti-patriarchal das geht heute nicht mehr, ohne in Dichotomien zu verfallen.

Thomas Frank: Meinst du eine Gut-Böse-Dichotomie?

Haiko Pfost: Da sind wir drüber weg, wir schaffen Identitäten nicht mehr über Abgrenzungen. Unsere eigene Identität ist flüssiger geworden, wir können das Andere nicht einfach ablehnen, wir geraten aneinander, wir lassen die Befragung zu.

(Beide schauen die Liste mit den Worten nochmals an.)

Thomas Frank: Avantgardistisch, das ist ein historischer Begriff. Experimentell sein nimmt das Burgtheater heute für sich auch in Anspruch. Die Durchlässigkeit innerhalb des kulturellen Gefüges ist viel höher geworden. Als freies Theater kann man sich heute künstlerisch nur schwer in Abgrenzung zur Hochkultur platzieren. Es hat eine Institutionalisierung der nicht-institutionellen Szene stattgefunden, in Zürich, in Frankfurt, in Berlin. Diese freie Szene ist nicht mehr die Alternativkultur in Abgrenzung zur Hochkultur. Sie ist ein Motor mit Strahlkraft in die Hochkultur hinein.
Die Off-Szene strahlt in die Staatstheater hinein, in Berlin noch mehr als hier. Institutionen wie die Schaubühne oder das Maxim Gorki Theater haben ganz genau geschaut, was die Sophiensäle tun. Die Künstler werden mitunter sehr schnell von den mächtigen Institutionen absorbiert. Aber die Künstler stellen umgekehrt heute ganz andere Anforderungen an die „großen Institutionen“, wie Rimini Protokoll oder Schlingensief. Künstler haben andere Arbeitsweisen entwickelt, um die Häuser zu fordern. Rimini Protokoll treiben als Dreierteam, als Regiekollektiv die Verwaltungsdirektoren als Budgetposten zur Verzweiflung. Uns geht es um die künstlerische Entwicklung. Unsere Aufgabe ist es, Experimentierfeld zu sein, anders als die Burg das Experiment ernst zu nehmen und auch scheitern zu können.
Unsere Chance ist die Flexibilität. Künstler suchen andere Arbeitszusammenhänge, sie suchen Freiräume, die andere Zusammenhänge nicht bieten können. Sobald alles prozesshafter wird und nicht in die klassischen Kategorien von dramatischer Text, Regisseur und Bühnenbild fällt, dann wird es problematisch für die Häuser. Aus der freien Szene kommen Arbeitsmethoden, die sich dort nicht entwickeln können.

corpus: Sie haben zuerst davon gesprochen, dass der Entdeckungs- und Absorptionszyklus von Künstlern durch größere und mächtigere Institutionen immer schneller wird. Für wen arbeitet man dann eigentlich mit der freien Szene?

Haiko Pfost: Für uns ist das eine Bestätigung unserer Arbeit, wenn die künstlerische Arbeit, die durch Freiräume ermöglicht wurde, die Institutionen zu verändern beginnt, sonst war es vergebliche Liebesmüh. Unser Experiment ist nicht nur für die Künstler, sondern auch für das Publikum.

corpus: Wie haben sie beide hier diesen Rechercheprozess in eine lokale Szene und in künstlerische Themen während der vergangenen Monate betrieben?

Thomas Frank: Wir haben versucht, als Gesprächspartner da zu sein, eine Offenheit zur Stadt zu haben und zu sehen, was ist da und rauszuspüren, wie können wir uns verhalten und dazu positionieren. Die Grundhaltung ist Offenheit und Sicheinlassen. Am Anfang wurde ich häufig gefragt, ob ich hierher ziehen würde. Das wäre für mich völlig unvorstellbar, den Job zu machen und nicht hierher zu ziehen!

Haiko Pfost: Ich habe sehr, sehr viele Leute kennen gelernt. Ich habe Neugierde auf eine andere Stadt mitgebracht. Ich habe gespürt, dass ich hier fündig werden kann, dass es hier Dinge geben kann, die mich beschäftigen werden. Ich spreche viel mit Leuten, halte das im Kopf und auf Notizzetteln fest.

Thomas Frank: Links sein heißt, zuhören können, hat Alexander Kluge einmal gesagt - und in diesem Sinne möchte ich links sein.

corpus: Sie sind international gut vernetzt, wie sieht es aus mit lokalen Wiener Netzwerken, mit denen es Perspektiven für die Zukunft gibt?

Haiko Pfost: Networking ist für mich ein Sicheinigen auf künstlerische Inhalte. Wir sind tendenziell keine großen Freunde von Networking um seiner selbst willen. Es geht um internationale Vernetzung als inhaltiche Netzwerkarbeit. Künstler, mit denen wir lokal produzieren, in weitere inhaltliche Zusammenhänge und Diskussionen zu stellen. Wir wollen die Aufmerksamkeit von außen auf Künstler lenken, die diese insulanerische Situation hier aufbrechen. Gerade gestern hat eine Kollegin aus London ein E-Mail geschrieben und gefragt: Wer ist Doris Uhlich eigentlich?

corpus: Was haben Sie in jüngster Zeit an Theorie gelesen, von der Inspiration oder Strahlkraft für Ihr Arbeiten ausging?

Haiko Pfost: Ich habe gerade „The Golden Years“ gelesen. Ich beschäftige mich mit der Lust am Verrat, mit dem Stellungswechsel im Feminismus.

Thomas Frank: Ich diskutiere viel mit Kollegen, wie man Dekonstruktivismusdebatten in der darstellenden Kunst begegnen kann und aus der Selbstreferentialität holen kann. Mich interessieren Fragen von Behauptung von Subjektivität, von Ich-Behauptung, Geschichtlichkeit und Narration. Das spielt auch in der Textproduktion fürs Theater wieder eine große Rolle.

Haiko Pfost: Wir haben eine Arbeitsteilung zwischen uns beiden für das kommende Programm, Thomas beschäftigt sich mit den Fragen des Erzählens und ich mit dem Stellungswechsel. Auch der Feminismus kam als Anregung vom Lokalen, mit SV Damenkraft, mit den Schwestern Brüll, die eben auch nicht mehr klassisch feministisch sind.

Thomas Frank: Aber was war eigentlich wirklich klassisch feministisch?

Ein Rundgang durch das Haus und die Spurenentdeckungsreise ist der Abschluss der Begegnung. Vielen Dank für das Gespräch!

(9.11.2007)