Los von der Befindlichkeit

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EMERGING CHOREOGRAPHY BEI "STÜCKWERK 2011" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Elisabeth Hirner




Wie verändert eine – aufgeführte – Vorstellung den Zustand der Welt? Welches Potential zur Veränderung institutioneller und sozialer Strukturen liegt in ihr? Was hat Theater mit Politik zu tun? Diese Fragen aktualisiert ein Abend im Tanzquartier Wien, an dem vier Arbeiten beginnender ProduzentInnen unterschiedlicher Richtungen gezeigt werden, auf charmant-humoristische Art. Die politischen Verhältnisse unserer Gesellschaft und ihre Verschränkungen von individuellen sowie kollektiven Zwängen und Wünschen nehmen in den Kurzstücken unterschiedliche Gestalt an.

Iris Julian lädt in einen installativ als de/valuationsmaschinerie genutzten Raum mit Videopräsentationen, der von Performerin Lena Wicke-Aengenheyster zum Vortragsraum umfunktioniert wird. Dass eine Inkorporierung in die Erwerbsgesellschaft auch zur Ausgrenzung von Lohn- und Versicherungsleistungen führen kann – Stichwort „Generation Praktikum“–, trägt eine so formell wie sexy gekleidete Frau in artifiziell klingendem Sprachduktus vor. Die Präsentation unangenehmer Fakten wird mit Chantal Mouffes und Edward Saids Aussagen zu Inkorporation und Kritik verwoben. Die Fähigkeit sich mitzuteilen und die drohende Gefahr, dass Verstehen niemals eingelöst wird, sind in den Videos und über das Format einer theatralen Lecture-Performance thematisiert. Der Körper ist das Sinnbild, auf dem sich die Verschiebungen von Grenzen – In- und Exklusion – in Form von grotesken Gliedverrenkungen und Funktionsverlusten ihre Wege bahnen.

Mit Hitchcock und MacGyver durch das Medienuniversum

Didi Resch und Tobias M. Draeger stellen in ihrem Duett The Medium is the Manege Szenen aus Alfred Hitchcocks Film „Marnie“ und der TV-Serie „MacGyver“ nach, um die Dominanz des Kamerablicks freizulegen. Dialoge werden jeweils einzeln hintereinander vorgetragen: Durch das Zusammensetzen der einzelnen Figurenzeichnungen kommt etwa zur imaginierten Kussszene ein exzessiver Weinkrampf hinzu. Körper- statt Technikeinsatz ist hier das Mittel der Kritik. Lucie Strecker und Klaus Spiess lassen Tänzerin Salka Ardal Rosengren zur Wissenschaftlerin, Aerobictrainerin und Bloggerin werden. Fictional Offender macht darauf aufmerksam, wo sich die mäandernden Grenzen des Körpers und der Medien befinden, wie sich Ausschlussmechanismen auf so unterschiedlichen Wissensplateaus wie der Immunologie und dem World Wide Web angleichen und mit welchen Inszenierungen wir Lebewesen uns konfrontieren wollen.

Touch me, Love. Pick me up and throw me, heißt Mirela Baciaks und Nicholas Hoffmans Performance, die Konzepte von Spielverhalten und Geschlechterrollen kombiniert zur Aufführung bringt. Angeblich standardisierte Szenen des menschlichen Paarungsverhaltens werden durchgespielt, um mit Hilfe einer lachenden Plüschkuh eine Steigerung ins schier unermesslich Absurde zu erfahren.
Überraschend ist, dass nicht individuelle Probleme in den Vordergrund gerückt werden, sondern die Szenerien von den Herausforderungen der Gesellschaft erzählen. Die Stücke, in denen allein persönliche Befindlichkeiten beäugt wurde, gehören, so scheint es, vergangenen Jungchoreografenabenden an.

Politische Fragen im Theater zu stellen, ist zeitgemäß. Die von Philippe Riéra (Superamas) gecoachten Beteiligten am diesjährigen Stückwerk-Format inszenieren die Wirklichkeit mit einer Sensibilität für die Fragen einer Zivilgesellschaft. Diese Inszenierungen sind ebenso zeitgenössisch in dem Sinn, dass die Zeitgenossen aufgefordert werden, mehr wissen, mehr beitragen und mehr verändern zu wollen.


(26.6.2011)