|
TOXIC DREAMS VERFREMDET TSCHECHOWS REALISTISCHES THEATER ZUR MODELLHAFTEN OPER "PINK VANJA" IM BRUT WIEN
Von Judith Helmer
„Damn old age“ - „Life stinks“ - „I love
trees“ - so und so ähnlich bricht Yosi Wanunu, der bei der Oper "Pink Vanja“
von toxic dreams für Text und Regie zeichnet, seinen Tschechow runter. Die
Koproduktion des freien Theaters und brut Wien zeigte bei seiner Uraufführung,
was übrig bleibt, wenn man Anton Tschechows Stück „Onkel Wanja“ mit extrem verknapptem Text auf seine
Handlungsstruktur reduziert, ihm aber anstelle der genommenen Sprachsinfonie
eine intelligent gestrickte, sich aus rhythmischen Keimzellen entspinnende Musik
zur Seite stellt. Dazu noch einen Schuss Theatertraditionenreflexion und viel,
viel Pink - das waren die Zutaten des gut gemachten Experiments.
„Gut gemachte“ Produktionen seien selten
geworden, sehr selten, schreibt Wanunu in seiner Erklärung zu den Entwicklungen
des experimentellen Theaters der letzten zehn bis zwanzig Jahre, über die er
sich unzufrieden zeigt. „Ermüdende Langeweile“ gewahrt er in den Trends der
zeitgenössischen Performance und stellt sich an, es anders zu machen. Dabei ist
„Pink Vanja“ schönster, gut gemachter Dekonstruktivismus - auch eine Strömung
der vergangenen Jahre. Wanunu setzt Tschechows Strategie des künstlerischen Realismus
außer Kraft und spiegelt den Theatertext stattdessen in der eigenen Verfremdung
und in der Musik von Michael Strohmann. Oper als das Format der größten
Künstlichkeit und Komprimierung dient dabei als Gerüst und zeigt sich als
doppelt gut gewählt: sowohl das angestrebte Aus-den-Angeln-Heben des Textes
funktioniert wunderbar, und geht - wichtig, um nicht selber verheerende
Langeweile zu produzieren - Hand in Hand mit dem Schaffen eines höchst
eigenständigen, neuen Werkes.
Teuflisch gute Kommentare
Langsam hebt und senkt sich bei Tschechow der
Vorhang, um wie die sich öffnenden Augenlider den Blick freizugeben auf das
Bühnengeschehen. Im leeren Raum des Blackbox-Theaters gibt es schon lange keine
Vorhänge mehr - und so erschafft Wanunu einen leibhaftigen, lebendigen, bei dem
sich die Zuschauer eher die Augen vor Verblüffung reiben: Anna Mendelssohn als
spitzzüngige, prägnante Mastress of Ceremony, die die Conférencièrefunktion
übernimmt und das Stück ein- und ausleitet. Zu akkurater Haartolle und ganz
kleinem Schwarzen fehlt ihr eigentlich nur noch der Pferdefuß und ein Hauch von
Schwefelgeruch, denn etwas Teuflisches hat die hübsche junge Dame schon an
sich, wie sie da die Dienstfertigkeit des eigenen Schauspielerberufsstandes in
den Dreck zieht und zugleich bedient. Auf dieser augenzwinckernd dargebrachten
Kippe spielt die ganze Oper weiter: Sie ist, was sie ist, und pervertiert
zugleich ihr Sosein, indem sie es zelebriert.
Da ist also der auffahrende, stürmische Wanja himself, von Cezary Tomaszewski in leidend grummelnder Pose gespielt (und
gesungen), der - achtung, kleine teuflische Einflüsterung: damit sich überhaupt
etwas tut in dem beschaulichen Landhaussetting - vehement verliebt ist in Elena
(Jeannie Mayr), die schöne Frau von Professor Serebrjakow (David Prohaska), die
aber wiederum eher Augen für den Arzt Astrow (Alexander Braunshör) hat, in den
aber Vanjas Nichte Sonja (Irene Coticchio) unglücklich verliebt ist. Soweit der
reduzierte Tschechow.
Pinke Leidenskulisse
Wanjas Leiden am Leben wirkt vor der pinken
Nicht-Kulisse der nur mit glänzenden Bahnen in der knalligen Farbe ausgelegten
Bühne also von Anfang an als Selbstzweck, Leiden um des Leidens willen, damit
etwas geschieht in der Ödnis. Das Setting muss der Zuschauer schon selber
imaginieren, dazu helfen hübsch gemachte Pop Ups in Buchform (von Noemi
Baumblatt und Merle Kühner), die jeweils zu Aktbeginn aufgeschlagen vor den
Zuschauern hergetragen werden. So ist Theater - modellhaft, trickreich und
verspielt. Also wieder nur ein Zitat.
Ganz und gar originär wirkt dagegen die
exquisite Musik von Michael Strohmann, der sich für die Umsetzung seiner
Komposition kreative Mitschaffende suchte: Martin Siewert, Maja Osojnik und
Martin Brandlmayr. Eigentlich recht klassisch hat er den Figuren verschiedene
Instrumente mit ebenso eigenen Klangcharakteristiken zugeordnet und die schon
von Olivier Messiaens als „zweiter Modus der Transpositionsmöglichkeit“
gebrauchte Halbton-Ganzton-Skala verwendet, um zu nicht ganz eingängigen, aber
eben auch nicht vollkommen außerhalb des gewohnten Melodiegefüges stehende musikalische
Abbilder der Figuren zu schaffen. Dabei variiert er stilistisch von durchaus
fast Musical-tauglichen Songs (wie dem Ohrwurm „Lovely weather for
hanging yourself“) bis zu komplexeren Stimmungsteppichen. Die
Band ist im Bühnenhintergrund mindestens genauso präsent wie das
Schauspielervolk, das entweder seitlich auf seinen Auftritt wartet oder von der
MC angefordert die gewünschten Szenen gibt. Schade, dass das stimmliche
Ausbildungsniveau so heterogen ist - denn „Pink Vanja“ ist eine vollwertige Oper,
und als solche verlangt sie nach professionellen Sängern - wo doch sonst alles
so gut gemacht ist in dieser Ausnahme-Produktion.
Bleibt die Frage, was bleibt. Wenig
realistischer Pessimismus, nichts von der Sprachgewalt des „Onkel Wanja“, eine
Ahnung des Settings. Wanunu hat stattdessen ein Theatermuseum geschaffen, durch
das man mit geschlossenen Augen gehen muss, um es zu sehen. „Onkel Wanja“ ist
nur der Vorwand, das Paradestück, das als solches als Schablone für die beim
Museumsbesuch zu projizierenden Bilder von method acting, melodramatischem
Spielstil, Armem Theater und schlussendlich Jérôme Bels Metatheater fungiert. Ein
unterhaltsamer, höchst unkonventioneller Museumsbesuch. Wanunu hat die von ihm
deklarierte Problematik der Performanceentwicklung also nicht vom Tisch gefegt
und trotzdem gründlich damit aufgeräumt.
(18.11.08)
|