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KATE MCINTOSH UND DER VERUCH, IM WIENER BRUT DAS CHAOS ZU KONTROLLIEREN
Von Sabina Holzer
Etwas ist vorhanden. Dieses Etwas ist ein Ding. Und wenn dieses Ding ein Dasein hat, ist es egal, ob es sich um einen materiellen oder einen ideellen Gegenstand handelt. Wie kann ich erkennen ob ein Ding ein Dasein hat? Ich muss es wahrnehmen, entweder mit meinen Sinnen oder durch mein Denken. Das, was ich nicht wahrnehmen kann, was ich nicht denken kann, ist es trotzdem existent? Sind materielle Bestandteile grundlegend für das, wovon sie Bestandteile sind? Gibt es etwas außer den wahrnehmbaren Dingen? Wie ist das zum Beispiel mit Raum und Zeit? Oder mit der Lichtgeschwindigkeit oder gar mit multiplen Universen?
Oder unserem Körper? (Der jetzt hier nur einfachheitshalber als Ding bezeichnet wird.) Seine Atome bestehen zu 99,9 Prozent aus leerem Raum. Nähme man diesen leeren Raum weg, würden wir auf ein Zehntausendstel unserer Größe schrumpfen. Wie können wir in Anbetracht dieser Tatsache unseres aktuellen Daseins so sicher sein?
Man macht sich so seine Gedanken. Und was haben eigentlich Gedanken mit dem Leben zu schaffen? Unter uns gesagt, auch Gedanken sind schwer zu fassen, obschon sie ähnlich dem Raum um die Atome, einen großen Teil unseres Daseins ausmachen. Man versucht, ihrer habhaft zu werden und teilt sie ein, in Irrationales und Rationales, in Bewusstes und Unbewusstes, um nicht ins abgrundtiefe Chaos zu stürzen, sobald man sich den großen, den brennenden, den dringenden Fragen zuwendet. Gegen die große Fliehkraft
Und genau das tut die aus Neuseeland stammende, in Belgien lebende Künstlerin Kate McIntosh in ihrer neuen Arbeit „Dark Matter“. Der Titel ist Phänomen und Metapher: Dunkle Materie ist, so glaubt ein Teil der Astrophysiker, überall. Sie ist Teil unseres Sonnensystems, unserer Galaxie, sie erfüllt sogar den Raum zwischen den Galaxien. Direkt nachweisbar ist sie allerdings nicht. Die Forscher nehmem aufgrund mathematischer Berechnungen an, dass es eine solche dunkle Materie theoretisch geben muss. Denn sie entdeckten, dass sich die Sterne in unserer Galaxie mit einer viel zu hohen Geschwindigkeit um deren Zentrum drehen. Also muss es da noch eine gewaltige Kraft geben, eine große Masse, die dieser enormen Fliehkraft entgegenwirkt.
Was könnte ein besserer Ort dafür sein, diese Fragen des Hier und Jetzt und des Nicht-Hier und Nicht-Jetzt aufzuspüren als das Theater? Der Ort, an dem Schein und Sein ineinanderfließen will, der Ort, an dem Ideelles und Imaginäres sichtbar oder spürbar werden will, um ein Universum nach eigenen Gesetzen zu gestalten. Was könnte ein besser Ort sein, wo doch die potentielle Realität im Theater jedes Mal auf einen einzelnen Ausdruck subsummiert wird, der sich augenblicklich in der Vielfalt der Zuschauerwahrnehmung wieder auflöst. Und was könnte eine bessere zeitliche Inszenierung sein als die Nacht, die späte Nacht, dann nämlich, wenn die Fragen wirklich groß werden und man sich selbst winzig klein wähnt im Angesicht der ewigen Sterne?
Kate McIntosh platziert sich mit Thomas Kasebacher und Bruno Roubicek als aberwitziges Dreiergespann in einem Late Night Show Format, das zwischen Storytelling (Texte in Zusammenarbeit mit Tim Etchells, Dramaturgie von Pascale Petralia) und Versuchsanordnung oszilliert.
Die Bühne ähnelt einem Zauberkasten. An der hinteren Wand hängt ein Tuch mit kleinen Lichtern, ein trashiger, nächtlicher Sternenhimmel. Allerlei Objekte werden gleich zu Beginn auf die Bühne gebracht - und zwar in einem Tempo, als ginge es ums nackte Überleben: schwarze Luftballons, Papiersäcke, ein dickes Seil, Säcke voll mit Mehl und ein Brett. Sie sind im Laufe des Abends unterschiedliche Träger von Zuschreibungen, fungieren als Soundinstrumente, als Bilder, sind immer stofflich und materiell, und zugleich immer mehr als sie sind.
Etwas scheint außer Kontrolle zu geraten
McIntosh als Lady Late Night im grünen Glitzerkleid, etwas betrunken schon - von all den Fragen, von all dem Trank, der ihr zwischendurch immer gereicht wird - führt durch den Abend. Thomas Kasebacher und Bruno Roubicek in klassischen hellen Anzügen werden von ihr einmal als „Unbewusstes“ und „Bewusstes“ bezeichnet. Sie sind so etwas wie verkörperte Gedanken, die fordern und helfen, einspringen, illustrieren und ergänzen, sich zurückziehen, um sich dann wieder mit vollem Einsatz in den Vordergrund zu spielen; grundlegende Alarmbereitschaft, die sich zuweilen mit völliger Selbstversunkenheit abwechselt.
Alle drei hantieren mit diesen Objekten, versuchen Fragen von Raum, Zeit, Existenz und deren Beobachtung zu veranschaulichen. Manchmal alleine, manchmal zu dritt im chaotisch ausufernden Durcheinander. Die Aktionen und kleinen Tänze haben slapstickartigen Charakter und sind durchsetzt mit selbstreferenziellen Brüchen.
In dieser Late Night Show ist alles schon etwas aus der Form geraten und die Grenzen sind fließend, zwischen dem Ich der Performer und den Figuren, zwischen den faktischen Fragen und fiktiven Antworten, zwischen Wissenschaft und Emotion. Wenn das Immaterielles sich zuweilen in Neugier, Erwartungen, Worten, Fragen, also Ideen äußert und mit dem Materiellen in Kontakt tritt, scheint sich immer etwas zu verselbständigen und außer Kontrolle zu geraten.
McIntosh, Kasebacher und Roubicek exerzieren mit Bestimmtheit eine tapfere Ungeschicktheit in der Welt der Dinge, die sich den Ideen niemals ganz unterwerfen wollen. Sie sind hinreißend hingerissen. Gerne läßt man sich mitnehmen auf diese pataphysische Reise voller Witz und Hintergründigkeit.
(1.3.2010)
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