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Maria Callas' letzte Wohnadresse

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RAIMUND HOGHES „36, AVENUE GEORGES MANDEL", PREVIEW THEATER IM PUMPENHAUS MÜNSTER

Von Franz Anton Cramer

Wohl kein anderer zeitgenössischer Künstler hat ein so fragloses Anrecht darauf, mit dem Begriff der Schönheit zu hantieren wie Raimund Hoghe. Und das nicht etwa aufgrund seiner körperlichen Erscheinung weit abseits formatierter Bildnormen, die je und je auf das leibliche und semiotische Sein des Individuums gestülpt werden. Sondern weil Hoghe vom ersten Stück an, das er „gemacht" und aufgeführt hat, mit besonderem Kalkül nach Möglichkeiten sucht, die jeweiligen Parameter der Aufführung in ihrer Selbstständigkeit, Einzigkeit und Würde zu bewahren und sie doch immer in einen Zusammenhang, ein Performativ eben, einzubinden, welches diese Parameter (als Anteile, Themenstellungen, Anliegen, Artefakte) nochmals erhöht und ihnen im Rituellen, in der Andacht, der Reduktion und dem Atmosphärischen eine Strahlkraft verleiht, die dann als schön bezeichnet werden darf.

Das sind nur teilweise Behauptungen, die aus einer Geschmacksargumentation heraus entstehen. Aber wo auch immer sie herkommen, sie prägen den Blick auch auf Hoghes jüngste Arbeit. „36, Avenue Georges Mandel“ hatte am 11. Mai 2007 seine Welturaufführung in Korea, wird am 17. Juli in Avignon der europäischen Szene vorgestellt und war Ende April als deutsche Preview im Münsteraner Theater im Pumpenhaus zu sehen.

„Casta Diva“ 

Das 80-minütige Stück ist ein Solo für Hoghe, bei dem anfangs und dann am Schluss je ein Assistent bzw. ein Gegenüber auftaucht: Luca Giacomo Schulte, sein langjähriger Mitarbeiter und künstlerischer Berater, außerdem der französische Tänzer Emmanuel Eggermont. „Meine Arbeit ist für mich auch ein Anlass, über Schönheit zu sprechen", schreibt Hoghe im Programmzettel. Es ist angesichts eines Stückes, das der Künstlerin Maria Callas gewidmet ist, auch für den Beobachter Anlass, über Schönheit zu sprechen.

Die Bühne präsentiert sich schlicht. Hinten ist ein Fenster nicht abgehängt, man blickt durch erblühende Fliederbüsche auf eine Hauptverkehrsstraße. Am Boden verteilt Kleidungsstücke, ein Buch, eine blaue Glasschale, ein Paar Damenschuhe. Hoghe liegt im Hintergrund, mit einer Wolldecke des Roten Kreuzes zugedeckt. Luca Schulte umrahmt alle Gegenstände mit Wasser, das sofort wegzutrocknen beginnt. Dann erklingt die erste Arie, gleichsam der Evergreen der Callas: „Casta Diva". Es folgt die Heimatarie aus „La Walli“. Erst jetzt steht Hoghe auf, lehnt mit dem Rücken an der Wand und trägt die Decke wie einen Umhang. Er öffnet gemessen die Arme, breitet sie wie Flügel aus, legt sie wieder an sich. Anschließend zieht Hoghe seine Schuhe aus, schlüpft in die Damenschuhe in der Bühnenmitte und schreitet die Bühne in geometrischen Wegen ab, um die Objekte herum, deren feuchte Kontur schon fast völlig verdunstet ist. „Jeder beliebige Gegenstand kann zum Träger jenes zittrigen Schimmers werden, jenes mehr oder wengier unerträglichen Strahlens, das man das Schöne nennt", schreibt Marie-Françoise Ehret 2001 in ihrer Erzählung „Raimund Hoghe. L'ange inachevé“.

Ein Titelphoto 

Zwischen die verwendeten Musikeinspielungen - Arien zunächst aus dem italienischen, dann dem französischen Repertoire - gibt es andere Tondokumente, meist Interviewmitschnitte, in denen Maria Callas als Person vorkommt. Verblüffend an diesem Arrangement ist die weitgehend kommentarfreie Huldigung an Maria Callas und ihren unerhörten künstlerischen Rang. Hoghe macht kein Hehl aus seiner Verehrung - noch den Schlussapplaus wird er an die durch ein Titelphoto auf einem Biographieband repräsentierte Diva umlenken -, und doch bleibt seine Haltung gegenüber der Fülle, der Schicksalhaftigkeit und der „Göttlichkeit" von Callas' Stimme sozusagen interesselos. Ohnehin ist die Perspektive auf den Ort gelenkt, weniger nach dem Wesen. Der Titel des Stücks bezieht sich auf Callas' letzte Wohnadresse in Paris. Hoghe nennt nicht ihren Namen (als sei er ein Unaussprechliches, als rufe man damit Mächte auf, die nicht mehr zu bremsen, zu kontrollieren, aufzuhalten sind), er verehrt nicht einen Star, sondern er umkreist die Frage nach dem Ort, der Ver-Ortung im Irdischen und Materiellen, welches dieser Stimme, dieser Interpretationskraft, dieser Gestaltungshöhe das Fundament gibt, den Körper und die Substanz. Die Person selbst bleibt im Werk, in den Dokumenten - den Tondokumenten, der Gesanglichkeit als Wesenszug - auf spezifische Weise gegenwärtig. Es bedarf keiner besonderen Geste.

Dennoch ist Hoghe auch ein Meister der Geste, und gerade in einem solchen Projekt zählt noch die kleinste Regung der Hand, die unmerklichste Wendung des Blicks, und um wie viel mehr das Anlegen oder Abstreifen von Kleidungsstücken, die stehende oder liegende Position. Hoghe wechselt Hemd und Hose, von beige zu schwarz. Hoghe kniet vor der blauen, mit wenig Wasser gefüllten Glasschale, legt die Stirn auf den Boden, wie in Anbetung, wobei sein Rücken über ihm emporzuragen scheint.

Ihre Einsamkeit 

Dann legt er sich auf die Notdecke. Spürt er vielleicht der Einsamkeit nach in dieser Wohnung im vornehmen Pariser Westen, der Ausschließung aus einer materiellen und sozialen Welt, die eben nicht die Ablösung des Werks von der Person, nicht die künstlerische Aussage von den Umständen vornehmen mag, unter denen die Künstlerin lebt? In dieser Richtung jedenfalls gehen die immer wieder eingespielten Interviewausschnitte, in denen Callas bald Antworten ablehnt, bald schonungslos Auskunft gibt über ihre Einsamkeit, die Zurückweisung durch ihre Familie, den Mangel an menschlichen Bindungen, die Bösartigkeiten, mit welchen man ihr begegnet, die übertriebene Glorifizierung.

Hoghe wickelt sich in die Decke ein, als habe er sich zum Sterben gelegt. „What is so extraordinary about what I am doing?", fragt dazu die Stimme. Und antwortet: „Nothing! I know how to sing, that's all." Und setzt hinzu: „Glory goes to people's heads." Sie spielt sich selbst herunter, um die Mystifizierung zu unterlaufen.

Ritual der Begeisterung 

Zur „Habanera" der Carmen, die Callas nie auf der Bühne, nie in einer Opernaufführung gesungen hat, posiert Hoghe im Ausfallschritt, mit hochhackigen Schuhen. Dann steht er hinten, in lässiger Haltung, das Spielbein ausgestellt, die Arme vor der Brust verschränkt, als sei ihm alles schnurz. Seine eigene Darstellung, die Überhöhung der Musik, das Ritual der Begeisterung (in den historischen Konzertmitschnitten hört man den Jubel aufbranden mit einer Intensität, die heute uneinholbar erscheint) - das alles verblasst als ständige Grundierung vor der Einzigartigkeit der musikalischen Äußerung als etwas Heiligem und Beiläufigem zugleich.

Wie auch das Tondokument ihrer Abschlussansprache nach einer Masterclass. Fast plaudernd erläutert Maria Callas die Arbeitsweisen und den Auftrag, das musikalische und künstlerische Wissen möglichst redlich auf „andere Partituren und Partien" anzuwenden, nicht an Glanz, Erfolg, Effekt zu denken, sondern dem Wesen der Musik die Treue zu halten. „You are young, you have to find your way. That's all I have to say." Kunst, Vollendung, Schönheit sind im Grunde nichts Besonderes. Und zugleich sind sie für immer entrückt. Auch in der Wiederholung.

 

(14.5.2007)