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WE ARE UTOPIAN CRAFTSMEN 09.März 2007: Markus Schinwald spricht im revoltierenden Kopf von Jack Hauser.
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Es gibt mehrere Gründe, in meinen Filmen mit Performerinnen und Choreografen als Darsteller zu arbeiten. Ein ganz pragmatischer: Wiener Schauspieler kommen alle aus einem Theaterzusammenhang. Sie versuchen bei jeder Bewegung ihr Können zu zeigen. Sie schlüpfen mehr oder weniger in eine konkrete Rolle. Und das eignet sich bei meinen Filmen überhaupt nicht. Mit Laien ist die Schwierigkeit, dass du sie auf der Straße interessant findest, aber sobald sie eine Kamera sehen, unnatürlich werden. Bei Performern, die an Publikum und Kamera gewöhnt sind, finde ich die für meine Arbeit brauchbaren Mikro-Bewegungen. Und Performer können mit Metaphern umgehen.
Im Film "1st part conditional", bei der Zusammenarbeit mit dir z.B. wollte ich einen Körper, der nicht extrem schwitzt, sondern einen Körper, der weint. Schauspieler oder Musiker haben einen anderen Umgang mit ihrem Körper als Performer. Und der Umgang der Performer mit ihrem Körper hat auf mich abgefärbt. Es gibt eine gemeinsame Geschichte. Es gibt verschiedene Ebenen der Abstraktionen des Körpers. Ein Arzt stellt ganz andere Fragen an den Körper, als es der Tänzer tut. Oder ein Akt-Maler. Schon während meines Mode-Studiums galt mein Interesse mehr dem Körper als der Mode. Die praktische Arbeit begann jedoch erst durch die Zusammenarbeit mit Lux Flux & Saira Blanche Theatre bei "Out Of Season". Es wirkte wie ein Initial, denn Objekte wie das Jubelhemd stellten davor immer die Frage: Wie zeige ich mich? Durch diese Performance hat sich das "Getragen-werden-müssen" zufällig ergeben und in Szene gesetzt. Wie auch meine Inszenierungslust eher biografische Gründe hat. Mit vier oder fünf war ich Statist bei den Salzburger Festspielen. Vor der bildenden Kunst hatte ich viel mit Oper zu tun. Und diese Neigung ist mir immer geblieben, obwohl auf der obersten Hierachiestufe der bildenden Kunst noch immer der Minimal-Look steht. Dadurch manövriere ich mich in Situationen, die mich zu einem anderen Denken zwingen. Oder Ästhetiken aus low-culture in die high-culture zu bringen. Man muss neue Sachen ausprobieren. Man muss das Risiko des Scheiterns eingehen. Der Marionettenmann ist eine gefährliche Sache. Er wirkt in einer Ausstellung gleich einmal recht nett. Oder geht in einer Gruppenausstellung wegen des breiten Interpretationsspielraums der Puppe oder Marionette in die falsche Richtung: Kirmeszeug. Gruselige Unterhaltung. Ich sehe dagegen das Unheimliche als ein Heimliches mit Lücken oder mit einem falschen Ende an. Irgendetwas stimmt am Heimlichen nicht.
Gerade im Filmgeschäft gibt es starke Hierachien, die mir sehr unsymphatisch sind. Ich dagegen arbeite gerne zusammen. Ich gehe gerne Komplizenschaften ein und führe mit jeder beteiligten Person einen individuellen Gedankenausstausch. In jeder Branche und jedem Metier gibt es eigene Begriffe. Und für meine Werke habe ich spät erst entdeckt, dass ich in Moll arbeite – um als Musiker zu sprechen. Da ich die Medien oft wechsle, kann ich mir das Wissen von völlig Fremden zunutze machen. Ich imitiere die Rolle des Regisseurs, da ich nicht begreife, was ein Regisseur genau macht. So ist es mir am Anfang mit der Kunst auch gegangen. Das Begehren führt. Es gibt wenig Filme ohne Spannungsbogen, die mich so beeindruckt haben wie Crash von David Cronenberg. Der Anfang des Films ist nicht höher einzustufen als sein Ende. Er ist extrem kühl und verhandelt ein heißes Thema. Der Unfall als Coitus von Mensch mit Auto. Das Verhältnis Auto oder Möbelstück zum Menschen, z.B. als Unfall, hat mich schon immer interessiert. Crash ist ein pornografischer Film. Ein analytischer Pornofilm, der zu weit entfernt ist, um zum Masturbieren zu animieren.
Die Körperapplikationen, Prothesen in meinen Arbeiten stehen nicht für die Korrektur eines Mankos, sondern gegen das Normale. Gegen das Glatte. Gegen Standards. Gegen Systeme. Gegen die Haltung, dass man das Leben so akzeptiert, wie es ist. Ich möchte mich weder für eine bürgerliche Existenz noch für das Wildsein entscheiden. Um mit Kant zu sprechen: Unendliches Urteil. Der Orgasmus ist nicht das Ende. Er ist das Ende einer Erregung, und die nächste kommt gleich.
Die Art, wie ich mir Filme ansehe, hat selten etwas mit Geschichten zu tun. Ich will einen Film absichtlich missverstehen. Mir reichen oft Fragmente, Details. Bei der Literatur ist mir Pynchon lieber als Handke. Und momentan ist mir durch die Arbeit an der Sitcom für das Tanzquartier Wien die Comedy lieber als der Porno. Und hätte ich jemals einen Kunstporno gemacht, wäre er sicher in die Hose gegangen. Ich finde es ehrenhafter, an der Comedy zu scheitern als am Porno. Warum ist Pornographie verboten? Was ist die Furcht vor einer frei zugänglichen pornographischen Ware? Weil sie, wenn sie gut gemacht ist, zu viel in Frage stellt. In Gegensatz zu der libertinen Haltung eines de Sade, die politisch und gegen das System war, gehen heute Leute in einen Swingerclub, um etwas anderes zu probieren; völlig ohne politsche Note. Wie als Belohnung. Wie einmal im Jahr in den Urlaub fahren. Andererseits sind heute Institutionen der Kunst konservativer als ein Geographieprofessor in den 80er Jahren. Die momentane reaktionäre Haltung im Kunstmarkt: Kunst muss wieder wie Kunst ausschauen. Was könnte ein pornografisches Leben sein? Wenn es so etwas gibt, dann ist es nie ein Leben, das man selber führt, sondern es funktioniert über die Behauptung. Man kann es auch nicht alleine führen, und es braucht einen Dritten, der es bemerkt. Und es muss freiwillig geschehen.
Manche meiner Objekte machen nur durch die Nachbarschaft zu anderen Objekten Sinn. Wie Theaterrequisiten. Eine Nymphendarstellung, auf die Lautsprecherabdeckung gedruckt, aus der ein Liebeslied von James Joyce klingt. Mariendarstellungen, wo der Faltenwurf die Form einer Vagina hat. Off-Stimmen. Der geschlossene rote Theatervorhang bedruckt mit zahllosen Gesichtern. Davor in einer Vitrine: Venus geöffnet. Meine Filme sind poetry. Texte, die gesprochen besser sind als gelesen. We are utopian craftsmen. Man sollte Hölderlin wie poetry der Beat-Generation lesen. Cool. Eine unkalkulierbare Haltung innerhalb der Gesellschaft und des Kunstmarktes. Obsession ist kein Thema. Ich arbeite nicht biographisch. Kunst machen kann jeder, nur machen tut es nicht jeder. Und gut machen schon garnicht. Ich habe keine Ahnung, wohin es gehen könnte.
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