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MIKI MALÖR UND DAS BEGEHREN IN "TIGERBALSAM", KOSMOSTHEATER WIEN
Von Helmut Ploebst
Was tun, um sich in dieser Welt zurechtzufinden? Die Wiener Performerin Miki Malör reproduziert eine Idee: radikal vereinfachen, Begriffe finden und mit deren Hilfe Modelle bauen, die, übereinander geschichtet, unseren Realitätszugang darstellen. In ihrer jüngsten Arbeit, „Tigerbalsam“, fügt Malör performative Funktionen zu bezaubernden Maschinen zusammen.
Am Anfang, so die These, ist die Werkstatt. Dort arbeiten Menschen an Herstellungen - abstrakter: Funktionen an Produkten. Es bedarf einer Figur. Also stellt die Malörsche Produktionsstätte unter der Regie von Miguel Angel Gaspar eine solche her. Sie heißt erst Frau und dann Miki Malör. Weiters bedarf es einer Stätte, die diese Figur aufnimmt und rahmt. Also wird eine Box ins Zentrum der Bühne gestellt, die aussieht wie ein mit der Öffnung nach vorne gekippter Schüttkasten.
Das Zusammentreffen von Figur und Box erzeugt eine Maschine. Deren Peripherie ist die mit sehr viel Zeug vollgeräumte Werkstatt, in der sich auch eine Soundwerkbank befindet, hinter der David Ender an der musikalischen Beweisführung dafür hobelt, raspelt und hämmert, daß hier auch an einer Referenzmaschine gebaut wird, die weitaus größer ist als das Kosmostheater. Die Tigerbalsam-Salbe wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts von dem Drogisten Aw Chu Kin in Rangun erfunden. Sie wirkt gegen Verspannungen (in ihrer roten Version) und gegen Juckreiz oder Atemwegsinfekte (in der weißen Version).
Der inwendige Messie
Daß das Leben juckt und zu Verspannungen oder Husten führt, ist bekannt und anerkannt. Daß das Theater eine Apotheke sein kann, auch. Wie der Tigerbalsam eignet sich das Theater ausschließlich zur äußerlichen Anwendung. Man muß es eine Zeitlang einziehen lassen, bis es wirkt - und so ist es auch bei „Tigerbalsam“, dem Stück, das im Untertitel „A Silent Movie Live on Stage“ heißt. Frau Malör setzt sich im kleinen Schwarzen in die Box und blickt durch ein Fensterchen hinaus. Sie erzählt, was sie sieht. Worte im Stummfilm? Ein Scheinwiderspruch. Denn die Künstlerin wendet den Text an wie die vielen Objekte und Objektkombinationen, aus denen sie ihre Maschinen erzeugt.
Keine Arbeit ohne Zuarbeit. Das zentrale Objekt braucht seine Zusammenhänge, und die müssen zu Demonstrationszwecken animiert werden, hier von Anne Frütel, Gerda Schorsch und Red White. Da der Blick eine äußerliche Anwendung ist wie das Theater (theatron, gr. „Schaustätte“), zeigt die Einsicht in den Schüttkasten, aus dem erst Autos quellen und dann Mäuse, Schachteln und immer mehr Versatzstücke aus dem Alltagsmeublement der Stätten des Verinnerlichten. In Massen, denn inwendig ist der Mensch ein Messie. Wer glaubt, aufgeräumt zu sein, der leidet schon an einem Realitätsverlust, und wer nicht mehr durch seine Einrichtungen zu schauen vermag, verliert das bißchen Durchblick, das uns in einem Leben gegönnt sein kann, auch noch.
Schlaflosigkeit der Bilder
Die Modelle der Dinge im intrapsychischen Magazin jedes einzelen erzeugen Begehren oder sind Produkte desselben. Während der knappen zwei Stunden, die „Tigerbalsam“ währt, werden viele solcher Modelle materialisiert, sie entledigen sich ihrer Symbolfreiheit und eignen sich so für analytische Operationen. Und diese wendet Malör so an, daß ein Zauber entsteht, eine Poesie, eine Bildermusik als visuelles Pendant zu Enders live gesampelter und erwerkter Filmmusik. Die Bilder werden nicht müde in der Maschine, sie drängen aus ihrem Schüttkasten, werden gezogen und geschoben und geblasen, denn die Begehrensmaschinen werden zu drängenden Wunschmaschinen und das Ausschütten ist Teil der Erfüllung.
Dem gegenüber staunt das Publikum, weil es wahrhaftig zum Zeugen einer Zauberei wird, in der alle Herstellungstricks offenbart werden, was die Wirkung noch steigert. Das Geheimnis der Enthüllung besteht in der Magie der Offenlegung, die eine Geste des Einweihens darstellt. Und ein solcher Gestus trägt den philosophischen Gehalt dieser Arbeit. Durch die Enthüllung verliert sich das Charisma des Enthüllten nicht, allen Behauptungen religiöser Fundamentalisten zum Trotz. Nicht von ungefähr bedeutet Aufklärung im Englischen „enlightenment“. Davon leitet die erklärte Atheistin Miki Malör eine Spiritualität ab, in der sich die Zuschauer nicht verlieren, sondern finden.
„Tigerbalsam“ ist ein Tanz von Maschinen und Maschinchen, die sich aus dem Messietum der Weltverarbeitung schälen und dem schroffen Begriff der Referenzmaschine eine ganz und gar sexy Duftnote verleihen. Denn die Anspielungen auf Film, Theater, Repräsentations-Kodes, Objektdiskurs und Musik-Raum-Spiel-Theorie kommen hier so leicht, undidaktisch, suspensegeladen und trotzdem freundschaftlich daher, daß sich das Publikum am Ende ganz entspannt und weltgehalten in seine eigenen Bilder applaudieren kann.
Noch am 8. und 11.-15.11.2008 im Kosmostheater/Wien, 20.30
(8.11.2008)
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