Maske und Galionsfigur

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EIN HELDENLIED VON LINDA SAMARAWEEROVÁ UND KARL KARNER IM TANZQUARTIER WIEN

Von Marlies Pillhofer


Im Hof des verschneiten Wiener Museumsquartiers baut Valentin Ruhry frierend ein Schlagzeug auf. Es ist Nacht, und der Kontrast zur Sommerzeit ist so sichtbar wie sonst nie, in diesem Moment, in dem niemand durchs Museumsquartier streunt, sich dort keine Gruppen feiernder junger Menschen treffen und kein Weekend-DJ den Hof beschallt. Langsam beginnt Ruhry zu spielen. Der Klang erfüllt das historische Umfeld mit einem Hauch von vermisstem Leben, der umgehend durch die lokale Sicherheitsinstanz im Keim erstickt wird. Anwesendes Publikum interveniert und feiert seinen Helden, als er der Kälte trotzend die Sticks wieder in die Hand nimmt und weiterspielt.

Die Idee des mittelalterlichen Heldenliedes diente als Grundlage der neuen Arbeit von Linda Samaraweerová und Karl Karner „I think we will have a good time - Chanson de geste“. Zum einen besteht bei den sogenannten Chansons de geste eine Verbindungsebene zwischen dem „Inneren“, der menschlichen Seele, und dem „Äußeren”, der Geste hier im Sinne von bewusster Darstellung innerer Vorgänge. Diese Gesten gelten auch als Link zu religiös oder politisch konnotierten Gegenständen und bilden somit nicht nur die Abbildung eines Menschen als solches, sondern auch seine Verortung in seiner Gesellschaft.

Die Gesellschaft, die sich zur Uraufführung von „I think we will have a good time - Chanson de geste“ im Tanzquartier Wien eingefunden hat, trifft im Theaterraum auf ein bewohntes Bühnenbild. Die Schauspielerin Lena Wicke-Aengenheste und der Künstler-Performer Karl Karner beobachten das eintreffende Publikum, das sich auf zwei gegenüberliegende Tribünen verteilt und so in eine mit den beiden Performern vergleichbare Position gesetzt wird. Wer teilt mit ihnen diesen Raum und diese Zeit? Welche Absichten verfolgt eine Aufführung oder besser: eine Vorstellung, als Bewusstsein um die Künstlichkeit des Geschaffenen?

Ohne Wasser kein formbarer Ton

In der Fortführung des Interesses von Samaraweerová und Karner am „öffentlichen Körper“, an einer Auseinandersetzung mit der Korrelation zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, wenden sie sich mit „I think we will have a good time“ auch zu einer neuen Ausdrucksform hinsichtlich der Verwendung von Materialien hin. An Stelle des aus vergangenen Projekten bekannten Schnabelwesens, einer Figur aus Latex, das sich wie eine zweite Haut über Kopf und Oberkörper schmiegte, tritt die Maske aus frischem Ton. Als formbares Material eröffnet der Ton einen Möglichkeitsraum - greifbar und doch vage in dem, was mit ihm dargestellt wird.

Der Akt der Verformung wird zur Geste des Verschwindens, ähnlich wie Samaraweerova, an eine Galionsfigur erinnernd, ihren Oberkörper auf ein Rohr stützt, nur um umgehend wieder aus dieser Pose herauszutreten. Sollte diese Figure einst darüber wachen, dass ihr Schiff seinen richtigen Kurs behielt, so gerät sie hier in eine zwiespältige Situation: Die Geste ist durch ihren Ausführenden wie durch ihren Empfänger in ihrem Wirkungsraum eingeschränkt, und so steht Samaraweerowás Pose in diesem Moment für den unmöglichen Versuch, das Unglück der fehlgeleiteten Kommunikation vermeiden zu wollen.

Das von Karl Karner gestaltete Bühnenbild gleicht einem Schlachtfeld auf dem Kinderspielplatz. Ein großer Berg als Objekt aus Ton am einen und ein Schwimmbecken am gegenüberliegenden Rand der Bühne bilden zwei oszillierende Pole. Ohne Wasser kein Ton, ohne Ton keine Notwendigkeit für Wasser. Dazwischen erobern sich die Performer Karl Karner, Sabile Rasiti, Valentin Ruhry, Linda Samaraweerová und Lena Wicke-Aengenheste gemeinsam mit vier Gästen Räume für Momentaufnahmen. Wenn Karner selbst sich einen Block Ton über das Gesicht legt und beginnt, darauf Grimassen zu schnitzen, postuliert er damit ein zweites Ich. Ein Ich, das in dieser Form mit einer fiesen Fratze ins Publikum grinst und doch an eine Maske erinnert, die dem Träger für den Moment mit einer neuen Identität überlädt.

Doch ist das nur Schein, einmal abgenommen, fällt sie wie ein Stein zu Boden und wird wieder zu einem Teil des beinahe organisch anmutenden Tonobjektes. Es ist ein Kreislauf, dem der Verlauf des Abends entgegenzuwirken scheint, gegen den er fast anzukämpfen versucht. Das anfängliche Austesten vonMöglichkeiten wird zu einem Sichdistanzieren. Hier wird Ton zum „partner in crime“. Er verliert seinen Hilfsmittel-Charakter und wird zum gleichberechtigten Performer auf der Bühne.


(14.02.2010)