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MIT DEM TAGESSCHAUSPIEL "BREAKING NEWS" VON RIMINI PROTOKOLL ENDEN DIE WIENER FESTWOCHEN 2008 IM MUSEUMSQUARTIER
Von Judith
Helmer
Neuerscheinung: RIMINI PROTOKOLL im Buch,
besprochen von Martina Ruhsam
Neun sehr
unterschiedliche Menschen, die, - obwohl sie auf einer Bühne stehen - wenn sie
„ich“ sagen, sich selbst meinen, spielten den letzten Festwochenabend 2008 im
Museumsquartier, „Breaking News“ von Rimini Protokoll. In diesem
„Tagesschauspiel“ werden Sender aus aller Welt per Satellit „angeschossen“ und
live bzw. zeitversetzt auf altmodischen TV-Flimmerkisten auf der Bühne gezeigt.
Als Experten des echten Lebens übersetzen, analysieren,
filtern und kommentieren die Spieler die kaum überschaubare Masse von
Nachrichten-Sendungen aus allen Teilen der Welt. Sushila Sharma-Haque kann die indischen Sender
verstehen, Djengizkhan Hasso ist für die arabische Welt zuständig und Simon
Birgisson berichtet, wie es mit den Eisbären in Island aktuell steht. Martina
Englert dolmetscht Russisch und Englisch, und Carsten Hinz versteht die
Lateinamerikanische Welt. Walter van Rossum gibt vergleichende Kommentare zu
ORF- und ARD-Nachrichtensendungen ab, während der ehemalige
Afrika-Korrespondent Hans Hübner als deus ex machina oder personalisierte Metaebene
über allem thront und Aischylos‘ „Perser“ zitiert.
Chef vom
Dienst dieser ungewöhnlichen Nachrichtenshow ist der AFP-Mann Andreas
Osterhaus, und Marion Mahnecke schneidet die Bilder in Echtzeit zusammen. Was
man da von den Medien und wie sie gemacht werden mitbekommt, ist weder neu noch wirklich radikal. Da dominieren News von regionaler Bedeutung, die aus der
Außenperspektive mehr Komik als Bedeutung zu haben scheinen, und vermeintlich
wichtige internationale Nachrichten werden relativiert durch die Erfahrung der
Redakteure, die deren Bestand anzweifeln und sie dennoch verbreiten. Ein
Waffenstillstand etwa wird aufgrund der Hoffnung auf seine Einhaltung gemeldet,
doch die Zweifel über seinen Bestand überwiegen. Eine makabre Messlatte für die
Wichtigkeit der Nachricht eines Anschlags ist die Opferzahl, doch auch hier
wird gewichtet: die Agenturmeldung über 51 Tote im Mittleren Osten schlägt sich
in den Zeitungen wahrscheinlich höchstens in einer kurzen Notiz nieder,
wohingegen eine vergleichbare Meldung aus einem weniger krisengeschüttelten
Gebiet es auf die Titelseite gebracht hätte.
Kalkuliertes Chaos
Rimini
Protokoll inszenieren ein bewusst kalkuliertes Chaos durch die Live-Berichterstattung,
die naturgemäß allabendlich wechselnde Themen in das Theater schwemmt, und sie
mischen dies mit geprobten Elementen, in denen Djenguzjahn, Simon oder Hans von
ihrem eigenen Leben erzählen. Dies ist oft überraschend, manchmal anrührend
oder witzig. Die Reibung zwischen dem Objektivität vorgebenden Ton der
Nachrichten und dem subjektiven Zugang der Menschen, die sie rezipieren, ist
der Treibstoff dieses Abends.
Viele
beteiligte Nationen, ein permanentes (Über-)Angebot und als Gegenüber die
Rezipienten, mit denen das alles erst Sinn macht - dies alles hat der
Festwochenabschluss mit dem Festival als einem Ganzen gemein. So gesehen ist
„Breaking News“ ein Fest des Theaters und eine Verbeugung gegenüber dem
Zuschauer.
Eine
Liebeserklärung an das Theater wird „Breaking News“ dann, wenn es die
Limitierungen des anderen Mediums, des Fernsehens aufzeigt. Wie die
Medienfachleute auf der Bühne erklären, funktioniert Fernsehen dann am besten,
wenn der Text den Bildern dient. Ein Text, der gegen das Gezeigte geht, kommt
beim Zuschauer nicht an. Im Theater kann genau diese Diskrepanz oft den
Mehrwert der Aufführung gegenüber dem geschriebenen Text ausmachen.
In
„Breaking News“ wird - auch das ist ja nicht eben ungewöhnlich, aber selten so
deutlich erlebbar wie bei den Arbeiten von Rimini Protokoll - die erste
Qualität der Spielform Theater besonders betont: es ist live.
Kritik, die nicht weh tut
Wie auch im
Programmzetteln betont wird, sind Helgard Haug und Daniel Wetzel (die Regisseure
von Rimini Protokoll) seit einigen Jahren im
deutschsprachigen Theaterfestivalbetrieb inflationär vertreten. Weil ihre Arbeiten mit dem immer
gleichen Clou, Experten des Alltags auf
die Bühne zu holen, sowohl für die Theoretiker als auch für das Publikum und
die Kritik so gut greifbar sind. Es macht Spaß, ohne platt unterhaltsam zu
sein. Und es ist kritisch, ohne weh zu tun. Dieses Prinzip können die beiden
nun totreiten (wie der von Renate Klett in ihrem Programmzetteltext
herangezogene Franz Wittenbrink, der jahrelang allerorten für die Theater thematische
Liederabende erfand, die das Publikum liebte). Alle möglichen Themen lassen
sich mit diesem Prinzip durchdeklinieren - mit wechselndem Erfolg. „Breaking
News“ will da mit seiner Medienkritik verhältnismäßig viel und erreicht dann
unterm Strich erschreckend wenig - abgesehen von dem, was bei Rimini Protokoll
eben immer geht, der Bonus für die ausgestellte Selbstinszenierung der
vorgeblich „echten“ Menschen. Denn echte Menschen, die sich permanent in Szene
setzen, sind wir ja alle.
(24.6.08)
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