GUY DEBORD. SON ART ET SON TEMPS.
Übersetzung aus dem Französischen von Werner Rappl.
"Ein Charakterzug hat mich, glaube ich, von fast all meinen Zeitgenossen zutiefst unterschieden, und ich werde ihn nicht verheimlichen: Ich glaubte niemals, daß irgend etwas in dieser Welt in eben der Absicht geschaffen wurde, mir Freude zu bereiten."
(Guy Debord, "Cette mauvaise réputation..." Gallimard, Paris 1993, S. 14)
Guy Debord. Seine Kunst und seine Zeit.
1994; Gestaltet von Brigitte Cornand und Guy Debord
Die Musik von Lino Léonardi ist seinem den Gedichten von François Villon gewidmeten Album entnommen.
Produktion: INA unter Mitwirkung von CNC
© Canal+/INA 1994
Übersetzung: Werner Rappl
"J'en foutrai jamai' un secousse, mêm pas dans la rousse, ni dans rien."
"Ich werde nie einen Finger rühren, auch im Knast nicht und sonst auch nicht."
oder
"I wer nie barabern, a im Häfn net und sunst aa net"
oder
"I schinagl novus, a net auf der Heh oder sunstwo"
oder
"I wead nie im Lebm wos hackln,
scho goa net im Häfn,
und sunst aa net."
I. Seine Kunst
Das alte Paris ist nicht mehr (die Form einer Stadt ändert sich schneller als das Herz eines Sterblichen)
Guy Debord hat sehr wenig Kunst gemacht,
aber er hat sie extrem gemacht.
1952 zeigte er, daSS sich das Kino auf diese weisse Leinwand reduzieren liess
{weißer Bildschirm, kein Ton}
und dann auf diese schwarze Leinwand
{schwarzer Bildschirm, kein Ton}
Debord ist seither von den Vorlieben und den Urteilen der öffentlichen Meinung gleich unberührt geblieben
und man warf ihm viele weitere Moralverstösse vor
darunter vor allem auch, dass er fast immer ziemlich wenig Desinteresse zeigte, wenn es um leicht verdientes Geld ging.
RegelmäSSig dem Grundsatz gehorchend
"Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul"
{Ausschnitte aus dem Buch "Mémoires" von Debord und Jorn * "Ne travaillez jamais"[Arbeitet nie]
* 1 Manuskriptseite aus Debords "Die Gesellschaft des Spektakels" *
2 von Debord gemalte Ölbilder, auf die folgende Titel geschrieben sind:
Directive Nr. 1 v. 17.6.63: "Dépassement de l'art" [Überschreitung der Kunst]
Directive Nr. 2 v. 17.6.63: "Réalisation de la Philosophie" [Verwirklichung der Philosophie]}
Diese schönen Köpfe der Gauner, die ihn immer umgeben haben, beeinfluSSten ihn auch sehr in seinen Exzessen:
II. Seine Zeit
"Und jetzt nehme ich mir vor, in der Form so UNfernsehgerecht zu sein, wie es mir im Inhalt bereits gelungen ist."
{Aral See: "In 10 Jahren wird er von der Karte verschwunden sein"}
{Brandrodungen}
Ich werde meine Gedanken geordnet niederschreiben, in der Absicht, jede Verwirrung zu vermeiden. Wenn sie richtig sind, wird der erste die Folge der anderen sein. Das ist die wahre Ordnung.
{Filmbericht: ein im Wasser versinkendes Kind spricht eine Abschiedsbotschaft}
...Dieses Mädchen in den Anden, das unerbittlich von einer Schlammlawine inFolge eines Vulkanausbruchs erfaSSt wurde, bot den Medienleuten der ganzen Welt Gelegenheit, die Berufsethik zu diskutieren, der sie sich in einigen Extremfällen vielleicht unterwerfen sollten:
Muss man solche Bilder zeigen?
Oder warum sollte man darauf verzichten?
Die Fachleute kamen entschieden zu dem Schluss, dass nichts vom Unglück der Welt verborgen werden darf. Keine falsche Rührseligkeit des Publikums dürfe daran hindern, das zu zeigen, was man verdienstvollerweise bei der Gelegenheit filmte; Umso mehr, als es sich einmal um eine wahre Sache handelt.
Die Medien wollen damit beweisen, wie sie überall und bis zum Äussersten der Wahrheit verbunden sind. Und in der guten Überzeugung, dass ein aus nächster Nähe betrachtetes Detail gewöhnlich ein untrügliches und eindeutiges Modell der Wahrheit darstellt.
{Frauenringkampf: "Sie nehmen aberwitzige Risiken auf sich"}
{Eine Kämpferin in ihrem Zimmer: "Wenn sie morgen das Match gewinnt, wird sie sich eine richtige Wohnung mieten können"}
{Erdölbohrung im Pariser Becken im Arboretum 2km von Versailles entfernt}
{Einstürzende Häuser}
Was so schlecht gebaut wurde, muss schneller zerstört werden.
{Kahle Bäume in Bayern, vom sauren Regen zerstört}
Man meinte, die Wirtschaft sei eine Wissenschaft; man täuschte sich natürlich. Man weiss übrigens jetzt, dass sie weder die erste noch die letzte der Wissenschaften des Feindes ist, die sich als trügerisch erweist.
{Nationalsozialistische Soldatenparade}
1933 war eines der dunkelsten historischen Daten dieses Jahrhunderts; das kaum gute kannte.
{Walter Cronkite meldet das Kennedy-Attentat im Fernsehen}
Der "demokratische" Staat ist seltsamer geworden.
{Panzerinvasion}
Der Kriegsherr, der damals in Peking regierte, meinte zu Recht "Das Schicksal der Partei und des Staates standen am Tien An Men Platz auf dem Spiel".
Er hat daher dementsprechend gehandelt; und er regiert noch dort, vollkommen unbeeindruckt von allen Ideologien der jüngsten medialen Moden.
{Panzerbelagerung des Parlaments in Moskau}
{Schwarzafrika: Militär verindert die Wahlen. Kadaver überall}
{Unruhen in Algerien}
Die unverifizierbare Welt
{Südafrika: Eine Schwarze wird gelyncht}
{Französischunterricht, Thema: Zola, Au bonheur des dames [1883]}
{Interview mit einem schwarzen Schüler "Was willst Du später machen?" "Kriegsausbildung" "Der Krieg gefällt Dir?" "Ja" "Hast Du keine Angst zu sterben?" "Wir werden ohnedies alle sterben"}
{"Im Schuljahr 1991/1992 wurden in Paris und Umgebung etwa 100 Lehrer im Unterricht tätlich angegriffen" "Wer hat sich verändert? Die Schüler? Die Lehrer? Die Institutionen? Vor 10 Jahren sprach man weder von Angst noch von Aggressionen an den Schulen. Die Gewalt von der Straße ist in die Schulen eingedrungen. Und damit die Sprache der Gewalt."
Lehrer und Schüler beschreiben die Situation}
Die modernsten Entwicklungen der historischen Realität illustrieren genau die Art von Leben, von der Thomas Hobbes annahm, dass sie das Lebens des Menschen ausmachte, bevor er die Zivilisation und den Staat kannte: einsam, schmutzig, ohne Freuden, abgestumpft, kurz.
{Tagesschauszenen aus der Zeit der deutschen Besatzung von Paris während des 2. Weltkriegs, Wegweiser damals/jetzt}
Heute ist die Uhrzeit der Nazis die von ganz Europa geworden.
{Fernsehtestbild: "France Inter: Vergessen Sie nicht, in der kommenden Nacht die Uhren auf Winterzeit umzustellen. Wir verkürzen die Zeit: um 3 Uhr wird es 2 Uhr sein. Das heißt vor dem Schlafengehen, stellen Sie Ihre Uhren eine Stunde zurück."}
{Atomic Energy Commission Film: "Ladies and Gentlemen we interrupt this program to bring you important news. Word has just been received from the Atomic Energy Commission that due to a change in wind direction the residue from this morning's atomic detonation is drifting in the direction of St.Georges. It is suggested that everyone remain indoors for one hour or until further notice. There is no danger."}
{Russischer Dokumentarbericht über Tschernobyl, russischer Kommentar: "Es gab Hiroshima. Alle dachten, das beträfe uns nicht. Es hatte keine Auswirkungen. Es gab Tschernobyl. Alle dachten, das ginge vorbei. Die Regierung sagte uns: 'Es ist alles in Ordnung. Essen Sie Pilze, gehen Sie spazieren, kein Problem.' Fünf Jahre sind vergangen. Tschernobyl ist in jedes Haus eingedrungen."}
{Französischer Bericht über Tschernobyl: "Die Verantwortlichen meinen, daß man viele neue Reaktoren benötigt, um Tschernobyl zu ersetzen..."}
{Ein Sendungsverantwortlicher beschreibt das Programmschema eines neuen reinen Nachrichtensenders}
{Nachrichtensendung 7sur7, Interview zum Thema der durch HI-Viren verseuchten Bluttransfusionen: "...wir müssen diesen Leuten helfen und ich glaube, wir müssen alles unternehmen, um Entschädigungen in entsprechender Höhe zu gewährleisten...."}
Die Angestellten haben das Recht zu wählen
{Nachrichtensendung 7sur7, Interview zum Thema der durch HI-Viren verseuchten Bluttransfusionen: "...wenn es einerseits ein Restrisiko gibt, andererseits diese Transfusionen die alleinige Möglichkeit darstellen, Leben zu retten. Was würden Sie machen, wenn Sie Gesundheitsminister sind......"}
Und würden Sie veranschlagen, wieviel es uns persönlich bringen muSS?
{Nachrichtensendung 7sur7, Interview zum Thema der durch HI-Viren verseuchten Bluttransfusionen: "...dieses Risiko gibt es, es besteht noch immer, es ist das Risiko des Lebens, und ich fühle mich schuldig, dieses Risiko auf mich genommen zu haben, das ist das Risiko und die Größe dieses Berufes......"}
Die Angestellten haben das Recht zu wählen.
{Boxkampf * Paßbild von Arthur Cravan}
An den Anfängen des Dadaismus findet man den Boxer und Dichter Arthur Cravan, der im 1. Weltkrieg "von 17 Staaten desertierte".
{Paris, Innenhof des Palais Royal, die gestreiften Säulen von Danel Buren * Nahaufname eines Strichcodes}
Der Neodadaismus ist der Dadaismus des Staates, der eine kleine Schockwirkung nur bei seinem Auftreten in den Staatspalästen erreicht.
{Schafe auf der Weide vor Kernkraftwerk; "Cattenom"}
Die Nuklearenergie umgibt sich gerne mit der Darstellung ihres Fetischtiers.
Magritte hätte Gelegenheit gehabt zu schreiben: "Das ist kein Schaf".
{Bericht, Interview Berlusconi: "Viele handeln gegenwärtig gegen die Interessen des Landes, daher muß ich meinen Urlaub in Sardinien abbrechen"}
{Begräbniszeremonie Pierre Bérégévoy}
{Paris, die Seine, Eingang Musée d'Orsay: "Paris wird überschwemmt und zwar nicht von der Seine, sondern von der Kunst"}
Die Kultur der gesamten Vergangenheit ist Gegenstand weltweiten Einverständnisses und gleicher Bewunderung. Aber in jeder ihrer konkreten Manifestationen ist sie oft in Wirklichkeit ebenso wenig authentisch wie der heute wiederhergestellte Pont-Neuf.
{Warteschlange vor dem Museum: "Ihr tägliches Brot, das ist die Sammlung Barnes oder ein wenig weiter die Mona Lisa"}
Es riecht nach Krebs in der Rue Daguerre.
{Warteschlangen vor dem Museum: "Auf der anderen Seite der Seine das gleiche Bild"}
Es riecht nach Krebs in der Rue De buci.
KREBS WIRD VON DER SOZIALVERSICHERUNG VERGÜTET
{Demonstration Peking: "Es gibt ein Gedränge, aber keine Gewalt, einige Banderolen und Transparente. Die Parolen sind immer gleich: 'Wir wollen die Freiheit' 'Wir wollen Demokratie'"}
Lob der Dialektik: Alles ist nochmals zu spielen
{Interview Bernard Tapie. Er wehrt sich gegen Bestechungs- und Korruptionsvorwürfe}
Immer wenn Bernard Tapie von sich selbst spricht, fragt man sich, welche Unredlichkeit ihm je hätte vorgeworfen werden können.
{Ansprache Arafats vor der UNESCO}
{Trailer einer Nachrichtensendung}
Drei Medienzaren reflektieren die aktuelle Weltlage und lassen uns ausführlich daran teilhaben.
{Gesprächsrunde mit Christine Ockrent}
Die neuen literarisch-politischen Salons von Paris.
Hier wird die Vortrefflichkeit eines jeden durch das beständige bewundernde Augenzwinkern der beiden anderen bestätigt.
Kotz' nur zu, man wird sehen, was es wird.
{Demonstration für Aids-Hilfsorganisationen}
{Bericht aus einer Aids-Hilfsorganisation}
Mit der Pille darf man weder trinken, noch rauchen. Keine falschen Hoffnungen!
{Bericht aus einer Aids-Hilfsorganisation}
Die Immunabwehr hat ausgedient auf Erden
{Chronikbericht: Ein Vater, der vor vielen Jahren seine Familie verließ, um ungebunden zu leben, und seine Tochter finden wieder zusammen}
{Flutkatastrophe: Häuser stürzen ein}
{Computersimulation: Hochhäuser schießen aus der Erde}
{Vertreter der Strafvollzugsbehörde DRSP: "Ich garantiere über 1000 Arbeitsplätze. Um 50% reduzierte Unternehmerabgaben. Ich garantiere Arbeitskräfte, die nur nach Ertrag bezahlt werden"}
Aber wohin möchte man schlieSSlich gelangen?
{Vertreter der Strafvollzugsbehörde DRSP: "Ich garantiere, daß es keine Fehlzeiten gibt, Arbeit rund um die Uhr,...."}
Wofür will man uns begeistern?
{Fabriksproduktion "Die Berater der DRSP stehen jeden Tag zu Ihren Diensten. Sie beschäftigen sich mit der Strategie Ihres Unternehmens, mit Ihren Vorgaben und suchen nach individuellen Lösungen"}
Es geht schlicht um die Arbeit der Knastbrüder.
{"Vorteilhafte und kostengünstige Lösungen zu suchen, das sind die Aufgaben der regionalen Strafvollzugsbehörde"}
Diese D.R.S.P. präsentiert sich als der legitimste Erbe der Fabriksarbeit
{Sterben in Schwarzafrika, Bericht einer Hilfsorganisation}
{Photos der Freunde}:
Alice Becker-Ho, Autor von: L'Essence du Jargon
Ghislain-Gontran de Saint-Ghislain des Noyers de Marbaix, Autor von: Monsieur Gontran
Jacques Herbute, genannt: Barate
Ivan Vladimirovitch Chtcheglov, Autor von Formulaire pour un Urbanisme Nouveau [Formular für einen neuen Urbanismus]
Gil J. Wolman, Autor von: L'Anticoncept
Asger Jorn, Autor von: Pour la Forme [Für die Form]
Toñi Lopez Pintor, genannt: L'Andalouse
{Mitterand schreitet alleine zum Panthéon}
{Rockkonzert}
{Bill Clinton joggt beim G-7 Treffen in Neapel}
Im Sommer 1994 ziehen die demokratischen GroSSmächte, die unter der Bezeichnung G-7 gemeinsam die Hauptrichtlinien der Verwaltung der neuen Weltgesellschaft entscheiden, im Triumphzug in Neapel ein.
Dank an: Guy Debord, Alice Becker-Ho, Paul Destribats, Lino Leonardi, Alain de Greef, Hélène Brieussel, Sylvie Blum, Sophie Druet, Jean-Michel Bouhours, Capa, Léos Carax, UMT.
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