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KÜNSTLERISCHE ARBEITSPROZESSE IM VIRTUELLEN KÖRPER-MAGAZIN
Es
gilt als gängige Auffassung, ein Medium sei eben ein Medium und daher
ein Ort, an dem zwar über Kunst reflektiert werden kann, Kunst selbst
aber nur zur Illustration oder als „Beilage“ aufscheint. Das mag im
Zeitschriften-Genre wohl auch seine Rentabilitätsgründe haben, aber im
leichten, flexiblen und mehrdimensionalen Bereich der Web-Publizistik
ist diese Ausschließlichkeit nicht mehr haltbar.
Daher gibt es auf corpus drei Ebenen, die so gut wie ausschließlich von Künstlerinnen und Künstlern betrieben werden. Die erste ist Jack Hausers überaus erfolgreiches Projekt Rakete, eine zweite ist die Rubrik Techné (zu finden unter „Schuh“), in der vor allem Tänzer und Choreografen über Themen künstlerischer Pädagogik publizieren, und die dritte bilden die corpusResidencies (ebenfalls unter „Schuh“). corpus definiert sich seit seiner Gründung explizit als ein Ort, an dem Kunst auch praktiziert werden soll. Daher hat die Redaktion das bisher einzigartige Format der medialen Residenz erfunden.
Hinter der Idee, Künstlerinnen und Künstler zu medialen Aufenthalten bei corpus einzuladen, steht die Ansicht, den Arbeitsraum vor allem von Choreografen und Tänzern auch auf Orte innerhalb des Mediums zu erweitern. Und dabei weniger an ein mittelbare Produkte wie etwa Performancevideos oder unmittelbare Werke wie Animationen oder Live-Übertragungen über Streamings zu denken, sondern daran, wie künstlerische Prozesse sich direkt auf einer Website entwickeln können.
Eine corpusResidency entsteht aus der Einladung der Redaktion an Tanz-, Choreografie- und Performanceschaffende, sich mit den Möglichkeiten eines Orts auf der Website auseinanderzusetzen und daraus Formate zu entwickeln, die in corpus ihre Spuren hinterlassen und dann möglicherweise in Live-Arbeiten einfließen. Alle Entscheidungen sind dabei den Künstlern überlassen; der Zeitrahmen einer corpusResidency wird von Projekt zu Projekt abgestimmt. Die einzige Einschränkung besteht in der zur Zeit noch sehr einfachen technischen Struktur der Site. Bisher können noch keine Audio- und Videofiles angeboten werden, aber spätestens 2008 soll auch das möglich werden.
Die bisherige Praxis - das Programm befindet sich noch im Versuchsstadium - zeigt, daß die Künstlerinnen und Künstler am liebsten ihre eigenen Zeitpläne entwickeln und daß eine Residency flexibel in ihre Arbeitsabläufe eingepasst werden kann. Die Redaktion kann ebenso flexibel auf diese Bedürfnisse eingehen, weil ein Webmedium weniger strikt an Deadlines gebunden ist als etwa ein Printmedium.
Derzeit nehmen die deutschen artistwins deufert+plischke und die österreichische Performerin und Choreografin Barbara Kraus die Möglichkeit der corpusResidency in Anspruch. Die Residency der Künstlerzwillinge dient der Entwicklung ihres Oeuvre-Glossars und besteht bereits seit Oktober 2006. Barbara Kraus, betreut von Jack Hauser, ist seit April 2007 dabei. Sie arbeitet an Texten, die wiederum mit Performances in Verbindung stehen werden.
Pro Jahr plant corpus, zumindest zwei Künstler oder Gruppen einzuladen, in diesem Format zu arbeiten. Aus den über einen längeren Zeitraum gesammelten Erfahrungen sollen diese künstlerischen Aufenthalte auf drei Ebenen hin erforscht werden: 1. Wie fördert eine mediale Residenz das künstlerische Arbeiten? 2. Was machen diese Präsenzen mit dem Medium selbst? 3. Welche weiteren Residenz-Formate sind auf der Site möglich und wie lassen sie sich mit „analogen“ Residencies verbinden?
Die Redaktion betrachtet dieses Projekt als ein wichtiges Element in ihrer Absicht, corpus als Forschungsstätte und als Co-Generator zur Weiterentwicklung von Tanz, Choreografie und Performance anzubieten. Damit Marshall McLuhans These, das Medium sei die Message, möglicherweise auch einmal als ihr Gegenteil formuliert werden kann. (ploe)
(1.6.2007)
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