Meg Stuart: Violet

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TRANSAKTUALITÄT #1: FEINDSELIGE FARBEN



Der Körper und seine Kommunikation sind Entwürfe, die in ihren sozialen Einsätzen jene Kultur projizieren, in der wir zu leben glauben. Die Kulturen wiederum sind als Fiktionen wirksam, die Körpergemeinschaften in ihrer Interaktion als Realitäten herstellen. In Meg Stuarts Arbeiten werden Körper aus diesen Einbildungen gerissen und in Abläufe gebracht, die sie überschnappen lassen, weil sie sich ja auch an den Außengrenzen des Kulturhaften irgendwie verhalten müssen.

Diese Außengrenzen verlaufen kreuz und quer durch die künstlichen Gerüste beziehungsweise Gelüste der Kultur und erzeugen so – in der Realität und in der Kunst noch einmal verstärkt dargestellt – ihre Brüche. Stuart arbeitet seit zwanzig Jahren entlang dieser Bruchverläufe, und ihr Werk besteht aus zahllosen immanenten Verklammerungen, die dieses Entlangarbeiten dokumentieren. In Violet aktualisiert sie offenbar den körpersprachlichen Aspekt ihrer Investigationen. Weder im Sinn eines Rekurses noch im Sinn einer Bilanz, sondern als Überprüfen der Möglichkeiten für die Choreografie von Körperbewegung in der gesellschaftlichen Gegenwart.

Daher müssen die fünf Tänzerinnen zu Beginn stillstehen. Daher müssen sie insgesamt einen poetischen Einsatz leisten und nicht einen dokumentarischen. Ihre Körper sind imprägniert von den sie umspülenden kulturellen Flüssen, daher umspült sie im Stück akustisch ein Meeresrauschen. So sehen wir sie auf der Bühne und hören sie zugleich als an einer Küste stehend.

Jedes choreografische Konzept reißt die von ihm erfassten Körper aus der Selbstverständlichkeit ihres normativen Verhaltens. In Violet wird besonders deutlich erfahrbar, dass das choreografische Konzept im Tanz ein organisatorisches ist, das sich zu jenem der Sozialisierung paradox verhält. Bei Stuart ist dieses Paradoxon nicht als Attraktion installiert, sondern als Verlauf konflikthafter Abweichung. Meg Stuart organisiert die Desorganisation des Körpers und komponiert nicht, wie im Tanz immer wieder und in letzter Zeit immer wieder öfter üblich, eine Überorganisation als virtuoses Spektakel.

Nähe erzeugt Distanz

Im Gegensatz zur konzeptualistischen Auffassung von Choreografie im Sinn von ursprünglich Jérôme Bel und Xavier Le Roy – dabei im Unterschied zu dem späteren Konzeptualismus etwa von Mette Ingvartsen – rechnet Stuart ihre Performances nicht in die Basiselemente der Repräsentation herunter, sondern bricht in den Motor des Spektakels ein. Mich erinnert Violet an Ravels Strategie in seinem Bolero von 1928, mit dem Unterschied, dass sie die Steigerung in eine bis zum Zerreißen gespannte Atmosphäre zweimal durchführt, sich also von der einfachen Linearität der Moderne distanziert und ihr Publikum in ein unterbrochenes Modell führt.

Die Ekstase bricht am Ende des ersten Teils in einem Schrei von Kotomi Nishiwaki. Die Musik versackt, und die fünf TänzerInnen stehen nebeneinander am vorderen Bühnenrand. Ihre Gesichter zeigen in diesem „Close-up“ Spuren von Anstrengung und Erregung. Sie verteilen sich wieder im Bühnenraum, nehmen Posen ein, und Nishiwaki öffnet, nachdem sich die Figuren erstmals berührt haben, ihren Mund zu einem stummen Schrei.

An diesem Punkt wird deutlich, wie sehr und wie selbstverständlich die fünf einander zuvor nicht beachtet haben. Gemeinsam in Vereinzelung sein, das ist der Metadiskurs jeder Sozietät, in der Funktionalität und Destruktion stets am Rand des Kippens befindliche Verhältnisse schaffen. Bei Violet ist das nicht abgebildet, sondern in eine riskante Operation gebracht, die darauf hinausläuft, darzustellen, dass sich die Entfernung von Subjekten zueinander genau dann vergrößert, wenn sie sich zueinander in Näheverhältnisse begeben. So bilden die Tänzer eine große Menschenwalze, die sich auf dem Boden im Kreis bewegt. Eine Metapher von äußerster Distanziertheit, die bewirkt, dass sich die Gruppe wieder verteilt, die Musik hochfährt wie eine Empörung, bevor das Licht implodiert.

Und es hätte in diesem zweiten Teil keinen einleuchtenderen Subtext geben können als die eingeblendete Farbskala mit Violett im Vordergrund und einem Spektrum von rot über orange zu grün und blau im Firmament der Bühne auf der schillernd schwarzen Rückwand, diesem polierten Nichts, an dem sich etwas notorisch Ausgeblendetes massiert: all das opportunistisch Unbeachtete und dadurch Unbewältigbare, das sich wie eine anonyme Feindseligkeit durch alles Soziale zieht. Die Farbe ist der Gag, das Blabla, die Quacksalberei, an dem sich das Kulturelle abarbeitet in seiner endlosen Produktion von autoritären Gebilden. (ploe)


(Aufführung im Tanzquartier Wien vom 14. 10. 2011; Text 10. 11. 2011)