LUX FLUX „FILZEN“ IM TANZQUARTIER WIEN
Von Katherina Zakravsky
Lux Flux ist sozusagen das geheime Urgestein der Wiener Szene. Einerseits sind sie legendär, andererseits aber seltsam verborgen. Das liegt daran, dass sie nicht so wahnsinnig oft auftreten, und oft auch an sehr entlegenen Orten, etwa in U-Bahn-Nebenräumen. Oder vor längerem auch in privaten Schwimmbadruinen. Im Sommer 2000 etwa stand Jack Hauser sehr lange mit erhobenen Armen in dem desolaten Schwimmbad meines Elternhauses. Er stand unglaublich lang so da, mit erhobenen Armen. Das war die legendäre „Season“ 2000 mit Saira Blanche Theater (Oleg Soulimenko, Andrej Andrianov) und mir unter dem Logo Kv. Da hat ein un- bis untersubventionierter Haufen drei Monate lang versucht, sozusagen das ganze, noch in „Abrahams Wurstkessel“ dampfende Tanzquartier in Eigenregie zu antizipieren - mit Performances, Lectures, Festen, Research etc. etc. Sicher ein guter Zeitpunkt, sich daran zu erinnern.
Aber, wie die Amis so unübersetzbar sagen, „we were spreading ourselves too thin“, Streit und Hader, Elend und Drama waren unausweichlich. Für mich eine schmerzhafte Neugeburt aus dem schon etwas versteinerten akademischen Gehäuse meiner damaligen Existenz. Sozusagen direkt von der Promotion in den Improvisationszirkus. Da wuchs mir jede Menge neues empfindliches Seelenfleisch, und das tat dann eben auch fallweise recht weh. Jetzt nach all den Jahren kann ich sagen, es war eine schmerzhafte Geburt, aber eine gute. Lux Flux sind singulär, intensiv, komisch und hermetisch. Sie waren sicher das Richtige für mich damals. Und vieles habe ich auf meine Art bis heute weitergeschrieben und umgeschrieben.
Damals machte sich Jack Hauser Sorgen wegen der Unübersetzbarkeit und wollte, dass ich, Sprachperson, Theoretikerin mit Science Fiction-Hintergrund, sie übersetzen helfe. Das Ergebnis aber war schon bei der ersten Performance, dass vielmehr ich durch die Säulenhalle der Akademie der bildenden Künste zog, „Alien Koans“ murmelnd wie ein autistischer Mariahilferstraßen-Psycho. Die Hermetik hat also statt dessen mich befallen. Und ich sah auch weder Sinn noch Weg, sie zu knacken. Denn diese merkwürdige Intensität zieht einen eben rein oder nicht. Eine Frage des Idioms. Oder des Stils. Oder dessen, was in HipHop-Kreisen „Flavour“ heißt. Und Flavour lässt sich nicht übersetzen.
Wenn ich nicht irre, dann ist ja Helmut Ploebst der Ansicht, es gäbe keine Hermetik in der Performance. Alle wollen und alle, was noch bedrohlicher klingt, können auch verstanden werden. Für mich aber gehört das Verstehen in die Welt der Therapiesitzungen und Beziehungsgespräche, und überhaupt nicht in die performative Kunst. Und so kann ich mit Überzeugung und Wohlgefallen sagen: bei Lux Flux gibt es nichts zu verstehen. Wie sich aber denken lässt, heißt das, dass jedes sprachliche Modul in der Performance, das in ihrer Ästhetik des Palimpsests genauso viel wiegt wie jedes andere Element, einen schweren Stand hat.
Das Filzen
Am 15. und 16. Mai 2009 hat das Kernteam Jack Hauser, David Ender, Inge Kaindlstorfer, erweitert durch Sabina Holzer ein Studio des TQW besetzt, sozusagen umgekrempelt und dort die Arbeit, oder eher den Zustand „Filzen“ gezeigt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, den TQW Studios diesen gewissen Elevenschweiß, diese Grundbiederkeit des Trainingsstudios auszutreiben. Man kann es mit Opulenz versuchen, wie wir (Karl Bruckschwaiger, Mara Mattuschka und ich) 2005 mit einer Wienerliedshow. Oder relativ minimalistisch, aber doch durchschlagend wie hier. Lux Flux haben alles so weiß gehalten wie möglich, an der Grenze zur Gummizelle, zum abstrakten White Cube, aber doch mit Altwiener Hausmeistercharme konterkariert in Form von fiesen Filzdecken, die in den Fenstern lagen und das Geschehen hermetisch vom touristisch wuselnden Außerraum abschnitten. Und irgendwie war dann der große Kontrollspiegel, der in diesem Kontext nicht Narzissmus, sondern nur Disziplin ausstrahlt, dieser Spiegel, den sonst nur ein schwerer schwarzer Trauervorhang gnadenhalber verhängt, schlicht und weiß weggegipst.
Dazu gab es der Liebe zu merkwürdigen und kindlichen Dingen entsprechend große Plastikspielsachen zum bauen. Denn diese Truppe spielt mit einer Art sinistren Unschuld und mixt schamlos die romantischen Helden der Präpubertät (Fantômas! Bandit! Pirat!) mit campigster Selbstdemontage. Entsprechend erscheint Hauser in einer hermaphroditisch jämmerlichen Kittelschürze, aber mit verwegenem Banditentuch vor dem Gesicht.
Hauser und Ender, auch in Kittelschürze, sind passionierte Langstreckenläufer. Hauser spielt unverstärkt auf der E-Gitarre eine Art paradigmatisches Riff im Live-Loop, das sich erst nach längerem allmählichen in das sehr erkennbare von „I can get no satisfaction“ verwandelt. Und als der verspielte Nerd, der er ist, serviert er dann als punktierende Interjektion eine super-loungige Version desselben Songs, und bricht ihn aber vor dem Refrain ab. Ender kreist ebenfalls in seiner eigenen Sphäre und manipuliert einen sehr seltsamen Hut und am Körper baumelndes Instrumentarium. Die Musikalität der zwei Herren und Kaindlstorfers Bewegungsprache sind unheimlich auf einander eingetuned.
Wie „Forced Entertainment“, aber ganz anders geartet, sind Lux Flux ein telephatischer Live-Körper aus eigenwilligen Individuen, die mit schlafwandlerischer Sicherheit dieselbe Zeitzone bewohnen. Sabina Holzer, nun auch fixes Mitglied, aber doch relativ neu in dieser Welt, hat zu kämpfen. In verschiedenen Stimmlagen sprechend, vorlesend, mit Kathy Acker von der Liebe als Wagnis der Frau sprechend, ist sie und bleibt sie zunächst Fremdkörper. Kaindlstorfer schreckt nicht davor zurück, Holzers Sprechen mit skeptischer Miene zu kommentieren. Sie mögen kindlich sein, eine Kuschelgruppe sind sie nicht. Bis Holzer schließlich ihr eigenes Scheitern kommentiert und reflektiert. Ob dieser klassische Zug der zeitgenössischen Performance in genau dieses hermetische Universum passt, weil er sozusagen nicht passt, ist eine offene Frage.
Aber dann verwandelt sich die Szene sowieso nochmals; Kaindlstorfer und Holzer stellen sich verschwörerisch zu einander und sprechen einen betörend witzigen und perfekt getimten Doppelgesang über Piraten, Mütter und andere Dinge. Ironischerweise war dies zwar, wie das ganze Stück, solide geprobt, aber doch im Einzelnen improvisiert. Wie früher alles bei Lux Flux (zuerst zu meinem Schrecken, dann zu meiner größten Freude).
Das Erstaunliche an „Filzen“ war aber, dass nunmehr ein genauer „Score“ die Performance bestimmt, aber doch alles irgendwie immer noch einer Improvisation ähnelt. Die neue Methode ändert also nichts Grundsätzliches am Lux Flux Flavour.
(15.8.2009)
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