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Mette Ingvartsens Coup

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MIT IHRER STUDIE "EVAPORATED LANDSCAPES" SCHREIBT DIE DÄNISCHE CHOREOGRAFIN TANZGESCHICHTE

Von Helmut Ploebst

Es gab einen Moment in Hortensia Völckers' bahnbrechender Kuratierung „Body Currency“ bei den Wiener Festwochen 1998, der einen entscheidenden Teil der Gegenwartschoreografie in den darauffolgenden Jahren vorwegnahm. Als ein schlaksiger Mann in einem Nebenraum der Wiener Sophiensäle eine Choreografie zeigte, aus der in demselben Jahr eine der Ikonen des tänzerischen Konzeptualismus wurde. Der Mann hieß Xavier Le Roy. Das Solostück „Self Unfinished“ sollte die europäische Tanzszene - zusammen mit dem Stück „Jérôme Bel“ von Jérôme Bel - nachhaltig aus den Fugen bringen. Bel und Le Roy führten einen neuen Tanzbegriff ein, in dem der berühmte, von Richard Rorty 1967 verankerte „Linguistic Turn“ endlich seine choreografische Entsprechung fand.

Elf Jahre später taucht nun die junge dänische Choreografin Mette Ingvartsen im Wiener Tanzquartier auf, eingeladen von Joachim Gerstmeier (Siemens Arts Program) zu dem von ihm gemeinsam mit Sigrid Gareis kuratierten Format „Gravity“. Eine Skizze, eine Vorstudie für ein Stück, das beim steirischen herbst 2009 uraufgeführt werden soll: „Evaporated Landscapes“. Choreografiert werden hier Theaterrauch und Theaterlicht, Sounds und Seifenblasen. Es gibt eine Steuerungsstation für Ton und Scheinwerfer, und die Choreografin selbst steht an einem vorsintflutlich anmutenden Trockeneisgerät. Auf dem Boden flackern LED-Lichtinseln, die mit weißen Schaumhügeln überzogen sind.

Tanz ohne Tänzer

In diesen Tanz mischt sich der menschliche Körper nicht weiter ein. Ingvartsen hatte in ihrer zweiten Arbeit, noch als Studentin bei P.A.R.T.S. mit ihrem zweiten Stück „Manual Focus“ Le Roys „Self Unfinished“ (2003) weitergeführt. Jérôme Bel hatte etwa zu dieser Zeit die Idee, die Theatermaschinerie ohne Beteiligung von Performern zu choreografieren und fand zu keinem für ihn befriedigenden Ergebnis. Nun schlägt Ingvartsen eine andere Lösung vor: Sie zitiert theaterkonnotierte Effekte und versetzt sie in eine Eigendynamik, verbindet sie mit dem Kleistschen Gedanken von der Marionette (die hier keine menschliche Gestalt mehr einzunehmen braucht) und mit Assoziationen zum elektronischen Medium durch den Einsatz von grünem, blauem, rotem (und weißem) Licht.

So ist sie die erste, die es versteht, Elemente wie Äquivalente zu meteorologischen Satellitenaufnahmen - mit den Schaumhügeln und dem Theaterrauch - und Schwarmphänomene (mit den Seifenblasen) live zu choreografieren und sich tatsächlich auf diese Elemente zu beschränken. Die technisch komplexe Aufführung (Licht: Minna Tiikkainen, Sound: Gerald Kurdian) kommt leicht und poetisch daher. Ingvartsen wählt nicht die Form eines Manifests, sondern die einer Studie, aber die Folgen für die zeitgenössische Choreografie sind gravierend. Am Ende löst sich der kuratorische Rahmen „Gravity“ also mit einer Setzung ein, die das Bild vom Tanz grundsätzlich verschiebt.

Radikale Erweiterung

In dieser Setzung bietet Mette Ingvartsen dem zeitgenössischen Tanz eine radikale Erweiterung an: das Choreografieren als Organisation von Bewegungen und Prozessen in der Liveperformance über den Einsatz des menschlichen Körpers hinaus. So lösen sich zum einen die skizzenhaften Überlegungen zu einem post-anthropozentrischen Tanzverständnis von Rudi Laermans - in seinem Vortrag bei „(Precise) Woodstock of Thinking“, Tanzquartier Wien 2008 - in der künstlerischen Praxis einer Choreografin ein. Zugleich schreibt die Künstlerin Gerald Siegmunds Analyse über „Abwesenheit“ in der zeitgenössischen Choreografie fertig. Und nicht zuletzt bietet sie das Missing Link zwischen den Investigationen des corpus-Labors „Versehen“ vor einem Jahr, das ebenfalls im Tanzquartier stattgefunden hat, und dem konkreten zeitgenössischen Tanzschaffen an.

Die derzeit im Tanz dominierende Strömung der Wiederentdeckung des Tanzens und der Emotionalität hatte Ingvartsen bereits 2004 in „50/50“ und später in „to come“ mit eingeleitet. Der Schritt, den sie in „Evaporated Landscapes“ tut, macht die 29-Jährige mit einem Schlag zur maßstabsetzenden Choreografin vom Rang einer Anne Teresa De Keersmaeker am Anfang der 1980er Jahre, Meg Stuart zu Beginn der 90er, Jérôme Bel, Xavier Le Roy und Boris Charmatz.

Phantastische Zukunft

Das geschieht in einem Feld, das diese Konsequenz bereits seit einiger Zeit postuliert, aber noch nicht ganz vollzogen hat - mit einer Ausnahme: Hiroaki Umeda mit seinen beiden Installationen, die ebenfalls bei „Gravity“ zu sehen waren. Aufbereitet haben dieses zukunftsweisende Feld KünstlerInnen wie Jérôme Bel, Boris Charmatz 2003 bei „héâtre élévision“, der figurenlöschende Experimentalfilmer Martin Arnold ebenfalls 2003 in Kooperation mit dem Choreografen Willi Dorner, Superamas mit ihrer choreografischen Installation „High Art“ 2006, der Rumäne Manuel Pelmus mit „preview“ 2007, einer Choreografie in absoluter Dunkelheit, oder Christian Rizzo mit „100% polyester“ (2009, in Wien zu sehen gewesen bei Boris Charmatz' Kuratierung „Island: From a piece...“ im Tanzquartier).

Der zeitgenössischen Choreografie sind mit dieser konsequenten Arbeit, diesem künstlerischen Coup, künftig phantastische Möglichkeiten eröffnet, die weit über alles hinausgehen, was bisher umsetzbar war. Die Programminsel „Gravity“ hat also mit Umeda und Ingvartsen ein neues Kapitel der Tanzgeschichte aufgeschlagen. Und es ist abzuwarten, wie dieses weitergeschrieben wird.


(2.4.2009)


Mette Ingvartsen’s Coup
DANISH CHOREOGRAPHER WRITES DANCE HISTORY WITH HER WORK “EVAPORATED LANDSCAPES”


There was a moment during Hortensia Völckers's path-breaking "Body Currency" at the 1998 Vienna Festival that would anticipate a decisive aspect of choreography in the years to follow: A lanky man in a room at Vienna's Sofiensaal presented a choreography from which one of the icons of conceptual dance would emerge that same year. The man's name was Xavier Le Roy. His solo piece "Self Unfinished," along with Jérôme Bel's "Jérôme Bel," was meant to permanently unhinge the European dance scene. Bel and Le Roy introduced a new notion of dance in which the "linguistic turn" popularized by Richard Rorty in 1967 would finally find its choreographic correlate.

11 years later, Joachim Gerstmeier, of the Siemens Arts Program, invited the young Danish choreographer Mette Ingvartsen to participate in "Gravity," a project he curated together with Sigrid Gareis at Tanzquartier Wien. Ingvartsen's contribution is a preliminary study for a piece scheduled to debut at steirischer herbst 2009 titled "Evaporated Landscapes." The choreography includes fog, lighting, sounds, and soap bubbles. There is a control panel for the special effects, and an antediluvian-looking dry ice machine in which the choreographer herself stands. On the flooring there are islands of flickering LED lights covered with white piles of foam.

Dance without Dancers

In this dance, the human body no longer intervenes. While still a student at P.A.R.T.S., Ingvartsen extended on Le Roy's "Self Unfinished" (2003) with her second-ever choreography, "Manual Focus." Around this time, Jérôme Bel had the idea of choreographing theater machinery without the use of performers but was unable to find a satisfying result. Now Ingvartsen suggests another solution. She cites theater-connoting effects and lends them their own dynamic. In this way, she calls to mind Kleist's idea of the marionette (that here no longer assumes human form) while alluding to the electronic medium through the use of green, blue, red, and white lights.

Ingvartsen is the first to understand how to live-choreograph elements equivalent to meteorological satellite images (the foam mounds and the fog) and swarm phenomena (the soap bubbles), while limiting herself to just these elements. The technically complex performance (light: Minna Tiikkainen; sound: Gerald Kurdian) makes an airy and poetic impression. Ingvartsen has chosen the form of a study, not a manifesto-but the consequences for contemporary choreography are no less weighty. The "Gravity" project ends with a work that posits a fundamental shift in the idea of what dance is.

Radical Expansion

In this "positing" Ingvartsen radically expands contemporary dance, allowing choreography to become more than the organization of body movements and processes in live performance. Her sketch-like ideas thus fulfill the promise of bringing to choreography the post-anthropocentric notion of dance that Rudi Laermans addressed in a lecture during "(Precise) Woodstock of Thinking" at Tanzquartier Wien in 2008. At the same time, Ingvartsen writes the final chapter of Gerald Siegmund's analysis of "absence" in contemporary choreography. And last (but not least), she provides the missing link between investigations undertaken by corpus magazine's "versehen" laboratory a year ago (also at Tanzquartier) and concrete contemporary dance production.

Ingvartsen already initiated the current dominant trend in dance-the rediscovery of dancing and emotionality-with her works "50/50" (2004) and "to come" (2005). "Evaporated Landscapes" puts the 29-year-old on the same level as other standard-setting choreographers: Anne Teresa De Keersmaeker at the beginning of the 1980s, Meg Stuart at the beginning of the 1990s, and Jerome Bel, Xavier Le Roy, and Boris Charmatz today.

Fantastic Future

This is happening in a field that has postulated such a development for several years but has otherwise been unable to complete it. Hiroaki Umeda is the lone exception apart from Ingvartsen, and both his installations also appeared at "Gravity." This future-forward field was prepared by artists like Bel, Charmatz ("héâtre élévision," 2003), the figure-extinguishing experiment filmmaker Martin Arnold (in a 2003 collaboration with Willi Dorner), Superamas ("High Art," 2006, a choreographic installation), the Romanian Manuel Pelmus ("preview," 2007, a choreography in absolute darkness ), and Christian Rizzo ("100% polyester," 2009-which appeared at "Island: From a piece...," curated by Boris Charmatz at Tanzquartier).

Ingvartsen's work, at once logical extension and artistic coup, opens up fantastic possibilities to contemporary choreography that go well beyond anything that has come before. And with Umeda and Ingvartsen in its line-up, Tanzquartier Wien's "Gravel" program has begun a new chapter of dance history. We can only wait and see how its story will be written.


(Translation taken from: http://www.aisikl.net/mette/html/articles.html )