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Miniaturen samt Schiffbruch

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CLAUDIA BOSSE, ANNE JUREN, CHRISTINE GAIGG, CHRIS HARING UND PAUL WENNINGER MIT DEM RADIO-SYMPHONIEORCHESTER DES ORF IM TANZQUARTIER WIEN

Von Astrid Peterle




Als KonzertbesucherIn kommt man eher selten in die Situation, vermeiden zu müssen, dass man dem Geiger und dem Hornisten während des Konzerts auf die Füße steigt. Der Choreografin und Regisseurin Claudia Bosse gelang jedoch die physische Verwebung von Publikum und Orchester als Auftakt eines Abends im Tanzquartier Wien, der dem ORF-Radiosymphonieorchester und fünf Wiener ChoreografInnen gewidmet war. Bei diesen Pieces of movement for orchestra: Choreografien für Orchesterminiaturen, der ersten Kooperation zwischen dem Orchester und der Tanzinstitution, wurden fünf Wiener ChoreografInnen eingeladen, eine Auswahl der 102 Orchesterminiaturen, die dem RSO zu seinem 40-jährigen Bestehen geschenkt wurden, choreografisch umzusetzen. Die KünstlerInnen, Claudia Bosse, Anne Juren, Christine Gaigg, Chris Haring und Paul Wenninger setzten sich mit der zeitgenössischen Musik jeweils in ihrem gewohnten Stil auseinander – dies führte zwar zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen, aber für das Tanzpublikum auch zu ständigen Wiedererkennungsmomenten.

Claudia Bosses Choreografie für Orchester und Publikum bildete den gelungenen Ausgangspunkt: Das Orchester besetzte bei Einlass den Zuschauerraum und drehte sich, spielend, jeweils in Richtung der wechselnden Position des Dirigenten Gottfried Rabl. Bosses Tragödieninszenierungen der letzten Jahre für das Wiener theatercombinat waren nicht zuletzt Untersuchungen der bewegten Masse – so verwundert es nicht, dass sie sich in dieser Aufgabenstellung dem Orchester als Formation in Bewegung annäherte und dem Dirigenten als Befehlshaber. Wer hätte gedacht, dass Violinbögen wie Lanzen wirken können...

Garten der Lüste

Anne Jurens subtiles Gespür für Humor wurde in ihrem Beitrag für das – mittlerweile konventionell in die hintere Bühnenhälfte gesetzte RSO – spürbar: Gemeinsam mit der Tänzerin Eun-Kyung Lee betonte sie kindlich ausgelassen, in golden glitzerndem Smoking den schalkhaften Klang mancher Orchesterminiaturen. Wie absurde Märchenfiguren tobten die beiden Tänzerinnen vor dem Orchester umher. Ruhiger wurde es in Christine Gaiggs Interpretation der Musikminiaturen mit dem Titel Organismen 3: Orchester, Sprecherin und Tänzerin wechselten einander ab. Gaigg las kurze Texte über Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“, James Bennings Film „13 Lakes“ und einen Schiffbruch von Michel Serres. Eva Maria Schallers Solotanz, der nicht simultan, sondern jeweils nach dem Orchesterspiel einsetzte, verdeutlichte die verschiedenen Möglichkeiten der Herangehensweise an Tanz in Kombination/Konfrontation mit Musik: sei es als eine Verkörperung des emotionalen Gehalts der Musik oder aber als eine Kontrastierung, ein angeregtes Sichabstoßen von der Musik.

Chris Harings Beitrag war weniger als eine Ode an das RSO, als vielmehr an Stephanie Cumming, seine kongeniale künstlerische Weggefährtin, konzipiert. Über Sequenzen aus Filmen der vergangenen sechs Jahre, die in Zusammenarbeit von Liquid Loft/Chris Haring und Mara Mattuschka entstanden und einen Überblick über Stephanie Cummings virtuos-vielseitige Performances bieten, stülpten sich die Orchesterminiaturen. Wie bei einer Oscarverleihungs-Show führte Cumming im Galaoutfit als theatralische Diva at her best durch Harings Programm.

Als Schlusspunkt ließ Paul Wenninger das RSO verstummen bzw. das tun, was man im Tanz „markieren“ nennt. Das Orchester spielte zwar die Miniaturen, aber ohne Klänge zu erzeugen. So blieben lediglich die Geräusche des Spielens, des Zupfens und Drückens der Metallklappen übrig. Mit dem schönen Schlussbild, in dem der Klang des Orchesters aus einem alten Radio tönte, fand der Abend ein Ende mit jenem Beitrag, der gemeinsam mit Bosses zu den formal spannendsten gehörte. Zurück blieb der Eindruck, dass die Konfrontation von zeitgenössischer Orchestermusik mit Choreografie durchaus anregendes Potential hat, das aber an diesem etwas bravem Abend nicht ausgespielt wurde. Selbst im ehrwürdigen Wiener Musikverein hätte bei dieser Kombination aus Musik und zeitgenössischer Choreografie wohl niemand wirklich irritiert den Saal verlassen.


(25.1.2011)