CORPUS Suche


Modern Fettgespräch

Drucken

CHRISTOPH MARTHALERS "PLATZMANGEL" ALS DISKURSIVE ORGANKLINIK BEI DEN WIENER FESTWOCHEN

Von Helmut Ploebst


„Bye, bye, friends, we have to go, this is the end of our show", singt ein vif aussehender junger Mann an seiner Elektroorgel, und eine Band stellt sich auf. Schick kitschig angezogen, alle mimen Saiteninstrumentespielen, und der alerte Moderator verabschiedet sich in der Tonlage eines Jahrmarktentertainers mit maliziösem Humor, es sei wieder schön gewesen, tschüssikowski und denken Sie daran, auf Taxis sind Autos.

Christoph Marthaler weist in seinem Anfang Dezember 2007 in Zürich uraufgeführten Stück „Platzmangel“ nun auch bei den Wiener Festwochen einen solchen vor, wenn nicht sogar nach. Endzeitstimmung in Westeuropa. Eine dekadente und verblödete Gesellschaft schafft sich selbst ab. Schauplatz dieser Abschaffung ist eine Klinik, die offensichtlich nur über eine Seilbahn erreicht werden kann. Doch der Berg, an dem sie klebt, hat keinen Zauber außer den einer sich selbst auffressenden Profitgier.

You can win! 

Mit der ersten Gondel kommt ein Animator an, der ganz im Stil der 1970er Jahre gekleidet ist, ein Schicki von damals, einer von den Aufbruchgewinnlern in Anzug und knalligem Pullover. Er stellt sich an eine zweite Elektroorgel. Mit diesem Detail verbindet Marthaler einen Song, der immer wieder in die Handlung einfließen wird: „You can win if you want“ von den entsetzlichen Modern Talking aus den 80ern, dem Jahrzehnt, in dem die Träume der 68er-Bewegung von einem neoliberalen Overkill zu Tode gebracht wurden, als der Lifestyle-Begriff als „Chery chery lady“ in den Westen einfiel und einen Superkapitalismus begründete, der alle Politik in Politainment verwandelte.

In dieser Klinik werden Ausgeburten der großen Blase behandelt, die sich an die Allmacht der Börsen gewöhnt haben, so sehr, daß sie ihrer selbst überdrüssig geworden sind. Man kommt zusammen, um sich seine Sünden abspecken zu lassen, um irgendwie anders zu werden. Als Textlieferanten hat Marthaler Peter Altenberg ebenso eingestellt wie Poe, Artaud und Cioran, auch Homepage-Formulierungen von einem Sargfabrikanten und von einer Schönheitschirurgie-Klinik liefern Materialien - Found Footage aus der Kunst- und Gebrauchswelt finden zusammen und werden mit Schubert und Mahler vernäht. Damit wird auch Kulturfett eingesetzt, um einer Gesellschaftskritik die Rutsche zu schmieren, die dorthin führt, woher sie kommt: „Vergessen wir nie, daß der, welcher uns richten wird, der gleiche ist, der uns geschaffen hat.“

DDr. Bläsis Fettbörse 

„Platzmangel“ kommt als stilisierte Comedy daher, deren absichtlich schlaffer Witz wirklich böse ist: „Wiener Fettwochen“, heißt es in einer Begriffsaufzählung, die alles in eine Fettbörse verwandelt. Alles spielt mit, nichts kann sich dem entziehen, aus Schwäche oder schlicht Faulheit. Beinahe ist diese Arbeit eine Absage an den Sinn von Kritik in der Kunst, die ja auch in den 80ern institutionalisiert wurde, als Rückversicherung für jene, die sich der Lifestyle-Mode angeschlossen hatten und wenigstens in der Kunst noch das finden wollten, was sie selbst nicht bereit waren zu leben.

Die Patienten in „DDr. Bläsis Höhen- und Tiefenklinik“ bekommen zum Einstand einen Willkommensschluck und ein Wasabinüßchen, dann werden sie entkleidet und zur ersten Anwendung geschickt. Man ist zart Eso, Exo und Emo und bereitet sich darauf vor, konsumiert zu werden. Niemand dringt von außen herein und gebietet Einhalt. Die Insassen bleiben mit dem Klinikpersonal unter sich. Das Wiener Publikum besteht aus liberalen Kulturmenschen, die sich einen Marthaler gönnen, weil man sich's leisten kann und anschließend sein Weltanschauungsragout mit einem Stück Kunstbutter verfeinert zu haben hofft. Dieses Publikum ist Ziel des Marthalerschen Angriffs.

Organe opfern 

Und es ist ein wenig irritiert, aber dann doch sehr angetan von diesem seltsamen Werk, das sich das Wiener Vorurteil gegen den „Osten“ genauso vorknöpft wie die Schweizer Weltabgeschlossenheit. Schockierend ist das Dahinter: Marthaler zitiert die Haltungsschäden der Neoliberalen mit unverhohlenem Zynismus. Und er trifft einen Punkt, der juckt. Das Establishment besteht heute aus zänkischen Nachbarn, die nur noch die ideologische Herkunft, kaum aber noch die politische Praxis voneinander trennt. Europa West weiß das und weiß sich nicht wirklich zu helfen.

Wollte jemand dem Regisseur vorwerfen, er biete keine Lösung in seinem Desasterszenario an, muß er akzeptieren zu verkennen, daß nicht der Künstler, sondern er selbst verantwortlich für das ist, was anders sein soll. In der Klinik gibt es sogar eine Raucherecke. Aber: Nichtraucher und Idealgewichtler sind die besseren Organspender. Die Klinik treibt seine Patienten dazu, sich für die große Organspende fitzumachen: „Das tiefste Glück des Menschen besteht darin, geopfert zu werden.“ Und dazu braucht es eine gewisse Gläubigkeit, ein Loslassen: „Wer sich gehen läßt, der neigt sich automatisch dahin, wo sein Platz ist.“

Flexiphonie 

Wellness-Slogans und Fettabsaugung zum „Flexitarif“ werden angeboten, Spezialpakete aus der Dienstleistungsgesellschaft geschnürt. Aus der Sprache der Patienten und der Klinikverwaltung wird ein Kauderwelsch, das einen zweiten Schockfaktor in das Stück bringt: Unter einer sich drehenden Überwachungskammer versagt die Sprache, gerinnt zur Floskel, zur Kakophonie. Die Patienten sind nicht zu retten. Und sie wissen nicht einmal, warum.

Gnadenlos karikiert Christoph Marthaler das Eighties-Revival der Gegenwart, den Gesundheitsfetischismus, den verlogenen Körperkult, die grassierende Küchenphilosophie und die politische Anämie in Europa. Ob man hier noch aus dem selbstgemachten „Fettkomplott“ herauskommt, wird sich noch zeigen.

(10.5.2008)