CORPUS Suche


Momente äußerster Verletzlichkeit

Drucken

PHILIPP GEHMACHER, MEG STUART & VLADIMIR MILLER: “THE FAULT LINES” ALS ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG DES TANZQUARTIER WIEN IN DER MUMOK FACTORY

Von Astrid Peterle




Im White Cube der Mumok Factory trafen Philipp Gehmacher und Meg Stuart, zwei der prägendsten Choreografen der vergangenen beiden Dekaden, für ihr zweites gemeinsames Projekt mit dem Titel the fault lines aufeinander. Der idealtypisch-weiße Ausstellungsraum erwies sich als perfekter Ort für das Gastspiel des Tanzquartier Wien im Mumok – schließlich handelte es sich auch um eine Kooperation der beiden Choreografen mit dem Videokünstler Vladimir Miller, einem Zusammentreffen von Tanz und bildender Kunst.

Das Setting der Performance changierte zwischen White Cube und chicem Wohnloft mit dunklem Parkettboden, grauem Vorhang an einer Wand (einem Zitat aus Stuart/Gehmachers erster Zusammenarbeit Maybe Forever) und Projektoren – davon einer mit den dazugehörenden Kabeln vergoldet – in der anderen Raumecke. Neben den beiden Performern blieb Miller stets in der rechten Raumhälfte präsent, zunächst als unbeteiligter Zuschauer, um nach und nach immer stärker mit Videoeffekten in die Performance einzugreifen.

Stuarts und Gehmachers Körper prallen zu Beginn der Performance sprichwörtlich aufeinander, wie jene von Liebenden, die sich sehnsüchtig in die Arme fallen. Doch die Zärtlichkeit der Bewegung währt nur Sekunden, bevor sie in verzehrende, fast gewalttätige Umarmungen, in Gerangel, in An- und Abstoßung umschwenken. Die beiden Körper werfen einander zu Boden, drängen einander an die Wand. Zwischen der Rastlosigkeit entstehen immer wieder Momente äußerster Verletzlichkeit, wenn sich etwa Stuart am Boden zusammenkauert, und Intimität, wenn die ringenden Körper innehalten und sich die Hände sanft an den anderen herantasten. Dieser Versuch über die Berührung zweier Körper, die Annäherung an den anderen, fand seinen Anfang schon in Maybe Forever, wobei die beiden in dieser ersten Zusammenarbeit noch stärker in der jeweils eigenen, spezifischen Bewegungssprache agierten und diese sukzessive aneinander testeten.

Jenseits der üblichen Rezeption

In the fault lines wird das Spiel mit der Vertraut- bzw. Fremdheit, Nähe und Isolation zweier Individuen um die Teilhabe eines Dritten erweitert. Vladimir Miller positioniert die Videoprojektionen zeitlich und räumlich gekonnt: Zunächst transformieren simultane Miniaturprojektionen das intensive Aufeinandertreffen der beiden Körper in der linken Raumhälfte zu einem Kammerspiel in der rechten Hälfte. Mit zunehmender technischer Einmischung Millers übernimmt dieser die Rolle eines visuellen Spions, eines Voyeurs der anderen Art, der die Wahrnehmung der ZuschauerInnen umlenkt und die Performer zu Protagonisten in einer Videoinstallation macht: eine Guckloch-Projektion tastet die Körper der beiden Performer ab, eine Glitzerfolien-Projektion taucht die Körper in Nordlichter.

Als Stuart und Gehmacher immer mehr zur Ruhe kommen, greift Miller in die erstarrten Körper durch Einzeichnungen auf ihrem Videobild ein. Bestimmt zieht Miller Linien, die wie Energievektoren von den Körpern wegweisen, zugleich kräuseln sich sanft wie Fell kleine Striche über die Körper. Die beiden Performer haben sich ihrer Rolle als Beobachtete ergeben. Am Ende schimmern sie durch eine Glitzerfolie nur mehr schemenhaft durch – um schließlich aber doch noch ein letztes Mal eindeutig als Meg Stuart und Philipp Gehmacher erkennbar zu werden. Vladimir Miller isoliert und entpixelt Stuarts Gestalt aus der Projektion wie mit einer Lupe, um ihr Gesicht wissend und irgendwie auch zufrieden schmunzelnd sichtbar zu machen. Gehmacher wiederum tritt auf die ZuschauerInnen zu – mit erhobenen Armen, einer seiner bekanntesten Gesten, die gleichermaßen Verletzlichkeit und Selbstvergewisserung vermitteln.

Stuart, Gehmacher und Miller haben mit the fault lines ein meisterliches Kammerstück geschaffen, in der das Verweben von Choreografie und Videokunst weit über ihre übliche Rezeption hinausgeht, nämlich über die Konfrontation von Liveness und Aufzeichnung, von Realem und Virtuellem. Bei the fault lines haben es die KünstlerInnen geschafft, Emotionalität in diese mediale Konfrontation zu bringen und sich so dem Status eines technischen Experiments zu entziehen, ohne jedoch an Komplexität einzubüßen. So gelingt eine seltene Mischung aus subtiler Reflexion auf die Gesetzmäßigkeiten von Performance und dem Zulassen von Berühren und Berührtwerden.


(7.2.2011)