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UMBAU EINER TEXTRUINE ZU "DANCER #2" VON KRIS VERDONK BEI IMAGETANZ 2010 IM BRUT WIEN
Von Felicitas Uckoff
Der urprüngliche Autor dieses Text hat seine Fassung aufgegeben und mir die Ruine gratis zur Verwertung angeboten. Widerwillig sagte ich: „Okay, ich werde sehen, was ich machen kann.“ Jetzt steht mir eine ungewohnte Arbeit bevor. Das Thema ist problematisch, die Struktur der Ruine auch, und die Umrüstung dieser Entgleisung sollte eine „Ent-Rüstung“ des Inhalts ergeben. Das nehme ich mir jetzt vor.
Der Beginn des unfertig gebliebenen Texts geht so: „Ein Motor ist kein Tänzer. Ceci n’est pas un danseur. Das wäre geklärt. Warum also noch weiter erörtern, warum der ,Dancer #2‘ von Kris Verdonck in einem Tanzfestival nichts zu suchen haben könnte? Okay, weil es Spaß macht. Verzeihung.“ Hier ist eigentlich bereits alles zu Ende. René Ceci-n’est-pas-une-pipe Magritte ist verwandelt, die Spaß-Behauptung unglaubwürdig, die Entschuldigung eine schwache Rechtfertigung für das Folgende.
Die Behörde macht das Theater?
„(...) Bei imagetanz (...) [hat] die Theaterbehörde den Auftritt des Motors, der zehn Minuten hätte dauern sollen, auf fünf Sekunden (!) verkürzt.“ Hier wird die Empörung des Autors begründet und mit einem Vergleich versehen: „Wäre das bei einem Buch geschehen, hätte es so ausgesehen: von hundert Seiten wären 99,17 geschwärzt worden.“ Das ist natürlich ein starkes Stück. Zugleich muss man aber sagen: Dieser Mann ist ein Drama-King. Er versucht, seine Empörung hinter pathetisch ironischen Wendungen zu verbergen: „Die Behörde macht also das Theater.“ Dabei tritt nun ein Trugschluss zutage, der das gesamte logische Konstrukt des Texts in eine vom Autor ungewollte Schieflage bringt. Denn der Behörde ist die Kunst als solche egal. Sie ist ausschließlich mit der technischen Praktikabilität der Umsetzung von Theater befasst.
Der Irrweg des Schreibers führt im Weiteren zu einer spekulativen rezeptionssoziologischen Ausführung: „Denn um realistisch zu sein, das administrativ in allen Lebenslagen durchregulierte Publikum kann nur eine Freude an der Kunst haben, wenn diese durch die im Amt gespeicherte Weisheit auf die richtige Linie gebracht ist, und das gilt auch für den Tanz. Der richtlineare Tanz kann ja auch nur ein Amtstanz sein. Denn wo sonst als im Amt hätte die exekutive Erkenntnis von Kunst ihren wahren Platz?“ [Hervorhebungen: Uckoff] Ein Verdacht wird ins Spiel gebracht. Erst hier hat mich der aufgegebene Text zu interessieren begonnen.
Obwohl sich die Formulierungen in langatmigen Konstrukten verlieren, die allesamt auf die Behauptung hinzielen, dass gleich welche Behörde, die entweder direkt mit Kunst befasst ist oder aber indirekt auf sie einwirkt, etwas mit der durch sie administrativ erfassten Kunst zu tun hat. Das ist selbstverständlich ein Irrtum – an dem der Autor schließlich auch scheitern musste.
Ein Tänzer, der gast und dezibelt
Es dauert eine Weile, bis der Text wieder bei einer passablen Wendung ankommt: „(...) Und zweitens ist festzustellen: dieser unrichtige Tänzer [der Motor, Anm. Uckoff] gast ab. Er dezibelt außerdem. Da muss eine Behörde sofort einschreiten.“ Um die Spannung der vermeintlichen Satire zu erhalten, wird sogleich das nächste Fass aufgemacht: „(...) Erschwerend kommt hinzu, dass der ,Dancer #2‘ splitternackt ist. Und, wenn einmal gestartet, erregt. Ein nackter, erregter Motorblockkörper. Wenn das nicht obzön ist.“ Kein Mensch im Publikum denkt so etwas, und schon gar nicht die Behörde. Ja, gut, das Mittel der Übertreibung... Aber der Autor baut seine Sätze in eine argumentative Leere. Ich breche wieder große Teile aus dem Text, um aus diesem Loch herauszukommen, in dem sich der Autor sogar dazu versteigt, Behörden zu erfinden, um die kafkaeske Situation, in der die Gegenwartskunst zurechtgestutzt wird, zu unterstreichen: „Kunstblockierabteilung“, „Diskursüberwachungssekretariat“ oder „Dienststelle für Aufführungsnormierung“. Das ist weder zielführend noch witzig.
Geradezu obzön erscheint dann die folgende Passage, die den politischen Charakter der Gestaltung von Kunst durch Staatsdiener unterstreichen soll: „Wie viele aufrechte Österreicher werden anlässlich der Präsidentschaftswahlen hinknien und beten: Mutter Rosenkranz, bitt’ für uns. Sind diese aufrechten Österreicher etwa kein Publikum? Haben sie nicht ein Anrecht auf Gehör und Tanzheimatschutz?“ Ja, um Himmels Willen! Der Autor will wahrscheinlich indirekt sagen, die Theaterbehörde würde direkt Zensur ausüben wollen, wie in einer Diktatur.
Kunst ist nicht integriert
Ich glaube, es wäre besser festzuhalten, dass die westlichen Gesellschaften während des gesamten vergangenen Jahrhunderts es nicht geschafft haben, ihre eigene Kultur und deren Kunstschaffen in ihren Bevölkerungen zu integrieren. Trotzdem wird dieser Integrationsprozess mit unerschütterlicher Halbherzigkeit fortgesetzt. Kunst wird daher immer noch und fälschlich als elitäre Outsider-Angelegenheit betrachtet. Anders als in der Wissenschaft, die ohne das Experiment und die Forschung nicht existieren könnte, wird das Experiment in den künstlerischen Methoden zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit angezweifelt.
Wie in der Wissenschaft und in der Politik wird auch in der Kunst viel Zeit und Energie in Konkurrenzgefechte verschleudert. Dabei geht es meist nicht um die Sache selbst, sondern um die Verteidigung von Überzeugungen oder Machtkonstellationen. Die Kommunikation um und über Kunst sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft aus, aber erforscht ist diese Wissensquelle noch nicht wirklich.
Natürlich ist das Verhalten der Behörde im Fall des „Dancer #2“ absurd. Vor allem, weil die Verweigerung der Aufführungserlaubnis laut Veranstalter erst am Aufführungstag kommuniziert wurde. Und weil es drei Stunden an Verhandlungen zwischehn Veranstalter und Amt, um die fünf Sekunden Motortanz herauszuschinden. Die Behörde wird sich überlegen müssen, ob das gebührlich war. Generell wird wie in der Politik auch hier Sicherheit gegenüber Freiheit aufgewogen (nur in der Wirtschaft scheint das Gegenteil zu gelten, dort ist die Gier stärker als alles andere). Aber das ist noch keine Zensur. Es hatte nur eine Amtsposse zur Folge. Und die war kläglich genug.
(11.3.2010)
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