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FÜR EINE AMBITIONIERTE TRÄGHEIT UND
INSPIRIERTE SCHAFFENSPAUSE
Von Agnieszka Dzierzbicka
Ein
wiederkehrender Motor von Sensibilisierungskampagnen, die durch den Staat
initiiert und kräftig betrieben werden, sind einschlägige Vorstellungen, bestimmte
Aktivitäten und Beschäftigungsfelder hätten per se einen erzieherischen
Mehrwert. Kunst und Kultur sind ein solcher Bereich, aber auch der Sport. So
ambivalent diese Bereiche zueinander positioniert sind, so haben sie eine
Eigenschaft gemeinsam: Alle drei dienen als wirkmächtige Mittel, wenn es darum
geht, die Bevölkerung zu regieren, und zwar so zu regieren, dass sie produktiv,
also in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation vor allem inspiriert und
gesund bleibt. Am Beispiel des Europäischen Jahrs der Erziehung durch Sport
(2004) wird der gouvernementale Spielraum von Sensibilisierungscampagnen
abgesteckt, um die These zu untermauern, dass sie ein probates Mittel
vorstellen, wenn Regierungen unter Druck und Gesellschaften in die Krise geraten.
In der Annahme, dass dies auch für das Europäische Jahr der Kreativität und
Innovation (2009) gilt, werden im Folgenden, die Analyseraster aus
Sportkampagnen abgeleitet und anlässlich des diesjährigen Mottos aktualisiert.
Das Jahr 2004
stand, ging es nach dem Willen der EU-Kommission, ganz im Zeichen des Sports
und der Erziehung: Zum Europäischen Jahr
der Erziehung durch Sport gekürt, sollte es das allgemeine Bewusstsein
entsprechend aufrütteln. Wie die Etikettierung bereits verrät, galt die
Aufmerksamkeit weniger der Bewegung als vielmehr der Erziehung, präziser, dem
pädagogischen Wert von Sport. Gesetzt wurde dabei auf die Kampagne Move Your Body, Stretch Your Mind, die
zur intensiven Zusammenarbeit von Bildungs- und Sporteinrichtungen führen
sollte. Gewünscht wurde eine Kooperation, welche die erzieherische Funktion des
Sports und seine europäische Dimension optimal in den Blickpunkt rücken sollte.
Trendy wurde dabei auf den multikulturellen Wert von Sport hingewiesen und die
Bedeutung des Sports für die soziale Eingliederung benachteiligter
Bevölkerungsgruppen betont. So bekundeten die damaligen Bildungsministerin
Elisabeth Gehrer, die Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, der Familien-
und Sozialminister Herbert Haupt sowie Sport-Staatssekretär Karl Schweitzer
neben Sportgrößen wie Hermann Maier und Mirna Jukic ihre Unterstützung für die
nationale Umsetzung dieser Kampagne.
Die österreichische Variante lautete auch
prompt „Bewege dein Leben, Körper und Geist!“. Auf der nationalen Ebene wurde
der Spielraum per Labeling erweitert, das Leben als solches kam ins Spiel und
machte damit auch das rege Interesse der unterschiedlichen politischen Ressorts
plausibel. Kinder und Jugendliche sollten sich nicht nur bewegen, sondern auch
Freude daran haben und gleichzeitig ihre Persönlichkeit entwickeln, der Gedanke
an Gesundheitsvorsorge durfte da naturgemäß nicht fehlen. Wer jedoch meint, es
ging hierbei um die Aufwertung von Schulsport, der irrt, wie Gehrer in einer
Presseaussendung unmissverständlich klarmachte: „Wir wollen alles dafür tun,
dass sich unsere Jugend bewegt und auch gleich die Eltern mit einbinden.“ (APA,
22. 01. 2004) Eine Ausweitung der Zielgruppe, das freute die Pädagogik, die
seit ihrer Hochblüte in den 1970ern, als die Pädagogisierung - also die
Erziehung und Aufklärung der Gesellschaft - unausweichlich schien,
kontinuierlich an Bedeutung verlor (Ziehe 1996). So gab es aus dem Blickwinkel
der Disziplin Anlass zur Hoffnung: Kinder, Jugendliche, Eltern und nicht zu
vergessen die so genannten Multiplikatoren, Lehrer und Lehrerinnen sowie
Mitglieder von Sportverbänden - sie alle sollten in den Genuss der Erziehung
durch und für den Sport kommen. Allerdings ist gerade diese Freude mit Vorsicht
zu genießen. Jedenfalls lassen sich bei näherer Betrachtung einige Tücken
dieser sportlichen Erziehungswelle aufweisen.
Gouvernementalität
neu: Die Sorge um sich
Erzählungen
beginnen in der Regel mit dem berüchtigten Es
war einmal, so auch diese, allerdings ist hier die Vergangenheit bereits
von Brüchen gekennzeichnet: Anlässlich der sozio-politischen und ökonomischen
Transformationen, die später in der Bezeichnung Postfordismus ihre semantische Entsprechung finden sollten,
konstatierte Michel Foucault 1978 eine ökonomische und politische Krise: „Wir
stehen vielleicht am Beginn einer großen krisenhaften Neueinschätzung des
Problems Regierung.“ (Foucault 1996, 120) Mit dem Regierungsbegriff ist hier
die Gesamtheit von Prozeduren, Techniken, Methoden und Institutionen, die eine
Führung der Menschen untereinander garantieren, gemeint: „Von der Verwaltung
bis zur Erziehung“ (ebd., 118).
Eine Krise
bescheinigte Foucault dem Machttypus Regierung in einem Augenblick der
Ereignisse, in dem der Großteil Europas noch dem wohlfahrtsstaatlichen Denken
verpflichtet ist. Das Modell der Versicherung ist für den Entwurf des Sozialen
dominant: Risiko wird sozialisiert (Lemke 1997, 239) und individuelle Not zur
Angelegenheit kollektiver Verantwortung (Liesner 2002, 108). Eine ökonomische
Krise scheint über kurz oder lang unabwendbar, und sie findet auch rasch ihren
Ausdruck im symptomatischen Ende der fordistischen, „unbegrenzten“
Produktionsweise, die wiederum zu abnehmenden Wachstumsraten der Wirtschaft
führt. Gleichzeitig kommt es zu einem beträchtlichen Anstieg der Sozialausgaben.
Daraus resultierende Schlussfolgerungen sind ausreichend bekannt: Die bis dahin
gängige Annahme, steigendes Wirtschaftswachstum stehe in einem direkten
Zusammenhang mit der Erhöhung von sozioökonomischen Sicherheiten, wird nicht
mehr geteilt, später sollte die Einschätzung überhaupt ins Gegenteil umschlagen
(Mahnkopf 2003, 64).
Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die
Verteilungsfrage, sondern auch die Frage nach politischer Partizipation
brisant. Neben vielen anderen Aspekten ist es die Koppelung von Sicherheit und
Abhängigkeit, die zur allgemeinen Erhitzung der Gemüter führt. Sicherheit ja,
aber nicht um jeden Preis. Eine fragliche Sicherheit, die zu einer normierten
und normalisierten Existenz unter der Obhut der Autorität des Staates und
seiner Institutionen führt, wird nicht länger hingenommen. Die Gesellschaft
begehrt auf; konkret entstehen Neue
Soziale Bewegungen, die das Problem von Regierung und Bevölkerung um eine
weitere Facette bereichern. Die Neue
Soziale Frage ist aufgeworfen und damit wird das für die Gesellschaft
verantwortliche individuelle Handeln ebenso zum bestimmenden Thema wie die
Interessensorganisation jenseits von Parteiverbänden (Grosser 1995).
Staatspolitische Konsequenzen lassen nicht lange auf sich warten, Foucault
sieht sie im Aufkommen neoliberaler Politiken und der Entstehung einer neuen
Gouvernementalität (Foucault 2000).
Unter
Gouvernementalität ist dementsprechend die Gesamtheit von Institutionen,
Verfahren, aber auch Analysen und Reflexionen, Strategien und Taktiken, die eine
bestimmte Art der Machtausübung zulassen, gemeint. Diese Machtausübung hat die
Bevölkerung als Richtungspunkt; ihre Hauptwissensform ist die politische
Ökonomie, als technisches Instrument ist ihr das Sicherheitsdispositiv zur
Seite gestellt (Foucault 2000, 64f). Qualitativ ist diese Gouvernementalität
neu, da sie von einer Weiterentwicklung des klassischen Liberalismus geprägt
ist und damit das Problem der Regierung in eine andere Perspektive rückt. Das
heißt: Zum einen lässt sich eine Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Ökonomie feststellen, zum anderen eine Differenz der Grundlage des Regierens (Lemke 1997, 240f). Das Verhältnis
zwischen Staat und Ökonomie gestaltet sich insofern anders, als der Staat nicht
länger als Wächter und Garant einer Marktfreiheit auftritt, sondern der Markt
als solcher zur organisierenden und regulierenden Instanz des Staates
avanciert. Die Grundlage des Regierens wiederum verändert sich in Folge einer
neuen Bestimmung des Freiheitsbegriffs. Ging es im klassischen Liberalismus um
die Frage der natürlichen Freiheit, die es zu gewährleisten gilt, so ist die
Freiheit in der neoliberalen Konzeption eine künstlich verfasste: Regelungen
und Begrenzungen des Regierungshandelns finden von da an ihre Legitimation im
„unternehmerischen und konkurrenziellen Verhalten der ökonomisch-rationalen
Individuen“ (Lemke 1997, 242). Damit eröffnet sich eine Konstellation zwischen
Staat und Individuum, die seit geraumer Zeit unter der Chiffre „Ich-Aktie“ firmiert und die lang umkämpfte Opposition Individualfreiheit versus
Staat in den Hintergrund treten lässt.
Denn
eben die Taktiken des Regierens gestatten es, zu jedem Zeitpunkt zu bestimmen,
was in die Zuständigkeit des Staates gehört und was nicht in die Zuständigkeit
des Staates gehört, was öffentlich ist und was privat ist, was staatlich ist
und was nicht staatlich ist. (Foucault 2000, 66)
Angesichts der virulent
gewordenen Sozialen Frage ist, wie bereits angedeutet, ein für die Gesellschaft verantwortliches
individuelles Handeln angesagt. Das Kräfteverhältnis beginnt sich somit zu
verändern: Individuen wie Interessensgruppen sollen sich aktiv an Lösungen
gesellschaftlicher Probleme beteiligen. Die Risikoverteilung unterliegt nun
neuen Spielregeln: Zum einen ist es die „Ökonomisierung des Sozialen“ (Lemke
1997, 254), also die bürgerliche Pflicht des Einzelnen, das Risiko, das durch
die eigene Existenz der Gesellschaft aufgebürdet wird, zu minimieren. Zum
anderen ist es die Arbeit an sich (Bröckling 2003, 90), die das neue Programm des Sozialen gestaltet. Damit ist das unendliche Feld der Sorge um sich
und des Sich-selbst-Regierens eröffnet: Bin ich gesund genug?
Verrückt nach
Gymnastik: Versicherungswesen im Wandel
Etwa
zeitgleich, wir befinden uns Mitte der 1970er Jahre, steckt Österreichs Breiten-
bzw. Freizeitsport noch in den Kinderschuhen. Den Neuen Sozialen Bewegungen
gilt sportliche Betätigung auf Grund der Ausrichtung am Leistungs- und
Konkurrenzprinzip, aber auch wegen der kaum aufgearbeiteten Vereinnahmung durch
das NS-Regime, als suspekt. Denken bzw. das Revival des aufklärerischen
Imperativs, man möge den Mut aufbringen und sich seiner Vernunft bedienen,
scheint Sport per se auszuschließen. Umso beliebter sind nächtelange
Diskussionen, volle Aschenbecher und mitunter leere Dopplerflaschen. Die
Erzählung könnte zweifellos auch anders lauten, Faktum ist, dass im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen, so im legendären „Club 2“, noch Alkohol getrunken und Tabak geraucht werden
darf. Fitness dagegen ist vorerst dem Land der unbegrenzten Konsummöglichkeiten
vorbehalten, und dem kleinen, nach ähnlichen ökonomischen Höhen strebenden
Japan. So turnt etwa zur selben Zeit in Japan Jung und Alt ab 6.30 Uhr
gruppenweise in Parkanlagen, Schulhöfen und an Arbeitsplätzen zur morgendlichen
Radiogymnastik: „Alle zusammen eins, zwei, drei…“ (Lintner
2001, 88f; 112f). Wohl gibt es auch in Österreich „Fit mach mit“, eine Hörfunksendung mit der Vorturnerin der
Nation als Moderatorin, Ilse Buck, allerdings wird diese morgendliche Gymnastik
mehr belächelt, denn tatsächlich zur körperlichen Fitness genutzt.[i] Während Österreich heute sich dem Druck, Zug,
Schub und Entspannung hingibt - die Grundbewegungen des Nordic Walking - ist
die Radiogymnastik in Japan nach wie vor populär:
In einem japanischen Unternehmen zu arbeiten unterscheidet sich stark von
dem, was ich bisher bei Unternehmen kennen gelernt habe. Der Arbeitstag fängt
in der Regel um halb neun an und beginnt mit der Radiogymnastik. Die komplette
Abteilung macht also Frühsport und Dehnungsübungen zu Musik aus der
Lautsprecheranlage. (Görnert 2004)
Die in Japan äußerst
beliebte Tradition mag auf den ersten Blick in Einklang mit dem dort herrschenden kulturellen Common Sense
einer auf Leistung und Wettbewerb basierenden Gesellschaft stehen, bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich jedoch als ein Exportschlager der USA. Diese
so erfolgreiche Etablierung von Volksgymnastik beginnt ebenfalls mit der
Geschichte vom Brüchigwerden des sozialen Gefüges, in diesem Fall erweitert um
die Variable kulturelle Differenz.
Amerika der 1920er Jahre:
Ablebensversicherungen sind gerade groß im Kommen. Die bedeutendste
nordamerikanische Versicherungsgesellschaft, Metropolitan Life Insurance Company (Metlife), setzt auf viele Mitglieder, die
ein langes und gesundes Leben führen sollen. Das neue Medium Radio und die so
genannte Metropolitan-Gymnastik stellen die Breitenwirkung des neuen Ideals
sicher (Lintner 2001,
49). Regelmäßige Bewegung und Gesundheitsvorsorge sind die Zauberformel für
eine lang andauernde Partnerschaft, das Versicherungswesen wird damit zu mehr als
einem der vielen Geschäftsfelder, es entwickelt sich zu einem sozialen
Programm: Unterstützung der Gemeinschaft und Gesundheitsförderung ihrer
Mitglieder ist das neue Unternehmensmotto (Metlife 2004). Der Erfolg bleibt in
einer Zeit, in der Diphtherie, Pocken und die Virusgrippe zahlreiche Opfer
fordern, auch nicht aus. Noch heute rühmt sich die Metlife, innerhalb von
fünfzig Jahren 20 Millionen Menschen kostenlose medizinische Behandlung
ermöglicht zu haben (ebd. 2004).
Eine ähnliche
Erfolgsstory zeichnet sich in Japan ab. Auch dort floriert das
Versicherungswesen, allerdings mit gewissen Schwierigkeiten, zumindest zu
Beginn: Die japanische Postlebensversicherung (1916) setzt auf den Faktor Angst
(“wir müssen alle sterben“) und erfreut sich angesichts von
Naturkatastrophen wie Erdbeben und Infektionskrankheiten wie Tuberkulose,
Typhus und Cholera großen Andrangs (Lintner 2001). Allzu bald stellt sich
jedoch heraus, dass der Abschluss der Versicherungspolizzen auch Schattenseiten hat. Viele der Versicherten
sehnen sich einen schnelleren
Tod herbei, um die hinterbliebene Familie ehest möglich zu versorgen. Ein
untragbarer Zustand für jede Versicherung. Die Einstellung zum Leben und Tod
muss sich in dieser Gesellschaft fundamental ändern, sollen die Versicherungen
ökonomisch überleben. 1928 wird Radiogymnastik[ii]
in Japan erstmals gesendet, nachdem Mitarbeiter der Postlebensversicherung die
Metropolitan Life Insurance Company und ihre Werbestrategien studiert hatten
(Lintner 2001, 57f; 70ff). Ein Jahr später preist die Postlebensversicherung
das griechische Schönheitsideal der Antike als Vorbild für die Gesundheit des
Körpers in Japan. Der Imagewandel - nicht die Versicherungssumme,
sondern langes gesundes Leben solle an erster Stelle stehen - war damit vollbracht.
Zurück nach Österreich: Exakt ein
Jahr vor dem Start der Kampagne „Bewege dein
Leben, Körper und Geist!“ ergab eine von einem Versicherungsunternehmen in
Auftrag gegebene Studie, dass Österreicherinnen und Österreicher immer mehr für
ihre Gesundheit tun, aber die Hälfte von ihnen dennoch der Meinung ist, nicht
genug für ihren Körper getan zu haben (APA, 10. 01.2003). Die Palette an
Vorsätzen reicht von Sport
betreiben, sich gesund ernähren, Wellnessurlauben, Gewicht reduzieren bis zu Tai Chi
und Yoga. Die mediale Schlacht um die Gesundheit der Österreicher und
Österreicherinnen nimmt ihren Lauf. So zeigte sich auch der überparteiliche Allgemeine Sportverband (ASVÖ) in einer
Presseaussendung alarmiert (APA 25.07.2003). Verwiesen wurde auf die Kosten,
die der Gesellschaft durch sportliche Inaktivität vieler Österreicher
verursacht werden. Demnach könnten 800 Millionen Euro pro Jahr eingespart
werden, wenn dem Sport ein gebührender Stellenwert im Gesundheitswesen zukommen
würde.
Eine andere Studie belegte, dass gar 60 Prozent der österreichischen
Bevölkerung es eher bequem liebt. Diese Studie wurde prompt zum Anlass für eine
Motivationskampagne des „Fonds Gesundes Österreich“ (APA, 08.10. 2003). Unter
dem Motto „Es ist nie zu spät, den ersten Schritt zu tun“ sollte die Lust auf
Bewegung im Alltag geweckt werden, Bewegung als Vorbeugung gegen Krankheiten.
Hier lässt sich eine gewisse Umorientierung feststellen, eine Erkenntnis nicht
leugnen: Fehler vergangener Kampagnen sollen verhindert werden, es geht darum,
die Bevölkerung nicht zu überfordern. Unvergessen bleibt die Kooperation mit
einer österreichischen Versicherungsgruppe und dem ORF, unterstützt durch ein
Partnernetz aus Ärztekammer, 606 Apotheken, Sportvereinen und Rotem Kreuz.
Unter dem Titel „leichter leben“ wurde eine landesweite Großaktion zum Abnehmen
gestartet. Das Ziel dieser Aktion war durchaus umstritten, ging es doch darum,
ein „Messergebnis der Erleichterung“ in Kilo bzw. Tonnen zu erhalten. Das
Ergebnis sollte in Lebensmitteln aufgewogen und für Hungernde in Eritrea
gespendet werden. 1.399.811 Kilogramm wurden damals insgesamt abgenommen
(mediaresearch ORF, 2004)[iii]. Ab da wurde auf eine andere Strategie
gesetzt: Es sind die kleinen Schritte, die zählen, Stiegensteigen oder kurze
Wege, die sonst mit dem Auto gefahren werden, sollen zu Fuß zurückgelegt
werden. Mit Rückgriff auf sportwissenschaftliche Erkenntnisse wird auf
langsame, mäßige, aber regelmäßige körperliche Ertüchtigung gesetzt.
Die
Vorschrift, man solle sich um sich selbst kümmern, ist jedenfalls ein
Imperativ, der durch alle möglichen Lehren wandert; zudem hat er die Form einer
Haltung, einer Weise des Sichverhaltens angenommen, hat er Lebensweisen
durchtränkt; er hat sich in Prozeduren, in Praktiken und in Rezepten
entwickelt, die man bedachte, betrieb, verbesserte und lehrte; so hat er eine
gesellschaftliche Praktik konstituiert, die zu zwischen-individuellen
Beziehungen, Austauschprozessen und Kommunikationen, ja manchmal zur Entstehung
von Institutionen Anlass gab; endlich hat er einer gewissen Weise des Erkennens
und dem Aufbau eines Wissens stattgegeben. (Foucault 1995, 62)
Das Prinzip der
Sorge um sich stellt, so könnte es
wohl in Anlehnung an Foucault und unter Berücksichtigung der aktuellen
Gesundheitsinitiativen postuliert werden, ein wiederkehrendes Moment des
Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Individuum dar. In Anbetracht des
Wandels der Gesundheitspolitik und einer neuen Medizin, die sich nicht mehr um
Ärzte und Kranke dreht, sondern potenzielle Kranke und Risikogruppen definiert
(Deleuze 1993, 261), rückt die Körperbildung als neue Form der Vorsorge in den
Vordergrund. Schließlich will eine
Studie der Universität Wien im Auftrag des Gesundheitsministeriums errechnet
haben, dass jeder Euro, der in Bewegung und Sport im Kinder- und Jugendalter
investiert wird, im Alter dem Gesundheitssystem zwei Euro sparen hilft (APA,
22.05.2003). Bin ich fit
genug?
Für eine
ambitionierte Trägheit: Risikofaktor Bewegung
Kein Zweifel scheint
darüber zu herrschen, dass wir in einer entkörperlichten Gesellschaft leben,
zumindest gilt das für unseren Alltag: Egal ob Schule, Aus- und
Weiterbbildungsstätten oder Arbeit, alle diese Bereiche zeichnen sich durch
eine selbstverständlich gewordene Sitzkultur aus, in einigen Fällen ist
durchaus auch Stehen angesagt; bewegungsreiche Jobs sind heute definitiv rar
oder nicht erstrebenswert. Es sind abstrakte, virtuelle Welten, zumindest
Schnittstellen zu virtuellen oder technologisierten Welten, die permanent
frequentiert werden und dadurch die meisten Arbeitsrealitäten prägen. Auf der
realen, körperlichen Ebene sind diese Arbeitsbedingungen häufig mit einseitigen
und damit haltungsschädigenden Positionen verbunden (Becker/Fritsch 1998, 59f).
Wenn also eine Kampagne nach der anderen das aktive Leben, die
gesundheitsfördernden Aspekte von Bewegung oder die Risikominimierung durch
Sport oder Bewegung rühmt, dann wird damit an das Freizeitverhalten appelliert.
Dabei etabliert sich nahezu unbemerkt ein ganzer
Kanon von Geboten und Verboten, die das versprochene bewegte Leben ziemlich
einschränken. Die Einschränkungen beginnen bereits bei der klassischen Trennung
von Arbeit und Freizeit: Es ist selbstverständlich geworden, die kleinen und
feinen Motivations- und Imagekampagnen ausschließlich auf den privaten Bereich
zu beschränken. Von Fitmärschen und -läufen an Nationalfeiertagen über Fit- und
Wellnessurlaube bis zur Bekämpfung des persönlichen, nämlich inneren,
Schweinehundes (im Rahmen der beschriebenen Kampagne „Es ist nie zu spät, den ersten Schritt zu
tun“) reicht das
Gebot der Maßnamen im Dienste der Gesundheitsvorsorge.
Kurios dabei ist die
Tatsache, dass es sich einerseits um Sensibilisierungskampagnen zur
Bewusstwerdung der Risiken eines postindustriellen Lifestyles handelt, andererseits
damit die industrielle Sinngebung der Freizeit als ausschließliche
Wiederherstellung der Arbeitskraft erneut ins Spiel gebracht wird. Ähnlich
paradox gestalten sich Präventivmaßnahmen gegen Nikotinsucht. Wenn die
Betroffenen so widerspenstig sind, nicht auf die Stimme der Vernunft, schon gar
nicht auf große Warnhinweise zu achten, denn stehen auch in der neoliberalen
Verfasstheit der Gesellschaft wieder individuelle Freiheiten zur Disposition.
Derart signifikante
Entwicklungen lassen sich auch am Beispiel des Schulsports beobachten. Die im
Zuge des neoliberalen Umbaus des Staates durchgeboxte Schulautonomie hat zu
einer Welle von Sparmaßnahmen geführt, die vor allem den Bereich so genannter
Nebenfächer im Allgemeinen und Sportunterricht im Besonderen betrifft
(Katschnig-Fasch 2003). Angesichts des Europäischen Jahrs der Erziehung durch
Sport erscheint diese Entwicklung besonders
zynisch: Jugend soll unter allen Umständen fit gemacht werden, anderseits
werden Stundenkürzungen im Pflichtfach Bewegung
und Sport (ehemals Leibeserziehungen)
mit der Begründung, Schüler und Schülerinnen zu entlasten, und trotz des
Widerstands von Betroffen erstmals durchgesetzt. Die Verlagerung der
sportlichen Betätigung, wohlgemerkt einem Pflichtfach, in die freie Zeit der
Lernenden kann im konkreten Fall nicht geleugnet werden. Interessanterweise ist
es wieder die Gesundheitspolitik, die ausgerechnet das Freizeitverhalten
kritisch in den Blick nimmt. Die steigende Zahl von Unfällen in der Freizeit
führte zu einer Erhöhung der Unfallkosten. Als Grund für die ständig steigenden
Zahlen wird die aktivere Freizeit, die mehr Menschen zur Bewegung und zum Sport
bringt, genannt: Frei betriebener Sport, einfaches Gehen und Laufen -
organisierter Sport gar nicht eingerechnet – verursachten zur diesem Zeitpunkt
53 Prozent aller Freizeitunfälle, Tendenz steigend (Institut Sicher Leben,
2004). In diesem Zusammenhang verwundert es kaum, dass eine
Freizeitunfallversicherung in Betracht gezogen wird, eine entsprechende
Umsetzung wird wohl ausbleiben, würden diese doch die Bemühungen um mehr
sportliche Betätigung der Bevölkerung konterkarieren.
Die Bevölkerung zu führen heißt nicht, allein die kollektive Masse an
Phänomenen oder die Bevölkerung allein auf der Ebene ihrer globalen Befunde zu führen; die Bevölkerung zu führen heißt, sie
gleichermaßen in der Tiefe, in der Feinheit und im Detail zu führen. (Foucault
2000, 63)
Ein
bestimmendes Moment der neuen Gouvernementalität ist die Verpflichtung des
Subjekts, gesellschaftlichen Herausforderungen mit erhöhter Eigeninitiative zu
begegnen. Demgemäß führt entsprechend der aktuellen Ausrichtung der
Gesundheitspolitik kein Weg daran vorbei, die eigene Freizeit aktiv, im Sinne
einer produktiven Sportlichkeit zu gestalten. Als mögliche Strategie gegen eine
vereinnahmte Freizeit, die auch noch beträchtliches Risiko mit sich bringt,
bietet sich die schlichte, aber bewährte Aufmüpfigkeit an. Mit Foucault
gesprochen geht es um die Ausübung von Kritik, im Sinne einer „Kunst, nicht
dermaßen regiert zu werden“ (Foucault 1992, 28). Subversiv, die Erkenntnisse
der Naturwissenschaften aufgreifend, könnte sich hier die Mimikry bewähren, die
Täuschung aus Selbstschutz. Ambitionierte Trägheit wäre dabei die erste Übung.
Für das Jahr der Kreativität und Innovation gilt damit ähnliches
auszuprobieren, vielleicht wäre hier anlässlich des gegenwärtigen
„Kreativitätsimperativs“ (Von Osten/Spillmann 2003) die inspirierte
Schaffenspause eine Option. In diesem Sinne: Move Your Mind! Stretch Your Body.
Fußnoten:
[i] Die größte
Resonanz gelang „Fit mach mit!“ auf Grund der doppelt gebrochenen
Parodie im Rahmen einer Folge der TV-Kultserie Kottan ermittelt: „Ganz Wien“ lehnt an Häuserwänden und
macht morgendliche Stretchübungen...
[ii] Während des
Krieges wurde auch die Radiogymnastik in den Dienst des japanischen
Nationalismus gestellt: „Nur wenn das Volk stark ist, ist ein Sieg
möglich“, nach Ende des Krieges zeitweilig durch die US-Besatzung
verboten, 1951 kam es zu einem erfolgreichen Relaunch.
[iii] Tatsächlich wurden Lebensmittel im Wert von damals 1,4
Millionen Schilling gespendet.
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Frankfurt/M., S. 924-942.
Agnieszka Dzierzbicka ist Professorin für Kunst- und Kulturpädagogik mit besonderer
Berücksichtigung der Allgemeinen Pädagogik. Lehr- und Forschungsschwerpunkte
umfassen die Themenkomplexe Differenz, politische Kultur und Bildungsprozesse
sowie Spannungsfelder in Kunstpädagogik und -vermittlung aus der Perspektive
der Cultural Studies/Governmentality Studies. Sie ist Autorin von „Vereinbaren
statt anordnen“ (2006) und Herausgeberin von „In bester Gesellschaft“ (2008,
zusammen mit Josef Bakic und Wolfgang Horvath), „Pädagogisches Glossar der
Gegenwart“ (2006, zusammen mit Alfred Schirlbauer), „Bildung riskiert“ (2005,
zusammen mit Richard Kubac und Elisabeth Sattler).
Der vorliegende Text ist die von der Autorin für corpus revidierte und aktualisierte Fassung eines Texts, der bei Kurswechsel, Heft 2/2004, erstmals publiziert wurde.
(29.3.2009)
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