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„My Sweetest Choice!”

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NICOLE BEUTLER SPIELT IM WIENER BAROCKTHEATER BRUT EIN "LOST IS MY QUIET FOREVER"

Von Judith Staudinger


Nicht als eine barocke Oper, sondern gleich als deren „Missinterpretation“ kündigte Nicole Beutler das Gastspiel von „Lost is my quiet forever“ an. Die abenteuerliche Verbindung von vermeintlich Widersprüchlichem - von Henry Purcells Barockarien mit der elektronischen Musik des DJ Gary Shepherd, von expressiven Posen auf die Spitze getriebener Emotionen mit performten Fratzen zwischen Porno und Heavy Metal - provoziert den Zuschauer, dem Gehalt der Gefühle hinter den Klischeemasken nachzuspüren. Eine blaue Stunde eines Theaters, dem sein Urvater Dionysos belustigt zuschauen könnte.

Klassische Operndramaturgie, reduziert

Die in Amsterdam lebende gebürtige Münchnerin Beutler legt ihre Barockoper bzw. deren Missinterpretation, man könnte auch sagen, ihr Spektakel, klassisch dreiaktig an. Drei herzzerreißende barocke Arien plus eine weitere als Epilog liegen den Akten zu Grunde: „One Charming Night“, „Lost is My Quiet“, „O Solitude, My Sweetest Choice“ und „What a Sad Fate is Mine“. Lust, Liebe mit Hindernissen, Weltabkehr und wieder zurück zur Liebe mit Hindernissen - so der rote Faden der Dramaturgie. An diesen Faden reiht Beutler die hübschesten Blüten, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Die fünf PerformerInnen Katy Hernan, Hester van Hasselt, Pedro Inês, Niels Kuiters und Aimar Pérez Gali steppen Perücken tragend, posieren in aberwitzigen Tableaux vivants, entblößen sich in Pornopüppchenmanier, rocken mit Luftgitarren oder sterben auf Zehenspitzen. In 80 leichten Performanceminutenentwickeln diese Aktionen einen meditativen Sog, der seine Zäsuren durch die Musik erhält.

Der Countertenor Maurits Musch und die (sich selbst auf der Countrygitarre begleitende) Popsängerin Monice Page singen die betörend schönen Arien von Henry Purcell, die den Akten ihre Richtung weisen. Dabei passt Musch perfekt ins Bild als möglicher Protagonist jeglicher Barockoper, Page hingegen fällt mit ihrem bunt bedruckten Stoffkleidchen und der mit Stickern beklebten Gitarre gänzlich aus dem visuellen Rahmen, und stimmlich ist sie sowieso einem anderen Musikuniversum zuzuordnen. Trotzdem harmonieren die beiden auf eine paradoxe Art, die aber die sich stets in vertrauten Kadenzen bewegende Alte Musik neu beleuchtet.

Illusion von Kohärenz

Das Stilsammelsurium der (von Jessica Helbach zusammengestellten) Kostüme aus Spitzenmanschetten, Mini-Boleros und eng anliegenden Glitzertops bis zu weißen Tennisshorts, wie sie in den 1980-ern modern waren, kann symptomatisch für die Machart der ganzen Arbeit stehen. Aus unterschiedlichsten Stücken, Stilen und Epochen werden Eindrücke kreiert, die trotz ihrer Patchworkhaftigkeit jeweils die Illusion einer Kohärenz entstehen lassen - wie eine barocke Metapher auf das Leben selbst. Denn Blumenkränze im Haar, schwarze Lackschuhe mit Absätzen für die Frauen wie auch die Männer und vor allem die weißen Kniestrümpfe zu den kurzen Hosen lassen die Kostüme trotz ihrer „Überfülle" („Über Fülle“ ist auch der Titel des brut-Schwerpunktes, den „Lost Is My Quiet Forever“ eröffnete) eindeutig den barocken Hof-Look nachempfinden.

Beutler schafft große Bilder, bricht sie in sich oder reibt sie gegeneinander. Etwa wenn nach der gefühlstrunkenen Solo-Arie „O Solitude“, zu der sich Musch einsam im Spotlight wälzt, ein schlaksiger Mann grölend wie ein Betrunkener das eben Gehörte nachäfft und, sich leidenschaftlich verbiegend, einen ebenso einsamen Partytanz in eben jenem Spotlight vorführt. „Sterben werden wir alle, also lasst uns bis dahin noch Spaß haben“, lautet der Tenor seiner Botschaft. Tanzen im Angesicht der Sterblichkeit, die Lebensfreude einer strahlenden Nacht, ausgedrückt in einem pulsierenden Samba, die Hinwendung zum vorgeblich Simplen, Natürlichen in einer Nackteinlage oder eine Ensemblenummer eleganten höfischen Tanzes als Gemeinschaftserlebnis - „Lost is my quiet forever“ führt einige historische Strömungen der Manifestation menschlicher Sehnsüchte vor, bis hin zu einer schmerzhaft-schaurigen Parade zeitgenössischer Ausdrucksformen von Erotik- bis Computerspiel.

Das Sympathische an dieser Opernmissinterpreation ist neben ihrem Stil- und Ideenreichtum die Leichtigkeit, mit der vom einen ins andere getanzt wird. Der Zuschauer kann sich auf die skurrile Zeitreise einlassen oder mit Vergnügen die ganz groß ausgestellten Gefühlen beobachten.


(13.01.2010)