JACK HAUSER (MIT M1+1) IM KUNSTMUSEUM LENTOS. EINE SEHR KURZE REFLEXION
Von Helmut Ploebst
An der Küchentür, zugleich Wohnzimmertür, aus der Wohnung von Miryam van Doren hängt allerlei Material: Bilder und Dinge, die offenkundig etwas erzählen. Die Tür ist aus der Wohnung ausgezogen. Sie hat vier Räder bekommen und hat eine Zeitlang im Kunstmuseum Lentos gewohnt. Einige Triennale-Monate lang ist sie dort jeden Tag von Museumraum zu Museumsraum gerollt (worden) und stand dort im Weg. Sie hat sich gezeigt, rahmenlos und mobil gemacht – mehr als nur geöffnet, sondern ausgehängt und freigelassen, im Dialog mit all den anderen Kunstwerken, deren Zuhause das Museum geworden ist, wo auf sie geachtet wird und wo sie trotzdem frei sprechen können. [1]
Ein besonderer Tag für die Tür aus der Wohnung der Miryam van Doren und zugleich ihr letzter in diesem Museum. Einige Herren und eine Frau geleiten sie durchs Haus. Es wird ein Ave Maria gesungen. Dann kehrt sie zurück zu ihresgleichen, also zu den anderen Erzählstücken aus der erwähnten Wohnung, die es wirklich gibt. In Wien VI., Bürgerspitalgasse Nummer 13, Tür 17. Ein Ort, in dem seit Jahren ganz bestimmte Erzählungen hausen, ein Archiv, das an sich selbst arbeitet, eine Werkstatt, in der Fäden gesponnen werden und Menschen eigenartige Dinge tun. Kategorie D, Klo außen, kein Bad, keine Heizung. Miryam van Doren braucht nicht mehr, auch nicht, wenn sie Paul Sernine (weiß und blau), Miss Coochie, Elijah Snow [2] oder die „Living Music Box“ Anton Tichawa empfängt, dann und wann auch andere Gäste, die zum Teil der großen Geschichte werden, die sich in dieser Wohnung nicht nur zeigt, sondern auch immer wieder lebendig wird.
In Fluß geratene Objekte
Die Installation im Lentos, die Jack Hauser gemeinsam mit M1+1 (Sabina Holzer, Sabine Maier, Michael Mastrototaro und Anton Tichawa) als Linz.Wohnung.Miryam.van.Doren.mobil am Sonntag, dem 26. September 2010 im Zuge einer zweistündigen Performance abgebaut hat, enthielt weitere Materialien aus der Wohnung: Bücher, Bilder, Schallplatten, CDs, Filme, Figuren, Masken, eine Tasche, Hüllen, Namen und Abenteuer. Referenzen auf Wanderschaft, Quellen für Erzählflüsse, Codes in Überschreitung des Zeichenhaften, Verzeichnisse, deren Posten einander ablösen, wieder miteinander verschmelzen, geheime Tributes an erfundene oder wirkliche Größen von uneinschätzbaren Ausmaßen. In Fluß geratene Objekte also, die als vom Künstler gelesene dem Publikum neu lesbar gemacht werden, Objekte, die, schlüssig, wie sie vorgeschlagen werden, zu einer Unschlüssigkeit einladen, die das Gegenteil einer Schließlichkeit oder eines Abschließens sind. Wie eben diese losgelassene Tür unschließbar durch das Museum geisterte, ihren Metaphern entrissen wurde, eine Tür also, die ihren gesamten Umraum öffnete und deren Patina anzusehen ist, daß sie einem normalen Gebrauch willig gedient hatte, bevor sie freigelassen wurde.
Über einem braunen Doppelfauteuil, das beinahe als Sofa durchgeht und wie aus den 1970ern direkt ins Heute übersiedelt erscheint, ein großes, gerahmtes Bild mit Maggie Cheung als Irma Vep. In dem Film von Olivier Assayas (1996) geht es um eine Stummfilmserie von Louis Feuillade, Les Vampires (1915/16), in der die Schauspielerin Musidora (alias Jeanne Roques) in einem schwarzen Ganzkörperanzug auftritt. Konkret um den Versuch des Regisseurs René Vidal, ein Remake der Serie als Film auf die Beine zu stellen. Assayas erzählt von den Vorgängen um den Versuch dieses Remakes. In einem Film von Jack Hauser ist die Tänzerin und Choreografin Anne Juren als Maggie Cheung [3] zu sehen, während in der Performance Sabina Holzer und Sabine Maier als Anne Juren / Maggie Cheung / Musidora auftreten.
Vampire und Illegalisten
Les Vampires (Irma Vep ist ein Anagramm von Vampire) sind in Louis Feuillades Film eine Gang, die der Regisseur auf die anarchistische Bonnot Gang bezog, die 1911/12 in Frankreich und Belgien aktiv war und deren politische Selbstdefinition unter anderem auf Bakunin, Stirner und Ravachol fußte. Jack Hauser und Michael Mastrototaro wurden in der Performance als Paul Sernine vorgestellt – und dieser Name ist wiederum ein Anagramm von Arsène Lupin, dem Meisterdieb aus den Romanen (1905 bis 1935) von Maurice Leblanc. Lupin soll nach dem Vorbild des Illegalisten und Volkshelden Marius Jacob (1879-1954) geschaffen worden sein. Die Illegalisten, zu denen sich auch die Bonnot Gang zählte, hatten zum Ziel, die Reichen zu bestehlen, um den Armen zu helfen.
Über diese Referenzen gelangt man ins Innere des organlosen Corpus von Jack Hausers Erzählungen, und es ist also stimmig, wenn sich Kenner des Filmwerks von Hauser, dem – Selbstbezeichnung – „Ex.Filmemacher“, an dessen Super 8-Projekt Banditengesänge erinnert sehen. Vom Künstler zum Verbrecher ist es nur ein kleiner Schritt. Vom Brechen mit den kulturellen Maximen herrschender Klassen bis zum Verbrechen als Ordnungsstörung in den legistischen Maximen der Eliten ist es oft nur eine Form(ulierungs)sache. Die Kriminalisierung von KünstlerInnen wird bis heute permanent betrieben oder versucht.
Miryam van Doren schreibt Jack Hausers Leben auf
Jack Hausers Helden sind allerdings nicht die „Origniale“, sondern deren Echos in der Trivialliteratur und der Popkultur. Stets wird die Geschichte (Story) zur Figur und ihre Geschichte (History) zur fiktiven Biografie, die die Performance des Narrativs ist, wie es sich im kollektiven Gedächtnis vorstellt. Die Wohnung Miryam van Doren enthält Tausende Belege dieser fiktiven Biografie auf engstem Raum, in dem die Protagonistin wie ein Gespenst – oder eine Protagonistin in Hausers und David Enders Hembert Nora-Werk [4] – wohnt, als hyperreferenzielle Gestalt(ung) und erotische Heroine, die Jack Hausers Leben so lange aufschreibt, bis dieser das so entstehende Palimpsest nicht mehr lesen kann.
Die Bande ist Hausers Identität, und unaufhörlich wirbt er Mitglieder an, um seine Secret Service-Aktivitäten durchzuführen oder um deren Geheimdienste öffentlich zu machen. Die Band ist der Zirkel, mit dem der Künstler eine Philosophie des Yoo doo right (Can, 1969) erlebbar macht. Ganz selbstverständlich hält Hauser Distanz zum großen Kunstmarkt, und genauso selbstverständlich macht er jene, die er kontaktiert, als Verführer zu seinen Kollaborateuren, Lebendige und/oder ins kulturelle Gedächtnis Übersiedelte, um ihnen etwas hinzuzufügen, das er sich und wieder anderen gestohlen hat. Als „volatiler Voleur“ betreibt er als einer der avanciertesten lebenden österreichischen Künstler den Raub als Plussummen-Spiel, voilà, als Referenzenbeute, die er seinen Leserinnen und Lesern zuwirft, und seiner Bande, zu der sich bekanntlich auch corpus zählt, das ihn als seine Beute ausschöpft, so lange er darin einen Sinn sieht.
Fußnoten: [1] Die Tür macht in der Folge deutlich, daß die Listen, die in einem Museumsraum plazierte Kunstwerke repräsentieren, nicht bloß solche sind, sondern – wie etwa die Hängung von Bildern oft suggeriert – definitiv eine Gemeinschaft vorschlagen. Die von ihren „SprecherInnen“ getrennten künstlerischen Formulierungen reformulieren sich in der Rezeption, wo ihre „Performance“ stattfindet. [2] Eine Figur, auch genannt „The Ghost of 20th Century“, aus Warren Ellis’ und John Cassadays Comic Planetary (USA, 1999 bis 2009). In der Performance verkörpert von David Ender. [3] Oder als Jakita Wagner, eine weibliche Heldin aus Planetary, die wie Irma Vep einen schwarzen Ganzkörperanzug trägt, Sabina Holzer gerät als Miss Coochie offenbar in die Nähe der Jakita Wagner, während Figuren wie Cat Woman, Modesty Blaise und Emma Peel sozusagen Ko-Identitäten im Hintergrund repräsentieren. [4] Vgl. Jack Hauser, David Ender: Hembert Nora. In: Peter M. Hetzel (Hg.): Die Dritte Generation. Stories. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1991, S. 101–147. David Ender, Jack Hauser: Hembert Nora. Edition selene, Wien 1996. David Ender, Jack Hauser: Miryam von Doren. Edition selene, Wien 2003.
(29.9.2010)
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