Nachgeschobener Sinn

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NACH DEN ARBEITEN "TONGUE'S MEMORY OF HOME" UND "LEFT CHEEK" DES KÜNSTLERKOLLEKTIVS ZUHE NIAO AUS SHANGHAI

Von Peter Stamer

Nach der Aufführung von „Tongue's Memory of Home" eröffnet Michael Stolhofer den Clubtalk im Rahmen der Asian Dinner Stories mit der Frage, wie Zhang Xian, der Autor des chinesischen Künstlerkollektivs Zuhe Niao, denn wollte, wie das Publikum die Aufführung lesen solle. Die Frage ist höflich. Sie überlässt dem fremden Künstler das erste Wort und möchte ihn in seinen Absichten verstehen. Zudem fragt sie nach einer im Stück womöglich angelegten Idealperspektive, welche der Zuschauer nicht einnehmen konnte. Sie impliziert, dass wir wahrscheinlich nicht ganz verstehen können, was uns der Autor und sein Tänzerkollektiv auf der Bühne sagen wollten.

Die Frage des privilegierten Verstehens entschuldigt sich für das Versehen des Fragenden. Für ein buchstäbliches Versehen, ein Versehen der Buchstäblichkeit, dem es nicht gelingt, den durch die verwendeten theatralen Mittel konstruierten Sinn der Aufführung zu verstehen. Die Frage fußt allerdings auf einer negativen Gleichung: Der Zuschauer kann seinen Dienst der Sinninterpretation nicht versehen angesichts der nie aufgehenden Gleichung, dass die Sinndifferenz dessen, was gezeigt wird und dessen, was darin gesehen werden kann, total und uneinholbar ist. Der Zuschauer bleibt demnach immer im Minus des Verstehens, weil er nur ver-sehen kann, was sich vor ihm abspielt. Weil er nie die kulturellen Bedingungen vollends teilen kann, aus denen der chinesische Sinn zu entspringen scheint. Weil er nie Chinese sein wird.

Diese Gleichung des defizitären Sinns aber setzt die kulturelle mit der ästhetischen Differenz gleich, und zwar sowohl hinsichtlich der Sinngebungsverfahren als auch der Stellvertretungszuweisungen. Die ästhetische Differenz lässt sich in gängigen Kunsttheorien durch das Unübersetzbarkeitstheorem Adornos bestimmen. Danach spricht zwar jedes Kunstwerk, sein Sprechen ist jedoch wortsprachlich uneinholbar verrätselt, da es beständig verschweigt, was es zu sagen hat. Entsprechend zeigt sich das Ästhetische gerade dadurch, dass künstlerische Prozesse nur aufgrund einer kategorialen Trennung und damit grundsätzlichen Differenz vom Sagbaren für sich stehen können.

Das Ästhetische ist dabei ein in seinem Medium reflektiertes Verschweigen des zu Sagenden, das durch Kunstanalyse erst als solches bestimmt werden kann: entweder, indem es als Übersetzung zur Wissensschaffung das artefaktisch Verschwiegene diskursiv sagen will (Hermeneutik) oder indem es das artefaktisch Verschwiegene als eigenen Modus des artefaktischen Sprechens sagen und damit in seiner Rätselhaftigkeit bestehen lassen will (Phänomenologie). Künstlerische Prozesse zeigen sich dahingehend als „Risse im Sagbaren", als diese Lücken in die diskursive Sprache reißen und deren propositionales Vermögen durch das letzthin Undiskursivierbare prekarisiert. Die Aufführung als das dem Diskurs Andere, Differente erscheint als das Rätsel des Fremden, der eine eigene Sprache spricht, die sich jedoch nicht ohne Weiteres in das Eigene übersetzen lässt.

Kunst erscheint hier als fremde Kultur, für welche Sinngebungsverfahren gefunden werden müssen, im Wissen, dass jede Übersetzung immer mit Unterstellungen operieren kann, die an das Werk angelegt werden müssen, um zwei Sinnhorizonte zu synchronisieren, jener des Interpreten mit jenem des Interpretierten. In der Gleichsetzung von kultureller und ästhetischer Differenz angesichts eines Stückes, das nicht aus dem europäischen Kulturraum stammt, wird das Fremde des Ästhetischen schlichtweg für das Rätsel dieser Kultur selbst gesetzt. Das, was bei einer Aufführung nicht verstanden wird, wird entsprechend gesehen als das, was von einer fremden Kultur missverstanden wird. Nach dieser Logik wird das ästhetische Versehen zum kulturellen.

Aus dieser Gleichung ergibt sich eine Stellvertretungszuweisung, welche die Aufführung aus einer fremden Kultur als deren Repräsentantin auffasst. Da sich das Stück verrätselt, der Schleier des Unaussagbaren sich nicht lüften lässt, bleibt auch die ihm zugrunde liegende Kultur rätselhaft und gibt dem Lesenden nicht seinen Sinn, ergibt sich nicht, bleibt widerständig. Wenn die Aufführung damit für die Kultur selbst genommen wird, aus der sie stammt, schaltet eine totaler Mimesisbegriff jegliche Unterscheidung zwischen Sozialem und Ästhetischem aus, weil die Aufführung diese Kultur in allen Darstellungsstrategien vollkommen spiegelt und reflektiert. Dieses Istgleich-Zeichen kann dann mühelos die Seiten der Gleichung vertauschen. Die Aufführung = China: China ist die Aufführung ist China.

Diese endlose Vertauschungskette lässt entsprechend keinen Platz für eine differenzierte und vor allem kulturell abgelöste ästhetische Interpretation, weil diese dann nicht nur nicht möglich ist (das Stück kann nicht verstanden werden, da sich die Kultur durch die Aufführung unverständlich macht, was als Ursache gesetzt wird, die die Aufführung erst rätselhaft und undurchdringlich macht), nach dieser Vertauschungslogik trifft jede Interpretation der mit der Kultur gleichgesetzten Aufführung damit immer auch die Kultur selbst.

Der Interpret setzt sich mit einer Kritik dem Verdacht aus, das Fremde der anderen Kultur lediglich als Abweichung vom Eigenen zu markieren und mit seinem als hegemonial wahrgenommenen Blick das Fremde auszugrenzen und von sich zu weisen. Entsprechend weist er auf gar nichts hin, weil er fürchtet, dass sein hinweisender Index als abweisender Zeigefinger verstanden werden könnte. Diese Möglichkeit bringt ihn zum Verstummen, macht das Gespräch aus falsch verstandenem Respekt und ethischem Verantwortungsgefühl unmöglich. Die Frage an den chinesischen Autor des Künstlerkollektivs, wie er sich wünscht, dass diese Arbeit gelesen werden soll, kommt aus dieser Stummheit und resoniert in ihr. Sie will die eigene Stille mit fremdem Sinn gesprächig machen.

 

[23.7.2007]