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VICTORIA BRINGT IN "NIGHTSHADE" EROTIK,
SHOW UND KUNST IN WECHSELWIRKUNG
Von Judith Helmer
Ein Striptease sei risikolose, „pure Show",
keine Kunst: „Was Künstler offenbaren, verbergen wir" sagt (im „Falter") eine,
die es wissen muss: Barbara Rom. Sie ist eine der professionellen Stripperinnen
aus „Nightshade", dem Stück der belgischen Gruppe Victoria, das vom 2. bis 4.
November im Wiener Tanzquartier zu sehen war. Dirk Pauwels, Theaterleiter von
Victoria, hat Choreografen und bildende Künstler gebeten, mit professionellen
Stripperinnen und einem Stripper je eine Striptease-Nummer zu entwickeln.
Ziel des Konzepts: Die Show sollte mit der Kunst zusammengebracht werden, ohne
dass die Erotik dabei verloren ginge.
Der erste Kunstgriff der „Art"-Fraktion, um
die Show in ihren Griff zu bekommen: ein Rahmen musste her. Die Bühne eignet
sich in ihrer schlichten schwarzen Leere hervorragend, um jede plüschige
Nachtclub-Assoziation zurückzudrängen. Vor dem Vorhang nahm seitlich das Emanon
Ensemble eine weitere räumliche und außerdem musikalische Rahmung des
Geschehens vor. Das Publikum durfte sich in der althergebrachten Sicherheit des
Dunkels des Zuschauerraums wohlig zurücklehnen. Die Fronten waren also
abgesteckt - und blieben es bis auf eine ganz kleine Verunsicherung auch den
ganzen Abend.  Foto: Phile Deprez
Es ist dieses klare Ziehen von Grenzen, das
die Beteiligten am Business der sich entkleidenden Körper schützt. Nicht ihr
Körper ist ihre Handelsware, sondern der Akt des Ausziehens, ihre Show. Künstlerische
Freiheit ist dabei nicht gefragt: „Die Leute wollen einfach eine nackte Frau
sehen, das ist alles", so Frau Rom. Im Kunst-Kontext ist das so eine Sache. Da
sind in den letzten Jahren in den verschiedensten Diskurs-Zusammenhängen immer
wieder nackte Körper den Blicken der Zuschauer ausgesetzt worden, aber um eines
ging es dabei (fast) nie: um Erotik.
Ist das anders bei „Nightshade"? Die Revue
zeigt nicht nur sieben nackte Körper, sondern vor allem sieben verschiedene
Zugänge zu der von Pauwles erdachten Aufgabe. Die durch die Rahmung eingezogene
reflexive Ebene zeitigt durchgehend ihre starke Wirkung. Vielleicht erzeugt
auch deshalb der Einsatz eines weiteren, barock verschnörkelten Goldrahmens von
Claudia Triozzis Beitrag nur gähnende Langeweile. Einen weiteren Ausreißer des
ansonsten kurzweiligen Abends liefert gleich zu Beginn der bildende Künstler
Eric De Volder mit seiner kitschigen Körperselbstbeschau in reichlich
Bühnennebel und buntem Licht.
In den übrigen fünf Statements bekommt man dafür
wesentlich mehr zu sehen als nackte Körper.
Johanne Saunier zeigt mit ihrem
männlichen Stripper, dass ein ausgezogener Körper noch lange nicht nackt ist,
und bestätigt damit die Theorie von Barbara Rom. Auch wenn man vermeintlich
alles sieht, hat man doch nichts gesehen als eine schöne Fassade. Der Stripper
bleibt ein Klischee, bei dem statt eines Herzschlags ein durchtrainierter
Brustmuskel zuckt. Kraftvoll und technisch gewitzt setzt sich Wim Vandekeybus
in dem flotten Schlussstück mit der Dummheit vermeintlichen Mitleids mit den
Tänzerinnen auseinander.
Eine freche Stripperin wirft dabei ihre
Kleidungsstücke in ein projiziertes Video und stopft ihrem singenden Verehrer
(Jean-Benoit Ugeux) damit das Maul. Ironisch-didaktisch geht Vera Mantero ihre
Aufgabe an: ein „Striptease burlesque" verbindet Witz, historische Überlegungen
zum Umgang von Mann und Frau miteinander und - ja - Erotik auf gekonnte Art.
Einen gänzlich anderen Tonfall schlägt
Caterina Sagna an. Als einzige erzeugt sie mit einer verzweifelten
Schulmädchennummer beim Zuschauer den Anflug eines Unwohlseins ob seiner
voyeuristischen Situation.
Doch schnell siegt die Show über die Kunst, die
Hüllen fallen und zurück bleibt eine kopflose, hoch erotische Pose.
Der Höhepunkt des Abends ist zweifellos
Alain Platels gekonntes Spiel mit dem Reiz des Nicht-Sehens. Zur
Instrumentalversion von „Je t'aime" entwickelt sich ein hintergründiges Spiel der
Verführung des Blicks. Humorvoll und sinnlich, intelligent und erotisch - hier
halten sich Show und Kunst eindrucksvoll die Waage und können einander so
gegenseitig bereichern.
Das Konzept von Dirk Pauwels war so einfach
wie kompliziert. Er ließ zwei Welten aufeinanderprallen, die ganz oberflächlich
verwandt erscheinen mögen, sich in ihrem Kern aber konträr gegenüberstehen. Das
Neben- und bezeichnender Weise selten gelungene Miteinander entblößte beide. Spannend
zu sehen.
(4. 11. 2006)
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