Nieder die Erwartungen!

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DER NACHWUCHSABEND "TURBO" BEI IMAGETANZ 07 IN DIETHEATER KÜNSTLERHAUS

Von Elisabeth Hirner

Im Rahmen der Nachwuchsplattform „Turbo" von imagetanz 2007 in dietheater Künstlerhaus zeigten Valerie Oberleithner & Magdalena Chowaniec (aka „mariamagdalena“), Amanda Pina & Ewa Bankowska sowie Adriana Cubides & Raul Maia und das Internetradioprojekt „wolv-radio.net“ ihre „jungen" Positionen zur Gegenwartschoreografie.

Ein fahrbarer Aufbau steht in der Mitte der dunklen Bühne, Magdalena Chowaniec zählt mit quiekender Stimme auf, was sie alles nicht tun will, während Valerie Oberleithner nackt um eine Podeststufe des Aufbaus kriecht: „The Perfect State". Das Licht erlischt, und nacheinander richten sich zwei kleine grüne Scheinwerfer auf das Publikum.

In rasantem Tempo werden dem Zuschauer Ästhetikschnipsel aus Soap Operas und dem Mischmasch der aktuellen und klassischen Performancelandschaft offeriert. Zu Beginn des Stücks liegen beide Performerinnen unter einem riesigen grauen Leintuch. Eine Gebirgslandschaft, unter der sich langsam etwas zu regen beginnt, bis zwei blonde Mädchen in Turnschuhen und Trainingskleidung hervorkommen und einander betrachten.

Zwei grüne Augen 

Angenehm ist die absolute Inszeniertheit, das Bejahen der Bühnensituation. Die Frage nach der offenen Form stellt sich nicht. Alles befindet sich an seinem Platz, und es gibt keine Interaktion mit dem Publikum insofern als keiner der Zuschauer persönlich angesprochen wird. Nur über die Abstraktion der grünen Scheinwerfer, zwei Augen gleich, wird die Verortung des Publikums kurz befragt.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob es ausschließlich um jugendliche Befindlichkeiten ginge. „Actually, what I want to say, is that I sometimes get such a heavy heart. Do you also have a heavy heart sometimes?" fragen die beiden Figuren einander mit jener gespielten Tragik, die sie als Komödienspieler ausweist. Ob das nun relevant oder tiefsinnig sein könnte, darüber lässt sich tatsächlich streiten. Immerhin stellt sich diese Frage wenigstens, weil dieses bunte Sammelsurium des Darstellens so viele Ebenen einschließt, dass es eine Freude ist.

Im zweiten Teil des Abends lassen Amanda Pina und Ewa Bankowska eine gänzlich andere Richtung aufblitzen, die des an der Oberfläche schön geordneten Ungeordneten, wenn sie sich mit der Frage des Selbst, im Stück „Self" auseinandersetzen. Bereits zu Beginn wenden sich die beiden Tänzerinnen an die Zuschauer und erklären, welche Fragen sie sich zum Thema gestellt haben. Sie tun dies in einer Weise, die vermuten lässt, das dieses Erklären nicht als Prolog zu verstehen ist.

Ein weiser Meister 

Im zu Beginn gezeigten Video wird ein buddistischer Lehrmeister vorgeführt und zum Selbst befragt, ebenso Passantenmeinungen eingeholt. Nur durch die Übersetzung in ein anderes Medium gelingt es, aus der grauen Masse der Alltagsweisheiten ein mehrschichtiges Erlebnis zu generieren. Die Wirkung wird in diesem Fall über das Medium transportiert.

Sinngebung über das Hilfsmittel der Symbolik muss meist mehreres einschließen, um avanciert zu wirken: Platten mit den lebensgroßen Körperbildern der beiden werden von ihnen selbst (von ihrem Selbst?) geschüttelt. Achtung, aufgepasst: das Selbstbild beginnt zu wackeln und unscharf zu werden! Interessant, dass bei all diesen Spielen, im gedanklichen und im gegenständlich-dramatischen Umgang, den Ausgestellten keine neuen Bedeutungsebenen hinzugefügt werden. Ob eben darin die Genialität dieser Auseinandersetzung zu finden ist? Im tatsächlichen Ausstellen eines in bestimmten Diskursen, wie so schön gesagt wird, zum Konsens gewordenen Denkens über das „Selbst".

Radio Zott & Tomate 

In den Pausen haben die Zuschauer Gelegenheit, die ambitionierte Umsetzung der Idee des Internetradios „wolv-radio.net" über Kopfhörer zu belauschen. In Interviews lässt das Kollektiv mit seinen lustigen Eigennamen (Zott, Tomate und Ugarith Bergoderi) die Choreografen des Abends zu ihren Arbeiten Stellung beziehen. Das ist auch als Material von einigem Wert, findet hier doch eine Bestandsaufnahme des Arbeitsprozesses der jungen Künstler statt. Eine konsequente Weiterführung des Gedankens der Nachwuchsförderung in zweierlei Hinsicht: Das Fördern kunstreflektierender Chronisten geht Hand in Hand mit der Möglichkeit zur öffentlichen Reflexion seitens der Performanceschaffenden.

Das Scheitern als Thema einer weiteren Arbeit im Rahmen dieses Abends, der ja der jungen Choreografie gewidmet ist, eröffnet einen ironischen Blick auf die Produktionsbedingungen im Kontext der Nachwuchsförderung. In ihrem Improvisationswerk „Hit Lost And Found" geben Adriana Cubides und Raul Maia, letzterer nicht mehr ganz so jung wie seine Partnerin, immer wieder Auskunft über die Erwartungen ihrer Umwelt und ihren eigenen Blick auf sich selbst - oder auf ihre Körper. Wenn es da etwa heißt: „I am a good dancer!" oder „It is still not real!" schaffen sie es immer wieder, im Publikum eine Erwartungshaltung zu schaffen, die konsequent wieder enttäuscht wird. Eine gewisse Zeitspanne hindurch gelingt dieses Spiel auch wirklich. Im Kontext des gesamten Abends vielleicht auch eine mutige Position: die Frage zu stellen, was man mit der Zeit, die einem das Publikum schenkt, anzufangen weiß.

Die Größe der Hoffnung 

Die Fragen, die die jungen Choreografen stellen, sind solche nach der Verortung des Ichs in seiner Umgebung, und in weiterer Folge die nach der Bestimmung des eigenen Standortes innerhalb der zeitgenössischen Produktionskultur. Auf unterschiedliche Weise gehen sie mit Erwartungsdruck und Repräsentationsmustern um, einige verneinen die Bühnensituation oder entziehen sich dieser. Ein Aufbegehren gegen die vermeintlich wohlmeinenden Zuschauer: Nachdem die (Nachwuchs-)Hoffnung fruchtbar enttäuscht, der Boden geebnet ist, lässt sich nun aus den Trümmern befreiter aufbauen und zeigen, was die Jungen können und wollen.

 

(23.4.2007)