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BENJAMIN VERDONCK MIT "WEWILLLIVESTORM" IM WIENER BRUT
Von Helmut Ploebst
Benjamin Verdonck hat sich einmal unter dem Motto „I like America and America likes me“ fünf Tage lang mit einem Schwein eingeschlossen, um mit ihm über Politik zu diskutieren. Der Belgier hat also einen guten Ruf. Kein Wunder, daß er vom neuen Wiener brut zu einem Gastspiel eingeladen wurde - mit „Wewilllivestorm“. Dieses Stück ist Teil des ersten brut-Themenschwerpunkts „Jung bleibt Alt“. Die Umkehrung der idiotischen Ansage Für immer juuung, mit der Austropopper Wolfgang Ambros seinerzeit einen Bob Dylan-Song gekillt hat. Eine provokante Behauptung gegen den Jugendwahn steht also am Beginn eines sehr jungen kuratorischen Konzepts, und viele Sätze könnten sich in der diskursiven Reuse dieses „bleibt“ verfangen. Über die jungbrünnelnde Sentimentalität sich anjahrender Sterbensfürchtiger diskutiert man heute am besten mit einem Schwein, mit einem Wesen also, dessen Schulterscherzerl ihm Lebenszweck und Todeszeitpunkt bestimmt.
In „Wewilllivestorm“ gibt es Verdonck Vater (als schweigende Randfigur) und Sohn (als gestenreichen Protagonisten) sowie einen Musiker, der nicht viel zu tun hat und eine ganze Anzahl von Objekten, von denen die meisten an den zahlreichen Schnüren befestigt sind, die die Bühne strukturieren. Da steckt viel Bastelarbeit drin, die sich in der Performance öffnet wie ein Buch. In diesem virtuellen Band blättert der 35-jährige, als ob er eine Geschichte erzählen wolle. Doch im Programm steht’s: „There's no speech. / There's no story, either.“ Was aber, wenn all die Objekte, die Schachteln, Häuschen, Schiffchen, das Spielzeugpferd, die Orangen, die Messer, die Brote und so weiter, einfach Metaphern sind?
Tatort Bühne
Von Beginn an ist die Bühne ein Tatort, und das Publikum schaut zu, wie dieser Ort sich einlöst, wie er von einer Anlage zu etwas wird, das von einem Ereignis erzählt, von einem Ablauf von Handlungen, die darüber verhandeln, daß ein Tun immer etwas ist, das man „anstellt“. Etwas anstellen bedeutet im Österreichischen, eine Dummheit oder Schlimmeres zu begehen, und zwar vor allem als Kind. Verdonck hat gleich seinen Vater mitgebracht, der sich das alles ansehen muß, ohne die Miene zu verziehen. Glücklich sieht der alte Mann nicht aus. Der Bub hingegen spielt vergnügt in seiner Installation, spielt dem Papa etwas vor, spielt sich auf und verfährt mit dem Erzeuger, als wäre er nicht mehr als eines der Objekte im Raum.
Das alles ist sehr organisiert, mit Sorgfalt und Raffinesse vorbereitet, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Könnte ein Psychoanalytiker hier einen rituellen Vatermord diagnostizieren? Das ist eine sehr uninteressante Frage, aber im Augenblick des Gestelltwerdens bereitet sie diebische Freude. Der Vater ist ja auch Komplize. Er macht mit, obwohl er Distanz hält. Dulden ist Mitmachen, so steht es im Gesetz. Im Stück macht der Sohn nach Gesetz, eine „Setzung“ nach der anderen, er ist es, der alles in Bewegung setzt, der an den Strippen zieht, der das Marionettentheater der Metaphern choreografiert.
Ausgespielte Zeichen
Er hat alles im Griff, auch das Messer und die Schlingen der Ungeschichte, die mit der Schwermut eines Aufarbeitens und dem Mißmut der Bewältigung aufräumt. Verdonck zielt gegen die Deutung. Alles könnte einen konkreten Sinn haben, aber wo materialisiert sich dieser Sinn? In der Ent-Setzung des Einsatzes von Mitteln, die Setzungen vorspielen, im sinnlichen Sichaussetzen des Futurum, „Wewill..."? Nur keine Antworten. Das „livestorm" bläst ihn fort den Psychowahn, das ganze ichhabenichtwirklichgelebt in all den vielen Biografien derer, die sich selbst zu oft in den Arsch gekrochen sein mögen. Und schon ist der Zuschauer in seinen eigenen Ungeschichten, in den Anekdoten, die Verdonck wie Schatten andeutet. In Geschichten, die sich nicht ausschütten wie die Vergangenheit. „Jung bleibt Alt“. Es wird schon so gewesen sein. Zu Sartre hatte die Jugend noch den Senf der Geworfenheit. Jetzt ist alles Performance, ein Spiel mit Zeichen, wobei es gegenwärtig schon wieder weniger um die Zeichen geht, sondern darum, wie sie ausgespielt werden und haben.
Das etwa unterscheidet „Wewilllivestorm“ von „Nom donné par l'auteur“ (Jérôme Bel, 1993). Dort gab es auch Objekte und keine Geschichte. Der Diskurs lag an der Oberfläche, aber kaum einer konnte ihn lesen. Verdoncks Stück ist eine Oberfläche, und der Diskurs liegt darunter. Auf der Bühne kann aus einem Spiel nie ernst werden, außer das Spiel selbst steht auf dem Spiel. Und genau damit spielt dieser Mann: das Spiel steht auf der Kippe. Der Sinn, das Darunter, nagt wie ein Parasit an der Oberfläche, bis sie einbricht. Der Vater wird gut in Decken gehüllt. Als Haufen kippt er nach vorn und wird wieder ent-deckt. Entdeckt wird gegen Ende auch eine verhüllt gewesene Skulptur, ein Gaul, der einem anderen bis zur Körpermitte in den Hintern gekrochen ist. Letztes Spiel: Der Sohn streckt dem Vater ruckartig eine orange Kugel hin. Blackout. Es gibt nichts aufzuarbeiten.
(13.11.2007)
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