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THEMENTAG RELIGION UND REVOLUTION IM WIENER BRUT
Von Andreas Fleck und Hanna Palme
Die dritte Saison in brut Wien brachte gleich nach ihrer Eröffnung einen Themenschwerpunkt, der die Frage nach der Wertigkeit von Religion und Revolution in der heutigen Gesellschaft aufwarf. Wie viel revolutionäres Potential besitzt Religion, wie viele religiöse Impulse vertragen oder brauchen revolutionäre Gedanken am Beginn des 21. Jahrhunderts? Kann man die Gesellschaft mit diesen Themen noch mobilisieren, gemeinschaftsbildende Anstöße liefern und sind sowohl Religion als auch Revolution in ihren bisherigen Formen überhaupt noch zu denken?
War für die Performance „Transkatholische Vögel“ von Gini Müller, Sabine Marte, Peter Kozek u.a. Pier Paolo Pasolinis filmische Parabel über Religion und Kommunismus „Große Vögel, kleine Vögel“ noch künstlerischer Ausgangspunkt, greift auch der vertiefende Thementag Religion und Revolution sehr ähnliche Gedanken auf, um sich auf einer vorwiegend theoretischen Ebene diesem Themenkosmos zu nähern. Beiträge von PhilosophInnen, KünstlerInnen, TheologInnen und Musikern schafften ein Gedankenkonglomerat aus oft nur lose zusammenhängenden Ansätzen, Überlegungen und Theorien. Schwerstarbeit für das Denkzentrum - leider oft ohne den Kern der Sache bedeutend näher zu bringen.
Vor allem wenn man beide der von Klaus Neundlinger zu Beginn seiner Podiumsdiskussion gestellten Fragen, ob man a) religiös und/oder b) politisch aktiv sei, mit „nein“ beantworten musste, stellten sich an diesem Thementag rund um Religion und Revolution immer wieder Situationen von schleierhafter Undurchschaubarkeit ein.
Mindzapping im Jenseits
Schon der erste Vortrag dieses Nachmittags in brut im Konzerthaus, den die Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow unter dem Titel „Den Hebel im Jenseits ansetzen“ hielt, entpuppte sich als ein sprunghafter Ausflug auf eine Metaebene, die hastend über den Themen (be-)lohnendes Jenseits, ideologische Gruppenbildung als Notwendigkeit für Veränderung und Unmöglichkeit von Revolution in der Gegenwart kreist. Nach einem kurzen einleitenden Video zu einer künstlerischen Prozession durch Jerusalem zu Ehren Maria Magdalenas, das im Übrigen wenig in Zusammenhang mit den restlichen Themen des darauf folgenden Vortrags stand, wurde umgehend das Hauptproblem dieses Abends sichtbar: Zu viele Ideen und Ansatzpunkte für zu wenig Zeit. Die Folge war ein mehr oder weniger konfuses Mind-zapping, das in weiterer Folge zum roten Faden dieses Abends avancierte.
Eben dieses zeitliche Problem begleitete auch Dana Yahalomi, Mitbegründerin der israelischen Formation Public Movement, die in ihrer Lecture „Staging the Political“ die beiden Arbeiten „Spring in Warsaw“ und „Performing Politics for Germany“ beleuchtete. Diese versuchen vor allem das politische Potenzial in der Kunst zu orten und mit ihren „public choreographies“ den öffentlichen Raum zu intervenieren. Religiöse sowie politische Rituale werden in neue Kontexte gebracht, Geschichte durch gegenwärtige Impulse angereichert und dadurch neu befragt. Besonders gelungen scheint diese Kombination in „Spring in Warsaw“ verwirklicht, wo, basierend auf dem alljährlichen „March of the Living“, 1300 Polen und Juden eine gemeinsame Massen-Pilgerreise zu den Gedenkstätten des Holocaust antraten, geleitet und inszeniert von Public Movement. So interessant die Hintergründe zu dieser Arbeit auch waren, das etwas verworrene Konzept der Lecture ließ doch einen klaren Verweis auf und eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem thematischen Schwerpunkt des Abends vermissen.
Politik als Religion
Nach dieser kurzen Auflockerungsphase wurde in das Podiumsgespräch „Be-Kehren und Er-Schöpfen. Von der Religion als Ressource für Kommunismus und Kapitalismus“ eingeleitet. Es diskutierten die ExpertInnen Sandra Lehmann (Philosophie, Theologie, Judaistik), Klaus Neundlinger (Philosophie) und Viola Raheb (Pädagogik, Theologie). Den Ausgangspunkt bildeten Fragen nach dem Verhältnis von Religion und Politik. Die im Titel vorkommenden Begriffe „Be-Kehren“ und „Er-Schöpfen“ beschreiben Phänomene, die konstitutive Bestandteile sowohl der Religion, als auch der Politik sind. Be-Kehren bezieht sich dabei auf die Eigenschaften der beiden, einerseits Struktur und Ordnung ins Chaos zu bringen und andererseits (Kehrt-)Wendungen zu vollziehen, Das Er-Schöpfen bezeichnet den Willen zum vollständigen Ausgestalten, das Ziel, das Erlebnis der Umkehr (durch Rituale) wiederholbar zu machen.
Weitere Fragen bezüglich des Verhältnisses wurden durch das Einbringen von Walter Benjamins Text „Kapitalismus als Religion“ aufgeworfen. Der Kapitalismus wird in diesem als essentiell religiöse Erscheinung beschrieben, als Kultreligion, der keine heiligen Zeichen mehr eigen sind und die nur noch Verschuldung ohne Möglichkeit zur Versöhnung bringt. Hat der Kapitalismus weitgehend die Funktionen der Religion übernommen? Ist ein christliches Wertesystem für die Gesellschaft heute überhaupt noch sinnvoll? Kann sie etwas lernen von den religiösen Formen der Spiritualität und Solidarität? Tatsächliche Antworten auf diese Fragen konnten nicht gegeben werden; jeder Versuch war doch zu ausweichend, wurde unterbrochen, schoss weit über das Ziel hinaus, oder verlor sich in ausufernden, bald von den Fragen unabhängig werdenden Erklärungen.
Es ging weiter mit einem sehr konkreten Vortrag zu Religion und Revolution: Stephan Grigat (Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien) referierte zum Thema „Revolte im Gottesstaat. Revolution und Islam im Iran“. Wenn davor gefragt worden war, wo sich Religion und Revolution theoretisch überschneiden, so wurde die Verbindung in diesem Vortrag wortwörtlich: die hier miteinander verschlungenen Elemente ziehen sich von der Islamischen Revolution im Jahre 1979 bis zu den Revolten und Aufständen der letzten Zeit, auf welche die westlichen Medien besonders nach der umstrittenen Wahl von 2009 aufmerksam gemacht haben. Den Inhalt des Vortrags bildeten, zusammengefasst, eine sehr interessante Schilderung zu den geschichtlichen Entwicklungen im Iran seit 1979 und das Infragestellen der westlichen Politik gegenüber dem Regime. Viel tiefer konnte dieser Beitrag jedoch nicht in das Thema „Religion und Revolution“ eindringen.
Private Himmelfahrt, Seligsprechung inklusive
Um das Publikum mit dieser geballten Ladung Theorie nicht vollends zu erschlagen, sorgten die Veranstalter mit diversen Installationen, Performances und Konzerten für Auflockerung und weitere Gedankenanstöße während der kurzen umbaubedingten Pausen. Louis Theroux' Dokumentarfilm „The Jerusalem Syndrome“ zeigte verwirrte Pilger, die auf ihrem religiösen Trip und in Jerusalem hängen geblieben sind. Viktor Kröll & Theater im Bahnhof wiederum luden in ihrer Performance Selfmade Saints“ zur privaten Himmelfahrt samt Seligsprechung: Dabei wurden Schutzpatrone im Viertelstundentakt produziert, einsetzbar für alle Nichtigkeiten dieses Lebens. Eine heitere und wohlverdiente Abwechslung im Chaos der Gedanken. ARBEIT, ein Trio, das sich in ihrem Konzert „Lieder um Revolution und Religion oder...“ dem Volks- und Arbeitslied, dem Experiment mit dem Text, Brecht, vor allem aber dem oder... widmete, wurde nach nur wenigen Einsätzen, um dem zeitlichen Verzug vorauszueilen, wieder von der Bühne gebeten - zum Missmut vieler der Anwesenden. Nach dem Theorieteil, so wurde versprochen, wäre noch mehr Zeit, aber es wartete auch schon der themengebende Film „Große Vögel, kleine Vögel“ im Künstlerhaus.
Dort angekommen, wurden die BesucherInnen, nach dem sehr straffen Ablauf im brut Konzerthaus, mit einem eher frei gestaltbaren Programm versorgt. Auf dem Weg zur Filmvorschau begrüßte im Foyer freundlich die Künstlergruppe amie - Freundin der Kunst mit der Installation/Performance „Fressen und gefressen werden“, in der die Thematik des aus der (Hungers-)Not entstehenden Kannibalismus behandelt wird, und damit verbundenem Reisfleischessen. Der Zusammenhang zum Themenabend war eher lose; dieser konnte vielleicht in der Frage gefunden werden, die hier gestellt wurde: Wann ist der Überlebenstrieb stärker als jede Moral, wann wird der zivilisierte Mensch zum Tier bar jeder Religion.
„Große Vögel, kleine Vögel“ („Uccellaci e uccellini“, 1966), Pier Paolo Pasolinis Reflexion über christliche und marxistische Werte, nahm noch einmal einige Themen des Theorieteils auf poetisch paraphrasierende Weise, mal mit ernstem, mal mit heiterem Ton, auf.
Die szenische Installation „Die Eiserne Kirche“ von Club Real schloss an die Frage nach dem Animalischen und dem Zivilisierten im Menschen an. In dem kleinen, einer Kirche nachempfundenen, Häuschen vor brut im Künstlerhaus wurde zum intimen Gespräch über Gewalt und Religion mit dem Nietzscheschen „Affen Gottes“ und freiwilligen Empfang des „Sakraments der Gewalt“ eingeladen. Wollte man das „Sakrament der Gewalt“ empfangen, so bestand die Möglichkeit einen Vertrag zu unterschreiben, der explizit ausdrückte, dass Gewalt am Unterschreibenden (der sich nicht wehren dürfe) ausgeübt werden würde. Was bewegte zum Mitmachen? Am ehesten wahrscheinlich die Neugierde, begleitet von der (zivilisierten) Sicherheit, dass ein zivilisierter Mensch (auch wenn im Affenkostüm) keinen wehrlosen, ihm sozusagen ausgelieferten Menschen physisch attackieren würde. Die Neugierigen erwartete eine schmerzhafte Überraschung: Trotz des Vertrags kommt der Gewaltakt gleichsam ohne Vorwarnung, und die positive Seite der Gewalt, die durch die Zähmung in Form des Vertrags gesucht wird, ist den Attackierten unauffindbar.
(Un-)sanfte Abbrüche
Den Abschluss des Abends bildete das Konzert der Gruppe Mariahilff, wo bei rauchiger Stimme, Mandolinenmusik und Wodka die Themen des Abends einen Ausklang fanden. Vieles wurde aufgeworfen, weniges geklärt. Keinem der Motive, so spannend deren Ansätze auch waren, konnte genügend Raum geboten werden. Zeit und straffer Zeitplan drängten zu Eile und des Öfteren zu (un-)sanften Abbrüchen durchaus fruchtbarer Publikumsdiskussionen.
(27.10.2009)
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