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EIN NACHTRAG ZU PADMINI CHETTURS STÜCK „PAPER DOLL", AUS DEN NOTIZEN
von Daniel Aschwanden
Das Stück hat bereits begonnen beim Eintreten, ein Rhythmus, ein Takt, elektronischer Sound (von Maarten Visser) der von den fünf Tänzerinnen exakt gehalten wird. Mit jedem Takt erscheint eine neue Pose, oder eine Variation der alten, simultan ausgeführt von den Körpern, die solcherart wie ein kollektiver Körper erscheinen. Im Beginn artikuliert sich bereits diese Spielform mit Bewegungspatterns, die sich in der Folge durch das gesamte Stück „Paper Doll“ der indischen Choreografin Padmini Chettur zieht. Suggeriert beinahe eine Art von Trance (als Lesart), hat aber auch einen objektiven Impuls, kontinuierlich und unaufhaltsam.
Klar weiblich die Körper, aber trotzdem sachlich.
Ein riesiger Backdrop, schimmernd in Gold, andeutungsweise ornamentiert, aber eher eine unbekannte Summe von Ornamenten enthaltend, sich gegenseitig überlagernd und auflösend - ein abstrakter Ausdruck von Ornamentalität an sich.
Diese Ornamentalität, oder beinahe noch eher dieses Zieren derselben, zieht sich in der Folge als Grundthema durch, wird durch die Tänzerinnen in den Raum gezeichnet - stetig in Kontrast zum Backdrop, der manchmal düster, manchmal leuchtend strahlt. Vielleicht ist das aber bereits eine Lesart, die mein Wissen um den Kontext - Indien - hervorbringen möchte. Glücklicherweise erlaubt mir das Stück, ihn sogleich zu vergessen. „Indien" verschwindet hinter den Ornamenten der sich überlagernden Bilder, die ich mir davon mache und machen möchte: im Prozess auf der Bühne - ein Hauch von Tradition, die sublim anwesend ist, aber Raum gegeben hat für etwas anderes. Die Formen selbst lassen den Kampf höchstens erahnen, der diesen Raum und diese Bewegungsqualitäten hervorgebracht hat, sie referieren nicht darauf.
„Ornament ist Verbrechen" schrieben die modernen Architekten nach der Jahrhundertwende in Wien und nahmen den Hammer zur Hand. Sie stellten sich mit ihrer Haltung gegen die Herrschaftsstrukturen, welche die dekorativen Formen hervorgebracht hatten - sich von den Ornamenten zu befreien galt als Akt der Selbstbefreiung - ästhetisch und sozial.
„Ornamental ist nicht genug", reagiert die Choreografin Padmini Chettur im Gespräch auf den Begriff. „Es geht viel weiter als das, ist jenseits davon, eine extreme Art der Ornamentierung nicht nur des Tänzers selbst, sondern auch der Art und Weise, wie die Körper verwendet werden." Sie bezieht sich auf den Bharatanatyam, den klassischen indischen Tanz, den sie bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert, um in ihrer Arbeit zu einer Essenz zu gelangen, auf einer vergleichsweise molekularen Ebene; eine homöopathische Dosis, die zwar wirkt, deren Herkunft aber nicht erkennbar ist.
Die Tänzerinnen halten einander nun an den Händen. Formen Linien, ihrerseits entfernt ornamenthaft, körperliche Graphen eines seltsamen Koordinatensystems, menschliche Vergegenwärtigungen, als ob sie Tageskurven von Börsenkursen darstellen. Manifestationen imaginärer Datenströme, die im Puls des unterliegenden Rhythmus wechseln und jedesmal den Impakt eines imaginären Zustandes aufleuchten lassen.
Ein Bewegungs-Minimalismus, der in seiner Abstraktion zeitlos wirkt und ortlos und vielleicht entfernt den schweren Duft des Fremden, eine unbenannte Exotik atmet. Ich sitze in der 14. Reihe, zu weit entfernt, um Details der Gesichter zu sehen, selbst die Darstellerinnen werden in der Distanz zu Frauen, die keine exakte Ethnie mehr zeigen, keine Zeichen einer spezifischen Identität tragen. Wie weit prägt das Wissen um den Kontext Indien meine Wahrnehmung?
Im Verlauf der Performance erhöht sich die Frequenz des Rhythmus, die Körper folgen, aber nur andeutungsweise - nicht wie in der klassischen Umsetzung, wie sie in den verschiedenen Geschwindigkeitsebenen des Bharatanathyam erfolgt wo der Körper der Tänzerinnen die Geschwindigkeit des Rhythmus übernimmt, die von Plateau zu Plateau schneller wird, das unterbleibt hier, taucht nur als die Möglichkeit einer Referenz auf , als eine nie genutzte Potentialität.
Geschwindigkeit wird nur angedeutet, selbst im Moment der grössten Schnelligkeit zeigt sie sich bloß als Trippeln.
Raumzeit: die Herausforderung, sich darauf einzulassen, im Kontrast zu den schnellen Raumzeiten unseres Alltags, eine Herausforderung an die Präsenz der Tänzerinnen, welche jene mit Bravour meistern, aber auch eine Herausforderung an die eigene Konzentrations- und Aufmerksamkeitsspanne, und eine Offenbarung, für diejenigen, denen es gelingt, sich darauf einzulassen.
Das Ende des Stücks wird durch einen Lichtwechsel induziert, jetzt strahlt der Backdrop hell auf, eine Stimmung, die wiederum ambivalent sowohl auf Ende wie Neubeginn verweist, entfernt die Vorstellung eines Sonnenauf-oder Unterganges bei mir hervorruft, nun stehen die Darstellerinnen schwarz als Kontrast vor der hellen Fläche, obgleich sie weisse Kleider tragen. Das macht sie endgültig zum Scherenschnitt, löst die Dreidimensionalität auf. Eine Umkehrung des Raumes, von Positiv- und Negativraum.
(13.7.2007)
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