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THOMAS DESI BRINGT MORTON FELDMANS OPER "NEITHER" IM KLEINFORMAT INS BRUT KONZERTHAUS
Von Judith Staudinger
„Neither“ ist die einzige Oper von einem, der die Oper als Kunstform eigentlich ablehnte, mit einem Libretto, das den Komponisten als Postkarte über den Atlantik kommend erreichte und nicht mehr als 87 rätselhafte Wörter umfasst. Der amerikanische Komponist und Cage-Zeitgenosse Morton Feldman, der große Installateur der Stille und der Meister der Instrumentation von individuellen Partien gegenüber einem schillernden Ensembleklang, traf auf den irischen Schriftsteller Beckett mit seiner scharfsichtigen Sinnentleerung, seinem Überdruss und seiner Aussichtslosigkeit. Auch Beckett lehnte die Oper ab und sah es nicht gern, wenn seine Texte vertont wurden, wie er dem Komponisten mitteilte. Von Anfang an ein „Weder noch“ also, das mit Feldmans einstündiger Oper für großes Orchester und eine Singstimme paradoxerweise als ein kraftvolles, tragendes und berührendes „Und dennoch“ Form geworden ist.
Claus Spahn fragte in seiner Kritik zur Stuttgarter „Neither“-Aufführung von 2004 in der Zeit: „Kann man ein solch hermetisch abgedichtetes Kunstwerk der radikalen Verneinung mit seinem Nichtpersonal, seinen blinden Textschächten und hohl drehenden Klanggesten überhaupt auf die Bühne bringen und inszenieren? Wird man dem Regisseur nicht zwangsweise, wenn nur der Vorhang hochgeht, zurufen müssen: Schon falsch!?“
Glänzende Stimme der jungen Sopranistin
Der Wiener Komponist und Regisseur Thomas Desi, der vom New Yorker Center for Contemporary Opera eingeladen wurde, dort einen Workshop zu „Neither“ zu machen, hat das Risiko der Widersinnigkeit in Kauf genommen und zusätzlich zu den werkimmanenten Herausforderungen noch einige neue geschaffen, um sich an ihnen abzuarbeiten. Das fängt auf der musikalischen Ebene an und setzt sich in der szenischen Umsetzung fort. Feldmans „Neither“ ist keinesfalls ein Kammerspiel. Das Orchester schafft einen musikalischen Raumklang, einen kompliziert gewobenen Teppich der Klangfarben und -intensitäten, der einer isolierten Sopranistin gegenübersteht. Um ihre Verlassenheit strickt Feldman das große Orchester - und um diese Wirkung zu entfalten, braucht die Oper Raum, der im kleinen Keller im brut Konzerthaus einfach fehlt.
Die große, glänzende Stimme der jungen Sopranistin Kiera Duffy, die diese herausfordernde Partie mit enormer Kraft trägt, stößt an allen Ecken und Enden auf die Grenzen des Raumes und kippt, wo sie in die Weite führen sollte. Duffy singt außerdem zu einem Playback-Orchesterklang. Lediglich das Klavier wird live von Michael Pilafian hineingespielt. Der Pianist bewältigt diese Aufgabe mit hoher Konzentration fast synchron, und kann doch die wünschenswerte Präzision eines vom Dirigenten geleiteten Zusammenspiels kaum erreichen. Patrick Grant hat die Partitur mit elektronischen Mitteln umgesetzt, anscheinend jedoch ohne das Ideal des geforderten großen Orchesterklangs aufzugeben. So bleibt die Not der Orchesterlosigkeit eine Not, statt zur Tugend einer Neuinterpretation des Materials zu werden - was angesichts der dichten, einnehmenden Partitur auch, das sei zugegeben, nur sehr schwer gut zu lösen wäre. So allerdings bleibt dem konservativen Zuhörer beständig der Wunsch nach echten Instrumenten anstelle des synthetischen Klangs.
Als Mittel der Darstellung in diesem so hermetischen Kunstwerks wählt Desi eine Videoprojektion - wie etwa auch bei der Aufführung an der Stuttgarter Oper im Jahr 2004, wo man das Videokunstkollektiv Studio Azurro engagierte. Für Desis „Neither“ schuf David Haneke ein im Stil der 70-er Jahre gepixeltes Video, das den Zuschauer auf eine zeitlupenlangsame Reise auf einem rätselhaften amerikanischen Highway mitnimmt. Die Straße ist in all dem blendend weißen Nebel kaum wahrnehmbar, nur große Verkehrsschilder tauchen aus dem dichten Dunst auf und schicken die Zuschauer kreuz und quer im Universum des kurzen Beckett-Textes umher.
„Hin und her im Schatten vom inneren zum äußeren Schatten / vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Unselbst / durch weder noch.“ So hebt die abstrakte, stark verknappte Gedankenkonstruktion Becketts an, so steht es (im englischen Original) auf den Autobahnwegweisern. Vergeblichkeit ist der Tenor, auch Ausweglosigkeit. Ohne Ausweg ist auch das Video: denn im Verlauf der einstündigen Oper zweigt es nicht ab von der Autobahndarstellung. Als Höhepunkt wird dem Zuschauer lediglich ein grob gepixeltes Stop-Schild im Close-Up vorgehalten. Die Leinwand füllt fast die gesamte Fläche der Bühne und lässt die knapp vor ihr sitzenden Zuschauer mit einer Nähe in den Sog des Filmes eintauchen, die schon in den Augen schmerzt.
Der Pantomime als Taxi Driver
Als Feldman 1976 in New York an dieser 1977 uraufgeführten Oper arbeitete, drehte Martin Scorsese seinen legendären Großstadtalptraum „Taxi Driver“. Diese Koinzidenz nimmt Thomas Desi zum Anlass, die beiden Werke szenisch miteinander in Bezug zu setzen. Da Feldmans Oper ohne Handlung, ohne eine Ich-sagende Person rein aus Klanggesten besteht, bleibt sie für eine Überlagerung mit zusätzlichem Material grundsätzlich offen, allerdings ist es schwer, das Gleichgewicht des bedächtigen, intentionslosen Vorantastens nicht zu stören. Desi wünschte sich von „Taxi Driver“ den Einbruch der Realität in die Metaphysik von Becketts Text und Feldmans Musik. Beide verbindet der Grundton der Aussichtslosigkeit, doch die Mittel der Darstellung sind gänzlich verschieden.
Mit Gefühl für das fragile Werk fügt Desi also vorsichtig die Figur des Taxi Drivers ein.
Der Pantomime Roman Maria Müller schlüpft in das Kostüm und die Körpersprache Travis Bickles, wie er auf dem Filmplakat abgebildet ist: Hände in den Jackentaschen vergraben, bedächtig einen Schritt setzend. Nur ist Müllers Blick nicht wie der De Niros auf den Boden gerichtet, sondern in die Weite (der Autobahn, des imaginierten Raumes, der Musik). Desi inszeniert nicht die markanten Pistolenposen, sondern lässt Müller nur auf der Stelle treten. Ähnlich wie auf der Video-Ebene also eine klare Entscheidung für eine Reduktion. Dort der gleich bleibende Bilderfluss, hier die auf der Stelle tretende Referenz. Der Filmbezug bleibt so ein leise ausgesprochenes Angebot zum Weiterdenken, das zwar szenisch schnell verbraucht ist, aber - und das ist bei einer „Neither“-Inszenierung keineswegs gering zu schätzen - den Eindruck der Oper auch nicht stört.
Desis Inszenierung von „Neither“ bringt den Charakter des Werks gerade durch die offensichtlichen Schwierigkeiten der Umsetzung besonders gut zur Geltung. Dieses Paradox ist die größte Widersinnigkeit und Qualität der Oper von Feldman und Beckett.
(20.12.09)
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