Parkour: Wenn das Haus brennt

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EIN INTERVIEW MIT DEN TRACEURS MOSES UND BLAKE

Von Irmela Kästner


Parkour ist ein Extremsport, bei dem man sich auf gradliniger Strecke  durch den öffentlichen Raum bewegt und im freien Lauf möglichst viele Hindernisse virtuos überwindet. Wie eine Katze. Der heute 22jährige Moses war 15 Jahre alt, als er mit seinem Freund Blake im Londoner Vorort Edgware mit dem Free Running, wie es auf Englisch auch heißt, begann. Damit gehörten sie in London zu den ersten der Bewegung, die vor etwa zehn Jahren in Frankreich ihren Anfang nahm. Heute lebt Moses, ein gebürtiger Deutscher, in Salzburg und erklimmt die beschaulichen Fassaden der Stadt. Auf Einladung der sommerszene08 holte er seine Freunde zusammen. Zu viert entwickelten sie eine schwungvolle Kletterpartie am Mönchsberg Museum.


corpus: Es sind so viele Kinder als Zuschauer hier.

Moses: Ich finde das toll, dass schon die ganz Kleinen kommen und sehen, was man alles machen kann. So wachen sie nicht mit 50 auf und merken, dass sie ihr Leben nur auf dem Sofa verbracht haben.

corpus: Was ist Parkour? Eine Show? Eine Bewegung?

Blake: (auf meine Aufzeichnungen deutend) Das Wort Parkour schreibt man übrigens mit k und nicht mit c, nur als Hinweis für die Zukunft, um eben einen Begriff mit ganz eigener Bedeutung zu schaffen. Nun, es ist mit Sicherheit keine Show, auch wenn wir hier eine Show mit Parkour-Elementen kreieren. Parkour ist für mich eine Disziplin ähnlich der Kampfkunst, allerdings ohne Kampf. Es geht darum, sich ständig zu verbessern bezüglich Kraft und Koordination. Und es geht um Kameradschaft, nicht um Konkurrenz.

corpus: In „freier Wildbahn“ müsst ihr euch dem stellen, was kommt. Hier auf dem Mönchsberg hattet ihr Zeit, eine Choreografie zu entwickeln.

Blake: Um ehrlich zu sein, das einzige, was wir choreografiert haben, ist, wann wir beginnen, uns zu bewegen. Der Rest ist free style.

Moses: Einer der wesentlichen Aspekte im Parkour ist, eins zu werden mit seiner Umgebung, egal, ob es sich um ein bewegliches oder statisches Objekt handelt. Man stellt sich vor, sich flüssig wie Wasser zu bewegen. Das hilft.

Blake: Es geht um Ästhetik und Effektivität. Es gibt eine Ying und eine Yang Seite. Um diese Balance zwischen hart und weich geht es. Das Ziel ist zwar, sich in einer geraden Linie zu bewegen, aber niemand verbietet dir zu spielen.

corpus: Könnt ihr drei Begriffe nennen, zur Charakterisierung von Parkour?

Blake: Kraft, Kontrolle, Flüssigkeit.

Moses: Effektivität, Kreativität, Dynamik.

corpus: Normalerweise macht ihr ja keine Shows. Um euch zu zeigen, stellt ihr eure runs ins Netz. Wie verträgt sich denn das „Sitzmedium“ Internet mit eurem Sport?

Blake: Was man im Internet sehen kann, beispielsweise auf youTube, sind Demonstrationen von ganz bestimmten Bewegungen. Aber das ist ein ganz kleines Element der gesamten Bewegung. Eine Art Showcase. Die meisten Videos zeigen nicht das ganze Paket, nicht die Vorbereitung, nicht das harte Training, nicht mal die Art und Weise, wie man sich einem Hindernis nähert.

corpus: Wie bereitet man einen Parkour vor? Kennt ihr den Weg mit allen Hindernissen? Rennt ihr einfach los? Oder wählt einen Abschnitt auf dem Stadtplan?

Blake: Interessante Frage. Das Ziel von Parkour ist, es mit jedem Hindernis aufzunehmen. Wenn man auf der Jagd ist, nimmt man die ergiebigste Strecke, gleichzeitig weiß man auf einer Jagd nie, was kommt. Wesentlich ist das Training, um stark, ausdauernd und auf alles gefasst zu sein. Man stellt sich eine wirkliche Verfolgungsjagd vor, und die kann lange dauern. Aber es geht auch darum, einfach Spaß zu haben und mit Bewegung zu spielen.

corpus: Ihr stellt euch vor, dass jemand hinter euch her ist?

Blake: Es ist ganz und gar hypothetisch. Diese Bewegungen gehen darauf zurück, als ob man den Gazellen im Wald hinterher jagte. Es ist ein natürlicher Instinkt. Wir versuchen, diesen wieder zu erwecken. Auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass es zu einer Situation von jagen und gejagt werden kommt.

Moses: Das stärkste Element ist der Spaß. Man trainiert und probiert aus Spaß. Aber man ist auf den Ernstfall vorbereitet. Das ist die Idee.

Blake: Spaß. Sicher. Es wäre ja auch Unsinn, sein Leben lang für ein Szenario zu trainieren, das wahrscheinlich nie eintritt. Aber es ist ein ungeheurer Antrieb, diese Idee zu haben: Ich will für den Notfall gerüstet sein. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, wenn das Haus brennt, bin ich in der Lage, aus dem Fenster zu springen. Und möglicherweise noch meine Mutter zu retten. Es gibt ein Motto, auf das wir zählen, von George Hebert (einem französischer Marineoffizier): Sei stark, um nützlich zu sein.

corpus: Man bezeichnet Parkour immer als ausgesprochen urbane Bewegung.

Blake: Das ist ein Mythos. Die Idee ist, sich in jeder Umgebung zurecht zu finden. Wir gehen oft in den Wald und klettern Bäume hoch und runter, springen, schwimmen. Es geht darum, ursprüngliche Bewegungsinstinkte wieder zu erwecken. In der Kindheit sind sie noch vorhanden, werden von den Erwachsenen aber meist abtrainiert.

corpus: Moses, erzähl mal von Salzburg. Wie sieht Parkour in dieser Stadt aus?

Moses: Salzburg ist ein guter Trainingsort. Es bietet alle Arten von Architektur, neue und alte. Es hat viel Natur. Eine gute Kombination.

corpus: Du unterrichtest Parkour, jeden Sonntag im Mirabellgarten.

Moses: Unterrichten ist zuviel gesagt, ich leite an. Und ich kreiere Parkour-Shows, um damit mein Universitätsstudium zu finanzieren.

corpus: Ist Parkour-Läufer ein Beruf, wie beispielsweise Tänzer?

Moses: Ich glaube kaum. Es ist ja kaum bekannt.

Blake: Ich bezweifle das ebenfalls. Tanz ist eine darstellende Kunst. Die Leute wissen, was sie erwarten können, wenn sie zu einer Tanzvorstellung gehen. Parkour-Shows dagegen sind sehr eingeschränkt. Das langweilt die Leute nach kurzer Zeit. Als Performance-Kunst taugt es wenig, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man sollte es auch nicht versuchen, denn was man zeigen kann, ist letztlich nicht Parkour.

corpus: Gibt es Tendenzen zur Kommerzialisierung? Und Leute die sich dagegen wehren?

Moses: Es gibt alles. Wie überall. Wenn sich für mich die Gelegenheit zu einer Show ergibt, Parkour in einer positiven Weise zu vermitteln, warum nicht? Doch letztlich zählen für mich Training und Praxis.

Blake: Es gibt immer Leute, die für Ruhm und Geld alles tun. Doch Parkour sollte sich nie von Geld abhängig machen. Wenn du Parkour unterrichtest, solltest du nie soviel Geld verlangen, dass du Leute ausschließt. Es sollte immer für alle zugänglich sein. Es geht darum, in Gemeinschaft Ideen zu teilen.

corpus: Was bedeutet für euch die Teilnahme bei einen Tanzfestival?

Blake: Mir hat man gesagt, es ist eine Show, eine Demonstration von Parkour, und dass niemand Eintritt bezahlen muss, um sie zu sehen. Das hörte sich gut an.


(6.7.2008)