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Peinlich: a) Fatale Auditions

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DAS NATURE THEATER OF OKLAHOMA MIT "CHORÉGRAPHIE" BEI NICHTS IST AUFREGEND. NICHTS IST SEXY. NICHTS IST NICHT PEINLICH IM TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst


Dem Tanz ist die Peinlichkeit auch nicht ferner als dem Theater oder der Musik. Im Gegenteil, er ist ein wahres Paradies für schicksalshafte oder absichtliche Entgleisungen. Das hat auch das amerikanische „Nature Theater of Oklahoma“ erkannt, das mit seinem Stück „Chorégraphie“ im Rahmen von „Nichts ist aufregend. Nichts ist sexy. Nichts ist nicht peinlich“ in der Halle G des Tanzquartier Wien sein Publikum zu überzeugen schien.

Thematisiert wurden in „Chorégraphie" - der französische Titel weist ironisch auf den Ernst der historischen Setzung hin - mehrere Schrecknisse, die das Tanzen zum Trauma machen können: Selbstüberschätzung und Guru-Attitüden von sogenannten „Tanzschöpfern“, die verunglückte Verbalisierung von Bewegungsprozessen, heuchlerisches Verhalten bei Veranstaltern von Auditions und die Fehlleitung tänzerischen Tuns auf der Bühne. Mit schauerlicher Treffsicherheit positionieren die „Oklahomas“ Kelly Copper und Pavol Liska ihre Aktivitäten dort, wo der Tanz am populärsten und am peinlichsten ist: im Graubereich zwischen Kunst und Show, wo Kunst machen und Künsteln zum schwülstigen Brei vermengt werden.

Gnadenlos 

Dort also, wo Geld und Glamour regieren, wo Spekulation, Ausbeutung und Prätention widerlich normal sind und beinhartes Business betrieben wird. Copper tritt als Showdance-Glucke auf, die in wüster Glossolalie alle Bewegungen beschreibt, die ihre „Choreo“ ausmachen. In Glitzerkleid und mit Federkopfschmuck liefert sie so drei meisterhafte Word-Raps, entblößt Stereotypen und Schablonen des neoliberalen Tänzemachens.

Zehn Tänzerinnen und Tänzer der Wiener Szene wurden in einer inszenierten Audition auf die Probe gestellt. Sie versuchten redlich, den absurden Anweisungen Kellys zu folgen, und jeder Hinauswurf geschah durch eine innige Umarmung von Pavol Liska. Das Publikum folgte der Groteske mit Staunen und Belustigung, aber es wußte wohl auch, daß „Chorégraphie" eine so gnadenlose wie einfühlsame Tragödie ist.

In der Ära endloser Fernseh-Castingshows (siehe auch die Texte zu „You Can Dance!“ auf corpus), die mit dem Verheizen von Naivität und Hoffung, mit Verblendung und der Konsumenten-Lust am Leiden anderer rechnen, eine bittere Performancepille. Vor allem, wenn man weiß, daß die eingeladenen Tänzerinnen und Tänzer sich eigentlich dem System der Oklahomas hätten widersetzen können. Mit der Audition-Situation wurden sie überrascht. Aber das wußte das Publikum nicht. Und hier liegt vielleicht eine Schwäche der Arbeit selbst: die Vereinbarungen der Oklahomas mit den Tänzern blieben verborgen. Die inhärente Kritik zog so an ihrem Kern (dem System des Auditioning) vorbei und traf den Schwächeren (die „Bewerbenden“).

Feindbilder 

Was etwa das Galerien- und Kuratorensystem in der bildenden Kunst darstellt, repräsentiert auch das Auditioning- und Programmationssystem im Tanz. Hier wird einerseits das Ausmaß der Verantwortung gegenüber jenen, die Selektionsmechanismen durchlaufen müssen, nicht selten unterschätzt. Deren andere Seite wiederum konstruiert gerne Feindbilder, die nicht selten beklemmend ungerecht daherkommen. Hier tun sich überaus spannende politische Felder auf, die nur selten mit ausreichender Distanz diskutiert werden und de facto nicht beforscht sind.

Sobald Companien davon profitieren, daß sie eine hohe Anzahl von Bewerbern angeben können, die zu ihren Auditions kommen, wie beispielsweise im angelsächsischen Raum nicht unüblich, kann es passieren, daß an sich chancenlose Kandidaten angelockt werden, um die „Quote“ zu steigern. Wer in solche Fallen tappt, hat nicht selten sinnlos eine teure Reise auf sich genommen. Eine delikate Angelegenheit, über die die Geschädigten überdies nicht gerne öffentlich sprechen.

Einen verbindlichen ethischen Katalog für das Auditioning gibt es nicht, und dort, wo die Konkurrenz besonders forciert wird, wie vor allem im Entertainment- und Ballettsektor, herrschen zuweilen nicht gerade die feinsten Sitten. Das „Nature Theater of Oklahoma“ sticht in dieses Wespennest, ohne eine Komplizenschaft mit ihren Kollaborateuren einzugehen. Für diese ist das eine Herausforderung. Fügen sie sich dem (hier imitierten) System oder versuchen sie, es vorzuführen? Und: Braucht es einen „Aufstand der Tänzer“? „Chorégraphie“ ist geeignet, eine Debatte darüber anzuzetteln.


(16.4.2008)