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Peinlich: b) Klampfe unterm Arm

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MATSUNE & SUBAL FANDEN IM WIENER TANZQUARTIER DEN "P"-PUNKT DER PERFORMANCE

Von Judith Helmer


„P“ steht für Performance, behauptet das Wiener Performanceduo Michikazu Matsune & David Subal in der Ankündigung zu ihrer installativen und interaktiven Arbeit für den TQW- und MUMOK-Schwerpunkt „Nichts IST AUFREGEND. Nichts IST SEXY. Nichts IST NICHT PEINLICH.“ Dabei sollte „P“ für
Peinlich stehen, und mit drei Rufzeichen versehen werden, denn wer sich in das Gruselkabinett in den Tanzquartier-Studios wagte, dem sollte wirklich Beschämendes widerfahren.


In trügerisch gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre locken in „P“ mit Instruktionen ausgestattete Stationen die Besucher zu einem wahren Spießrutenlauf. Schrecklich freundlich lächelnde Performer (mit einem „P“-Button gekennzeichnet als solche erkennbar) wollen einem immerzu behilflich sein, sich weiter und weiter in die dunklen Regionen des eigenen Peinlichkeitsempfindens zu verstricken. Allen voran natürlich die große Region Sexualität, mit der auch das Entrée gleich eindrucksvoll bestritten wird. „Bitte ziehen Sie Ihre Schuhe aus“, verlangt der Billeteur, und schon sitzt man einem kleinen Raum, nestelt an den Schnürbändern herum und blickt unweigerlich in einen Fernseher, auf dem die Nahaufnahme einer männlichen Masturbation ihren Lauf nimmt. Noch ist man dabei unbeobachtet und unerschüttert, doch schon das Öffnen der nächsten Tür konfrontiert den nun beschlapften Besucher mit einem selig grinsenden jungen Mann samt Klampfe unterm Arm, der - passend zum Video - singt: „Schön, dass du gekommen bist." Flucht (nach vorne oder nach hinten?), Einfrieren, Erröten, Zurücklächeln? Hinein!

Die Installation ist mit ihrem gedimmten Licht, den weichen Teppichen und den kuscheligen Fauteuils an Heimeligkeit kaum zu übertreffen. Am gediegenen Sekretär kann man Aquarelle tuschen (ein Porträt des eigenen Sexualorgans oder die Darstellung eines Orgasmus), im Sessel eine gepflegte Konversation mit einem „P“-Performer führen (über das, was man im Spiegel vis a vis sieht - nämlich sich selbst, und was man an diesem Bild schön findet) oder sich bei einer Fußmassage entspannen (während der Masseur an den bloßen Zehen schnuppert). Ganz schön peinlich!

„Free your body!!“

In „P“ gibt es nur Performer. Einige mit „P“-Button und bis zu sieben ohne - damit das Betreuungsverhältnis stimmt. Gut, dass das Peinlichkeitenkabinett zehn Stunden geöffnet hat. Man muss also etwas tun, etwas mit sich tun lassen und dabei beobachten, was das Ganze mit einem tut. Denn darum geht es. Ich kann mich auch ohne Performancerahmen an ein geöffnetes Fenster stellen und lauthals ein Statement brüllen wie „Free your body“ oder „Ich liebe mich“. Aber wer tut das schon und warum? Hier also wird man dazu - immer höflich, immer nett, immer ohne Drängen - ermuntert, sich in der Peinlichkeit zu erleben. Nun machen Matsune & Subal keine Therapie, sondern Kunst. Und weil Kunst das gerne tut, thematisiert sie sich selbst.

Die Performer (Besucher und Beschäftigte) schaffen gemeinsam das „Werk": wenn sie malen oder eine gemeinsame Skulptur aus Ton modellieren, wenn sie Dialoge improvisieren oder sich als Medium in einem schamanistisch anmutenden Ritual zu den Klängen einer Trommel wiegen. Das Szenario haben Matsune & Subal gesetzt, auf die Ausführung haben sie nur bedingten Einfluss. Eine alte Frage stellt sich: Ist das Kunst, nur weil es im Kunstkontext stattfindet? Eine Replik von Duchamps Fountain (das Original ist 1917 verschwunden) ist auch im Spiel und erinnert einen an die permanent gültige Aufforderung, den eigenen Begriff von „Kunst“ zu überdenken. Und den eigenen Begriff von „Peinlichkeit“ gleich mit. Und den eigenen Begriff von „Selbst“. Und den eigenen Begriff von „Toleranz“. Und den eigenen Begriff von, von, von...

Aber das ist jetzt auch schon wieder peinliche Deutelei, denn wer wollte zugeben, dass er eine Arbeit einfach mochte, weil sie Spaß macht und man hinterher eine Menge zu erzählen hat? Wäre ja peinlich.


(18.4.2008)