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Peinlich: d) Die Brille des grossen Vogels

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MÅRTEN SPÅNGBERGS "UNTITLED SLOWFALL" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Sabina Holzer

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Es entsteht ein Raum im Raum, durch eine Trennwand. Die gestellt ist. In weiss. Zwei Wände, die im rechten Winkel zueinander stehen. Decken liegen im Halbkreis davor. Die Besucherinnen können ganz nahe kommen. Sie sitzen und liegen, versuchen es sich auf ihrem Lager bequem zu machen.
Mårten Spångberg steht in diesem Raum, während wir herein kommen. Er blickt freundlich in die Runde. Wir blicken erwartungsvoll zurück. Er sagt: „Now you see in two dimensions what hopefully one day becomes three dimensional. Please relax. You can lay down. Sleeping is not such a bad option. This performance takes 72 minutes.“ Spångberg trägt eine grosse Brille, ein weissrosa Shirt und Jeans.

Er verschwindet hinter der Stellwand. Ein leiser Sound von Regen beginnt. Das Licht ändert sich ein wenig. Mårten Spångberg kommt nackt wieder zurück. Auch seine Brille hat er hinter den Wänden gelassen.
Er stellt sich in einer Meditationshaltung auf. Das ist daran zu erkennen, dass er die Augen schliesst und seine Zeigefinger und Daumen einander berühren.
So steht er eine Zeit lang. Dann geht er zu der Stellwand und nimmt einen dicken Filzstift, der vor der Wand am Boden liegt, und beginnt zu zeichnen. Er zeichnet so etwas wie einen Kristall. Eine schlichte grafische Darstellung. Der Regensound geht weiter. So als käme er aus dem Radio, dass nicht ganz klar eingestellt ist. Als er mit seiner Zeichnung fertig ist, nimmt er wieder eine Mediationshaltung ein.

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Es gibt verschiedene Haltungen: stehend, sitzend, am Rücken liegend, und eine Hockhaltung, in der ein Bein aufgestellt ist und das Knie abgewinkelt, das andere wie im Kniesitz am Boden ruht. Ein Arm ist diagonal über den Kopf gebeugt, die andere Handfläche ruht in einigem Abstand vor dem Gesicht. Ach Faun, ein Trugbild schickt der Reinsten Blick dir hin mit Augen blau und kühl. [1]

Es folgt eine ritueller Ablauf: das Einnehmen der Haltungen und Zeichnen. Kleine Skizzen mit ruhiger Hand in unterschiedlichen Farben. Gezeichnet werden Tiere: zwei Elefanten, die ganz nahe beieinander stehen, ein Krokodil, eine Grille - so nenne ich es - Spångberg nennt es Antilope. Maschinen. Kleine Apparate mit Kabel und Stecker. Motoren, die Wolken erzeugen und geometrische Figuren: Vierecke, Vielecken, Halbmode und eine Zahlenspirale.

Das alles geschieht mit grosser Ruhe und Gelassenheit. Mit einer äussert zuvorkommenden Gelassenheit. Nichts ist forciert. Der Regen kommt einmal leiser, einmal mit Vogelgezwitscher, dann wieder mit "Sweet child in time, you'll see the line. The line that's drawn between the good and the bad. See the blind man shooting at the world. Bullets flying taking toll. If you've been bad, lord I bed you have. And you've been hit by flying lead. You better close your eyes and bow your head. And wait for the ricochet.“ [2]

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Untitled Slowfall ist der erste Teil eines grösseren Projekts und erschliesst die Beziehungen zwischen Chakra, tantrischer Energie und Tanz, so ist im Programmheft zu lesen.

In der „Stimme der Stille“ kannst Du zwischen den Schwingen des Grossen Vogels ruhen. Ja, süsse Ruhe erwartet dich zwischen den Fittchen dessen, der nicht geboren wird und nicht stirbt. [3]

Chakra ist ein Sanskritwort und bedeutet Rad. Sie bezeichnen in den Lehren des tantrischen Hinduismus, dem tantrisch-buddistischen Vajrayana, dem Yoga und der Chinesischen Medizin subtile Energiezentren zwischen dem Körper des Menschen und seinen subtilen Körpern (dem „Astralleib“). Den unterschiedlichen Chakren sind verschiedene Farben, Elemente und Silben zugewiesen. Die unterschiedlichen Energien werden symbolisch dargestellt. Die leichtfüssige Antilope steht für die Luft, die Elefanten in Blau für die Erde, das Krokodil für Wasser.

Die Zeichnungen von Mårten Spångberg kommen also nicht von ungefähr. Sie geben ein System von Beziehungen wieder. Und diesem liegt nicht, wie es „Uneingeweihten“ scheinen mag, eine persönliche Spielerei oder irgendwelchen Eingebung zu Grunde.

So oder so. Ein Raum entsteht, sehr weit, sehr freundlich, sehr schlicht. Ein Raum, in dem sich Ruhe regt. Man liegt und lauscht und blinzelt. Die Augen zu, dann wieder auf. Spångberg ist beschäftigt. Er macht das gut. Es tut gut. Das Wechseln zwischen Mediation und seinem Zeichnen, an denen man sich entlang hanteln kann. Oder in seine eigenen Gedankenspiele sinkt.

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Ob er sich wohl versenkt in die Vorstellung, dass ein Meer von Nektar in seinem Herzen sei, dass inmitten dieses Meeres ein Eiland aus Edelsteinen liege...?

Und sich hinwendet, dort wo Mensch Seele ist und einen Körper hat? (Was heisst, dass er in Wirklichkeit mehrere Körper hat. Denn außer dem Sichtbaren, durch den er seine Arbeit verrichtet, besitzt er noch andere, nicht so leicht sichtbare, durch deren Vermittlung er in den Welten der Gefühle und Gedanken tätig ist.) [3]

Und wohl so - ja genau! - tanzt?


Fußnoten:
[1] Stéphan Mallarmé: „Nachmittag eines Fauns“, 1865
[2] Deep Purple: „Child in Time“, 1970
[3] C.W. Leadbeater: „Die Chakras“, 1984


(22.4.2008)