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Per Taxi nach Wien

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ROGER BERNAT BRINGT "RIMUSKI" ZU DEN FESTWOCHEN INS BRUT KONZERTHAUS

Von Helmut Ploebst


Wer zu fernen Galaxien aufbrechen will, kann das schon heute mit Google Earth: Sky tun. Das Zuhause wird so zu einem kleinen Observatorium, das den Blick von der Erde weg zu den Sternen lenkt, wo vielleicht anderes Leben existiert. Das andere Leben gibt es natürlich auch auf der Erde, in der „eigenen“ Stadt oder in der eigenen Wohnung. Und im eigenen Körper. Nichts ist dem Menschen näher als das Fremde, das Unbekannte - auch wenn es als solches vielleicht noch unerkannt ist - und Ferne.

Der spanische Künstler Roger Bernat, geboren 1968 in Barcelona, weiß, daß alle wahrgenommene Welt eine Konstruktion aus Geschichten ist, und daß eine Kategorie wie Wahrheit nur in der Fiktion zu finden sein kann. Sein Projekt „Rimuski“ (der Titel meint eine ideale Stadt auf einem Planeten, der noch keinen Namen hat) hält sich deshalb an die Idee der Kartografie. Was die Karte besagt, daran orientieren wir uns so lange, bis es eine bessere oder auch andere Karte gibt. Google Earth bietet die größte Karte der Erde, die von allen eingesehen werden kann. Mit Google Earth kann ich sehr lange einen bestimmten Punkt im Ozean anschauen oder in Berlin oder in Wien oder in Abuja.

Elefantenhaut

Abuja ist die Hauptstadt von Nigeria. Nigeria ist ein afrikanischer Staat und kann auch mit Google Earth studiert werden. Roger Bernat hat sein Projekt bereits in Kairo, Lissabon, Moskau und Rabat durchgeführt, Kontakt mit Taxifahrern aufgenommen und versucht herauszufinden und darzustellen, wie sie „ihre“ Stadt erfahren. In Wien nahm Bernat Kontakt mit der African Taxi Association auf, die im Jahr 2003 von Wienern schwarzafrikanischer Herkunft gegründet wurde.

Einer der Fahrer, erzählt Bernat, habe ihm seine Überraschung darüber geschildert, daß er in dem Mietshaus, in dem er wohne, niemals seine Nachbarn kennengelernt habe. Das ist in Wien so. Man kann jahrelang in einem Haus leben, ohne Kontakt mit seinen Nachbarn zu haben. Sehr fremd für den Mann aus Nigeria. Wien ist eine Fremde. In dieser Fremde sich einen Plan zu machen, als „Alien“, das ist ein Abenteuer, von dem saturierte Rafting-Freizeithelden nur träumen können. Fuß fassen zu wollen in Österreich, dafür braucht es Mut, Ausdauer - und vielleicht auch eine „Elefantenhaut".

Peinlich

In „Rimuski" stellt Bernat dem Wiener Kulturpublikum im brut Konzerthaus fünf Taxifahrer vor, die dieses Abenteuer gewagt haben. So lernen Wiener andere Wiener kennen. Erst über Webcam-Liveschaltung, dann live auf der Bühne. Der Europäer mit seiner Tourismus- und Fernseh-Weltläufigkeit erlebt ein Webcam-Beaming. Die fünf Taxifahrer kommen von verschiedenen Punkten der Stadt, erzählen von unterwegs Geschichten aus ihrem Leben per Liveschaltung - dann öffnet sich die Projektionswand, und sie sind da. In einer engen Box mit Tischchen, vorhangverhängtem Fenster, wie in einem Fernsehstudio.

Dort, auf der Bühne, erzählen sie wieder Geschichten, jetzt als Performer, die sie im künstlerischen Sinn nicht sind. Sie versuchen, cool zu bleiben und werden doch nervös, denn jetzt erscheinen sie vor einem Publikum ausgestellt. Ein bißchen peinlich - ungefähr so peinlich wie die Tatsache, daß dieses Ausgestelltsein auf das Publikum zurückschlägt, auf seine Erwartungen: Hätte Bernat seine Männer nicht besser schützen sollen? Aber dann - vor wem? Dem Publikum etwa, das den Auftritt der Fünf möglicherweise „beurteilen“ wollte? Als Vitus Nwachukwu 1983 nach Wien kam, sah er kein einziges schwarzes Gesicht in der Stadt. Nwachukwu aber war immer ausgestellt, wie dann später auch in seinem Taxi, wenn er erleben mußte, daß Fahrgäste die Chauffeure nach ihrer Hautfarbe zu wählen tendierten.

Toleranz 

Die fünf Männer in ihrer engen Kabine zeigten Verhaltensmuster, die den traditionellen Wiener Verhaltensschatz um einen transkulturellen Aspekt erweitern. Das ist eine der neueren Geschichten in der Geschichte: eine Annäherung über die Differenz. Bernats Vorschlag fordert auch und gerade das „liberale“ Publikum der Wiener Festwochen. „Tolerant“ sein ist nur eine Geste von oben herab. Darüber hinaus ist noch viel zu lernen. Fragen Sie den dunkelhäutigen Wiener Taxifahrer, der Sie nach Hause bringt, freundlich, woher denn komme, und er sagt, „Aus Wien!“, dann war's eine Lektion. Bis wir in „Rimuski“ ankommen, das wird eben noch dauern.


(18.5.2008)