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ZUR AUSSTELLUNG "PERFORMANCE III - GENDER, POLITIK, SOZIALE FRAGEN UND INTERCULTURAL STUDIES" IN DER FOTOGALERIE DES WIENER WUK
Von Christa Benzer
Bereits seit den 1960-er Jahren zeichnen Künstlerinnen und Künstler ihre Aktionen mit Video und Fotografie auf, die die für die Kunstform Performance einst ausschlaggebende Flüchtigkeit im Grunde massiv untergraben. Mittlerweile wurde dieser Widerspruch in zahlreichen Ausstellungen und Symposien (u.a. bei After the Act im Wiener Mumok) als Bestandteil der Performancekunst thematisiert und die jeweilige mediale Umsetzung als stets mitzureflektierender Aspekt diskutiert.
Dass sich nun mit der Fotogalerie Wien im WUK auch ein auf künstlerische Fotografie spezialisierter Ausstellungsraum der Performancekunst annehmen kann, hängt mit dieser Entwicklung zusammen, die das Performative längst nicht mehr auf das Live-Ereignis reduziert. In einer insgesamt drei Ausstellungen umfassenden Reihe widmete man sich der „Performance im Bild und im medialen Übertrag“ und präsentierte Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Performances sehr bewusst für die bzw. vor der Kamera gemacht haben.
Was inhaltlich nicht zusammengeht
In der dritten und letzten Ausstellung hat dieser an sich sehr spannende Fokus nun aber leider dazu geführt, dass man das Thema aus den Augen verlor: Unter den titelgebenden Schlagwörtern „Gender, Politik, soziale Fragen und Intercultural Studies“ wurden Positionen aus Europa, Asien und den USA vereint, die inhaltlich kaum noch zusammenzubringen sind.
Ohne hier die Gender-Thematik von Politik oder sozialen Fragen trennen zu wollen - der auffälligste Bruch zeigte sich in jenem Raum, in dem die Arbeiten von Katrina Daschner und Martha Wilson sowie eine Fotoserie der Künstlergruppe G.R.A.M. präsentiert wurden: In den 70-er Jahren thematisierte Wilson in ihren charmant-humorvollen Videoarbeiten „Premiere“ und „Deformation“ nicht nur Fragen weiblicher Identität, sondern reflektierte auch die Mittel und Methoden der Kunstform, die die Performancekünstlerin und Gründerin des Franklin Furnace Archive ab Mitte der Seventies wesentlich mitgeprägt hat.
Daschner, die in Wien Ende der 90-er Jahre mit ihrem Salon Lady Chutney maßgeblich zur Wiederbelebung der Performancekunst beigetragen hat, passt deswegen mit ihren Fotocollagen auch noch ausgezeichnet zu Wilson: „LOCATION: bathroom“ titelt die mehrteilige Werkserie, in der sich die Künstlerin mit Fragmentierung und Maskerade ebenfalls klassisch gewordener Mittel der feministischen Performancekunst bedient. Alleine, aber auch gemeinsam mit ihrer Mutter setzt sich die Künstlerin mit Schleiern, Bärten oder auch fetischisierten Masken ins Bild, die mit der Vorstellung einer scheinbar fixierbaren weiblichen Identität auch durch das Mittel der Bildfragmentierung fortlaufend brechen.
Über die Illustration hinaus
Hat man die Arbeiten von Daschner und Wilson gesehen, fällt es aber einigermaßen schwer, die dahinter hängende Fotoserie „sichtbar/unsichtbar“ von G.R.A.M. zu interpretieren: Die Bilder zeigen die beiden Künstler in den unterschiedlichsten Rollen als Arbeiter, Priester, Intellektuelle - oder auch als Soldaten, die allerdings ohne den aufliegenden Beipackzettel kaum mit dem steirischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen sind. Inhaltlich durchaus verdienstvoll, ist der Text um einiges spannender als die Bilder, die in der unglücklichen Kombination mit Daschner und Wilson noch statischer und außerdem deplatziert wirken.
Dabei wäre ihr Ansatz der Arbeit von Milica Tomić viel eher verwandt, die sich in ihrem neusten Projekt auf die Suche nach dem antifaschistischen Widerstand in Jugoslawien machte: „One day, instead of a night, machine-gun fire will burst through the night, if light cannot come otherwise“, titelt die ebenfalls mehrteilige Fotoinstallation, für die die Künstlerin Plätze in Belgrad aufgesucht hat, an denen die KämpferInnen des „People Liberation Movement“ im Zweiten Weltkrieg erfolgreiche Aktionen durchgeführt haben. Mit dem Maschinengewehr in der Hand hat Tomić die Plätze erneut aufgesucht und zudem durch eine spezielle Montagetechnik einen kontinuierlich wirkenden Bewegungsablauf in die eigentlich ebenfalls statischen Fotografien gebracht.
Tomić geht damit - anders als die Künstlergruppe G.R.A.M - über die bloße Illustration der Widerstandshandlung hinaus und würdigt in ihrem „Akt des Erinnerns“ die mutige Haltung der KämpferInnen, indem auch sie selbst die Passanten mit einem partisanenhaften Auftritt konfrontiert.
Obwohl die Arbeit von Nilbar Güreş dann wieder in eine ganz andere Weltgegend führt, verbindet sie mit Tomić der Mut, für ihre Überzeugungen auch öffentlich geradezustehen: Die ausgestellte Fotoserie dokumentiert eine Performance, die die Künstlerin in einem für seine Brautgeschäfte bekannten, religiös-konservativen Istanbuler Stadtteil durchgeführt hat. Über einem Boxeroutfit trug die Künstlerin ein Brautkleid und eine fetischartige Version des traditionellen roten Bandes, das in der Türkei als Zeichen für Jungfräulichkeit gilt.
Massenchoreografie im Skulpturenpark
Kennt man auch die Videodokumentation der Performance, wird klar, dass die Fotografien der Aktion nur schwer gerecht werden können, die einiges an Reaktionen ausgelöst hat. Zudem macht das Video doch deutlicher, dass die Künstlerin bewusst die Bewegungen unterschiedlicher Sportarten imitiert, um Körperstellungen zu „performen“, die türkische Frauen in anderen Kontexten niemals einnehmen dürften.
Die großformatigen Fotografien vermitteln das leider nicht wirklich. Ähnlich ratlos steht man auch vor der fotografischen Dokumentation einer Performance von Tatsumi Orimoto, die auch der Begleittext nicht wirklich erklärt: An marterpfahlähnlichen Stämme sind unterschiedliche PerformerInnen gebunden, die mit Brot gefüllte Bauchläden tragen. Auf dem Boden liegen Zeitungsknäuel, die man offenbar als Wurfgeschosse verwendet hat. Der Titel „Punishment“ gibt einen Hinweis darauf, dass es sich offenbar um angeordnete Hinrichtungen von SystemkritikerInnen handelt, während der Text von der Kreuzigung christlicher Missionare erzählt, die man im Jahr 1597 als Bedrohung wahrgenommen hat.
Allein durch die Fotografien kommt seine kritische Haltung aber nicht wirklich zum Ausdruck, während das Video von Lena Lapschina wieder eine etwas zu simple Geschichte erzählt: In „Innere Werte“ stellt die Künstlerin Turnschuhe, die man in der Sowjetunion getragen hat, einem neuen Paar Nike's gegenüber, die sich schnell aufzulösen beginnen. Obwohl in seiner simplen Kapitalismuskritik durchaus sympathisch, ist die Performance ein One-Liner, der einen nicht sehr weit bringt, während das Video „Social Motions“ von Katarina Ševic noch einen sehenswerten Höhepunkt der Ausstellung bildet.
Und zwar nicht nur, weil die Massenchoreografie, die die Künstlerin im Berliner Skulpturenpark initiierte, sehr gespenstisch und ausdrucksstark wirkt, sondern auch, weil die zehnminütige, eigentlich sehr unspektakuläre Bewegung gerade auch der Dauer einer Performance ihren offenbar nicht ganz vernachlässigbaren, weil in der Intensität und Unmittelbarkeit sehr aussagekräftigen Stellenwert (zurück)gibt.
Hinweis: „Performance III - Gender, Politik, soziale Fragen und Intercultural Studies" noch bis 29. Jänner 2010, Fotogalerie Wien im WUK.
(23.12.2009)
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