Performance, Pop und Politik |
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FAUSTIN LINYEKULA GASTIERTE BEI DEN WIENER FESTWOCHEN
Von Helmut Ploebst
Der kongolesische Tänzer und Choreograf Faustin Linyekula versteht es, seine kritische Performance außerhalb des nordwestlichen Politkunst-Lateins zu deklinieren. Sein Pop-Event „more more more... future“, das die Wiener Festwochen im brut Theater präsentierten, hat daher einige Verwirrungen für den europäischen Ureinwohner parat.
Erstens geht es um die gesellschaftliche Gegenwart in Linyekulas Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, von der eingeborene Europäer kaum mehr wissen als der Durchschnitts-Amerikaner beispielsweise von Austr(al)ia. Und zweitens ist das Stück ein Hybrid aus Pop-Event, Tanz und Text, das so gar nicht nach unserer Performancelogik aufgebaut ist. Eine Band, zwei Sänger und drei Tänzer haben in assoziativer Dramaturgie Szenen entwickelt, die afrikanische und europäische Elemente miteinander verschränken.
Veränderung der Sichtweise
Die Geschichte der DR Kongo seit der Kolonisierung ist ein Jahrhunderte währendes Horrorszenario aus Zerstörung, Ausbeutung, Krieg und nationalem Zerfall. Diese Hypothek formuliert der seit 2001 inhaftierte Dichter Antoine Vumilia Muhindo in bitteren Texten, die von einem Sänger in goldglitzendem Anzug mit rollender Stimme vorgetragen werden: Beschwörungen von Widerstand und Anspruch auf eine lebenswerte Zukunft. Eingefasst ist dieser Gesang von rockigen Sounds. Linyekula verbindet seinen Protest mit dem Ausdruck eines positiven Lebensgefühls.
Die drei Tänzer in ihren bauschigen Patchwork-Kostümen agieren wie Geister, die Band um den im Kongo populären Gitarristen Flamme Kapaya bildet die Brücke zu einem besseren Europa, in dem Linyekula es als Künstler bis zum Regisseur an der Pariser Comédie Française gebracht hat. Trotz dieser Anerkennung arbeitet der 36-Jährige doch lieber in seiner Heimatstadt Kisangani, wo er sein Kulturzentrum, die Studios Kabako, unterhält.
Das große Verdienst von „more more more... future“ ist, dass es dem europäischen Publikum ermöglicht, seine Sicht auf gegenwärtige afrikanische Kulturproduktion zu erweitern. Der begeisterte Applaus nach der Wiener Premiere zeigte: Experiment gelungen.
Michikazu Matsune hat für corpus mit Faustin Linyekula gesprochen. Die von ihm aufgezeichneten Materialien sind in der ENGLISH EDITION zu finden.
(27.5.2010)
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