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Pessimismus ist bürgerlich

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JACOB WREN & PIETER DE BUYSSER ZEIGTEN IM WIENER BRUT-THEATER "AN ANTHOLOGY OF POPTIMISM"

Von Nathalie Koger

„Critical optimism is never just hoping that you get what you want because,
though the extent of the involvement of love in optimism cannot be measured,
it is certain that one is never an optimist purely out of egoism.“
Jacob Wren & Pieter De Buysser [1]


In der Mitte eines Raumes steht ein junges Paar. Er trägt einen grauen Gucci-Herrenanzug oder das Replikat eines solchen und hält eine Aktentasche in der linken Hand. Die Absätze seiner schwarzen Herrenschuhe sind leicht verkratzt. Sie ist unauffällig angezogen: blaues Top, V-Ausschnitt, Haare im Nacken zusammengebunden, braune Lederschuhe. Durch deren Absätzen vergrößert, erreicht sie seinen Mund mit leicht nach hinten geneigtem Kopf. Sie küssen einander. In dieser Pose stehen die beiden fast eine halbe Stunde lang unbewegt da. Sie mit leichtem Ausfallschritt, ihre Hand auf seinem Rücken, etwas gespreizt mit Druck auf seinen Körper, wie an dem Mast eines Surfbretts hängend. Er die Aktentasche unverändert in der linken Hand. Die Besucher bewegen sich links und rechts an dem Paar vorbei, bis sich die Tür zu einem nächsten Raum öffnet, und das Theaterstück beginnt: „An Anthology of Optimism“.

Beinahe an der gleichen Stelle steht nach der Vorstellung Pieter De Buysser und gesteht, dass sie beide, Jacob Wren und er, vor der Arbeit an diesem Stückes beschlossen haben, mit dem Theatermachen aufzuhören und sich vollständig auf das (Roman-)Schreiben zu konzentrieren. Die Gründe für diesen Entschluss bleiben unklar. Jedoch beteuert De Buysser, durch die Zusammenarbeit für das Stück hätten sich so viel reichhaltiges Material und so viele Ideen für weitere Zusammenarbeiten angesammelt, dass an ein Aufhören eigentlich nicht mehr zu denken sei. Ein Optimismus scheint auf, wenn auch zögernd. Weiters wendet der Mann ein, dass „Anthology of Optimism" auch kein Theaterstück sei, sondern eher eine Lecture Performance oder vielmehr ein „Life Art Piece“ und ein Sozialexperiment, da es noch zusätzlich mit anderen Strukturen arbeitet und interaktiv sei.

Brief an Agamben

Die Schriftsteller De Buysser und Wren, der eine durch zahlreiche Theaterstücke für Regisseure und Kompanien bekannt, der andere unter anderem durch seine Romane, entwickelten ein Raster für dieses Stück. Dieses Raster erlaube ihnen, einander gegenseitig und das Publikum immer wieder zu überraschen, indem sie einen wechselnden Umgang, Einschluss und Ausschluss, „Re-actment" und Interpretation mit dem anwachsenden Material - das auf www.anthologyofoptimism.com zu finden ist - pflegen. Im Januar 2008 setzten die beiden einen Brief auf, der die Eigenschaften und die Notwendigkeit von kritischem Optimismus definiert. Kritischer Optimismus ist demzufolge der Glaube, dass kein System allmächtig oder absolut ist und es daher immer einen Raum für Verbesserungen gibt. Dieser Brief sei an zahlreiche prominente Persönlichkeiten, wie Giorgio Agamben, David Bowie oder den ehemaligen belgischen Premierminister Guy Verhofstadt, mit der Bitte um einen Vorschlag, was Optimismus im 21.Jahrhundert bedeuten könnte, versendet worden.

Die Zahl der Antworten blieb gering, und die Antworten, auffällig viele aus Künstlerkreisen, bedürfen einiger Interpretation. Wie ein Foto von Sladja Blazan, auf dem ein Mann in Badehose und mit Hängebauch, auf dem Boden sicheren Stand einnehmend, offensichtlich im Freibad „seinen Sohn“ auf den Schultern trägt. Der etwa Siebenjährige hat seine Arme weit ausgestreckt, seine Zeigefinger deuten in entgegengesetzten Richtungen aus dem Bild heraus, von dem Abgebildeten weg. Sein Mund ist wie im Sprechen geöffnet. Er posiert in einer Fan-Haltung, die, wären seine Gesichtszüge nicht so entspannt, auch eine Protest-Haltung sein könnte. De Buysser kommentiert das Foto auf der Bühne mit: „Ich bin auch Vater!" Auf der Website ist ein Beitrag von Guy Verhofstadt zu finden, der auch in das Stück Eingang gefunden hat - durch den Mund von De Buysser behauptet der Politiker: „Optimism is a moral duty.“

Auf die Frage, was denn kritischer Optimismus sei, erzählt Wren während der Show, dass De Buysser vier Beispiele von „critical optimism in action“ gefunden habe: Mikrokredite, alternative Energien, Barack Obama und Antanas Mockus Šivickas, kolumbianischer Politiker und ehemaliger Bürgermeister von Bogotá. Antanas Mockus wurde im Ausland „durch die Maßnahme, Autofahrer mittels Pantomimen zur Einhaltung der Straßenverkehrsordnung zu erziehen, berühmt. [...] Manchmal trug er Anzüge von Superhelden und improvisierte Raplieder. Mal trug er ein rosa Schwert aus Plastik mit in das Regierungsgebäude, um damit symbolisch für höhere Zuschüsse zu kämpfen.“ [2] In seiner Funktion als Politiker verwendete Mockus Methoden, die als pädagogisch beschrieben, aber durchaus als „künstlerisch-performativ-interventionistisch" gesehen werden können. In einem „nicht-künstlerischen Kontext“ erreichte er hiermit beeindruckende Ergebnisse, wie die Reduzierung der Todesfallrate im Straßenverkehr um fünfzig Prozent, Einsparungen im Wasserverbrauch um vierzig und eine Reduzierung der Totschlagsrate um siebzig Prozent. [3] Methoden, die in Österreich mit seiner kultivierten Performancegeschichte und Wahrnehmung wahrscheinlich nicht mehr als ein Schmunzeln von KünstlerInnen und PolitikerInnen hervorrufen würde.

Der Luxus des Fehlers

Warum sich Sorgen machen, denn „es gibt die Luft noch nicht abgepackt in Tüten zum Kauf", wie Wren erwähnt. Auf Tastendruck rieselt Konfetti von der Decke, wenn er einen schlechten Gedanken hat. Das Versprechen des Theaterzettels wird bestätigt: Die Darsteller treten ihre „Reise durch die vielfältigen Ideen an, auf der Suche nach relevanten Erscheinungsformen [und Eigenschaften] von Optimismus“. [4] Sie tun das frivol, verspielt, leicht und fast angriffslustig - kaum je reißt das Lachen des Publikums ab – und der Eindruck verdichtet sich, dass sie die Rolle des Künstlers als Clown, Risikomanager und Entrepreneur sowie die Hilfslosigkeit des Theaters vor dem Hintergrund des Selbstinszenierungsparadigmas in unserer Gesellschaft vorführen. Weiters die Aneignung des Künstlerbildes durch Politik und Wirtschaft [5] und die Frage, was bietet die Kunst der westlichen Gesellschaft und was die Gesellschaft der Kunst [6].

Bei der Suche nach Überlegungen von Wren und De Buysser dazu, wie und unter welchen Umständen Optimismus funktioniert [7], lässt sich aus ihrer Sammlung Tim Etchells zitieren: „[...] I keep thinking [...] about people working inside a system who might at the same time work against it, or work invisibly under it, with no great ambition or agenda to cause trouble perhaps, but with the effect to disperse or re-flow its purpose in small ways.“ [8] Die beiden Akteure hüpfen nebeneinander auf der Bühne fast wie um die Wette, fallen langsam aus dem Rhythmus, um wieder zur Struktur zurückzukehren. „Pessimismus ist bürgerlich, Optimismus ist der Luxus des Fehlers.“ Diese Worte finden Eingang in mein pinkfarbenes Notizbuch, das ich mit der linken Hand auf meinem blauen Rock festhalte, der meine übereinandergeschlagenen Beine verdeckt.


Fußnoten:

[1] http://www.anthologyofoptimism.com/index.php?option=com_content&view=article&id=44&Itemid=53
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Antanas_Mockus_Sivickas , 11.02.09
[3] siehe: http://hidvl.nyu.edu/video/NYUb13493463.html , 13.02.09
[4] siehe Theaterzettel: „brut 10. bis 12. Februar, 20 Uhr, Jacob Wren & Pieter de Buysser (Montreal/Gent), An Anthology of Optimism".
[5] siehe auch: „die bildende 04. Arbeitsverhältnisse", Zeitschrift der Akademie der bildenden Künste Wien, erschienen im Jänner 2009.
[6] siehe auch: Insel Nr. 7 Gravity. Skizzen zu Tanz und Gesellschaft, 16. - 28.März 2009, Tanzquartier Wien, http://www.tqw.at/Content.Node/de/buehne/open-up_07_gravity.php, 12.02.09
[7] siehe Theaterzettel, a.a.O.
[8] http://www.anthologyofoptimism.com/index.php?option=com_content&view=article&id=59&Itemid=76 , 11.02.09. Zur Ergänzung und Weiterführung siehe Marion von Osten: „Norm der Abweichung“, Zürich: Edition Voldemeer 2003.


(21.02.2009)