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DIE BEDEUTUNG DES SCHULSYSTEMS WIRD ÜBERBEWERTET. EIN E-MAIL-INTERVIEW
Mit Georg Blaschke
corpus: Wie (durch welche Erfahrungen und Reflexionen) bist Du –
ausgehend von Deiner eigenen Schulbiografie – zu der Künstlerln
geworden, die Du heute bist?
Georg Blaschke: Tatsächlich war die Schule für mich ein
erstes Experimentierfeld für Performances. Ich liebte es mich zu
verkleiden, ging mal als Punk, mal als Mod, dann wieder im Retrostil
der 50er im Hochzeitsanzug meines Vaters und hatte dabei aber neben
angemessenem Spass auch immer schon ein ziemlich stringentes Bedürfnis,
über die Kostümierung, über den Dress-Code damaliger Jugendbewegungen
in bestimmte Charakterrollen zu schlüpfen, die ich dann im Schulalltag
versuchte, so konsequent wie möglich durchzuziehen. Dabei hatte ich auch
gute Verbündete.
Eng damit verbunden war die totale Hingabe an die
neuesten Musikstile und an ein Sammeln von schwarzem Vinyl, was mein
privates und bescheidenes klassisches Klavierstudium ergänzte und meine
Liebe zur und Auseinandersetzung mit Musik begründete. Die Schule war
der erste Umschlagplatz für die neuesten Wellen. Ausserdem gab es immer
wieder die Möglichkeit, einige wirklich geniale Gags auszuleben, die
unter die Rubrik „kreative Verhaltensauffälligkeit“ fallen würden.
Diese Aktionen konnte man schon fast als konzeptuelle Szenarien während
des Regelunterrichts bezeichnen (zum Beispiel Picknick-Sessions mit
Wein und Zigarre im Geografieunterricht, das surrealistische
An-der-Leine-Führen eines Pflastersteins im Schulgebäude, usw.) Manchmal
wünschte ich mir heute, ich hätte als Künstler noch die Unbekümmertheit
für solche Experimente. Ich war ein sehr guter Schüler, deswegen konnte
ich mir diese Versuche mit Freunden auch irgendwie leisten, im
Gegenteil, einige coole Lehrer standen insgeheim voll auf diese
Einlagen.
Dann zur Bewegung: Ich war ein motivierter Sportler und
verdanke eigentlich die Grundlagen einer gewissen Kultivierung meines
Körperbewusstseins einigen fordernden und fördernden Lehrern, besonders
einem. Danke noch! Die ersten Tanzschritte und Discoversuche, Pogos und
Ska-Walks praktizierten wir auf Schulparties. Auch die damaligen
sogenannten Freifächer in Bühnenspiel und Jazztanz ermöglichten erste
Bühnenerfahrungen (mit Flirtfaktor). Im Umfeld der Schule muss ich
sicher noch die Dynamiken von Schikursen erwähnen. Als junger
Schilehrer erprobte ich dort zu gewissen launigen Stunden meine ersten
Partydance- und Aerobic-Choreografien und selbstgeschriebene Corporeal
Mime Sketches mit ähnlich kreativen KollegInnen aus. Diese Zeit möchte
ich wirklich nicht missen.
Ich persönlich betrachte meine Schulerfahrungen besonders im Alter
zwischen 15 und 18 Jahren als äusserst wichtig für ein erstes soziales
und kreatives Erproben von Ausdrucksmöglichkeiten. Ausserdem wurde ein geistiges Interesse, das sich später sicher anders
und weiter entwickelte, damals geweckt und auch in gewissen Bereichen
gefördert. Meine späteren Studien betrachte ich eher als Fortsetzung,
als Verfeinerung, als Erweiterung schon damals angelegter Interessen.
corpus: Wie hat sich Dein eigenes Lernen und Forschen entwickelt?
Blaschke: Ein Lernen, das ursprünglich auf geistiger Ebene
geprägt war von Routinen des Studierens, Verstehens und
(vor-)wissenschaftlichen universitären Arbeitens und ein Lernen durch
Übung – Wiederholung – Verbesserung im Leistungssinn in körperlichen
Belangen hat sich im Lauf der Jahre durch eine zunehmende Integration
zu einer, sagen wir, kreativen, offenen und holistischen Lern(sehn-)sucht
geformt, die immer angetrieben wird von der Faszination für einen
Inhalt und von der Notwendigkeit des Durchlebens und Gestaltens desselben.
Der Anteil eines gewissen wissenschaftlich-analytischen Erforschens
verwirklicht sich bei mir im Prozess eines offenen Movement Research,
der permanent neue Tore öffnet und Fragen stellt.
Das genau ist es: Das Stellen von Fragen hat das Suchen nach Antworten immer mehr abgelöst.
Die kreative (Bewegungs-)Lust am Gestalten und das Spielen mit der Form als
künstlerische Motivation paart sich mit dem Drang, auch dem Detail in
seiner Tiefe Raum zu geben.
To understand means to transform what is. (J. Krishnamurti)
Hatte ich früher öfters das Gefühl einer gewissen Spaltung in mir
hinsichtlich unterschiedlicher Interessen und Bestrebungen, so spüre
ich heute immer mehr eine mögliche Integration in der Kunstform der
Bewegung, mitsamt den begleitenden Formaten des Unterrichts und der
Reflexion.
Dafür bin ich dankbar.
Besonders die Auseinandersetzung mir der Feldenkraismethode und
möglicher künstlerischer und philosophischer Implikationen bestärkt
mich immer wieder darin, dass Leben Lernen an sich ist.
Mindestens so wichtig wie die Erarbeitung eines künstlerischen Werkes
(Produkt) ist bei mir stets der Prozess des Forschens und Lernens, der
dorthin führt.
corpus: Wie und warum hast du Dich für diese „andere“, nämlich künstlerische Praxis entschieden?
Blaschke: Ich habe mich nie dafür entschieden, irgendwie
hat sie sich ergeben. Dass ich Künstler werden sollte, war nicht so
klar angelegt, vor-formuliert, im Gegenteil, das war schone eher ein
Hindriften, auch ein Hinarbeiten.
Im Prinzip wollte ich zu einem gewissen Zeitpunkt, oder sagen wir, ab
einem gewissen Zeitpunkt meines Lebens frei sein, das hieß ursprünglich,
zu machen was ich wollte, ohne mich in ein gesellschatliches
Regulationssystem mit Aufstiegschancen eingliedern lassen zu müssen.
Dieser Impuls verschmolz mit einem schon sehr früh verspürten Drang
nach Ausdruck. Dann vergingen aber sicherlich noch lange Zeiträume, um
zu entsprechenden Formen zu finden.
corpus: Welche Möglichkeiten und Herausforderungen bietet Dir Dein eigenes Lernen und Forschen?
Blaschke: Mein eigenes künstlerisches Lernen und Forschen
bietet mir vorerst einmal die Möglichkeit, in gewissem Grade ein Maß an
Freiheit zu spüren, das ich brauche und das für mich Antrieb zu leben
ist.
In Bezug auf mein Arbeitsfeld als Performer, Choreograf und
Tanzpädagoge eröffnet es immer wieder wunderbare neue Synergien und
Begegnungen, die ich nicht missen möchte.
Abgesehen von dem Privileg, durch zahlreiche Reisen in unterschiedliche
kulturelle Zusammenhänge in Verbindung mit der Arbeit am Tanz
einzutauchen, gestattet die Praxisform des sogenannten Freischaffenden
eine permanente Neueroberung von Räumen und Körperwahrheiten, und das
finde ich wunderbar! Lernen, in meinem Fall hauptsächlich durch die
Kunst, ist ein grenzenloses Unterfangen.
Dieser Entwurf bringt für mich die Herausforderung mit sich - manchmal
könnte ich es den Preis nennen - immer wieder Krisen der
Selbstwahrnehmung und der Anerkennung durchzulaufen. Wie oft
(er)schaffen wir uns neu?
corpus: Welches spezifische gesellschaftliche Potential siehst Du in Deiner Künstlerschaft? Und wie siehst Du deine künstlerische Arbeit im Verhältnis zum Schulsystem?
Georg Blaschke: Ich sehe in meiner Künstlerschaft als
Freischaffender eine Kraft, die, wenn sie sich nicht vereinnahmen
lässt, einer Gesellschaft, die auf Kontroll- und Sicherheitsmechanismen
basiert, Gegendynamiken offeriert. Dazu zählen die des kreativen und
bewussten Umgangs mit Körper und Bewegung in erstarrten
Bildungssystemen, aber auch innerhalb erstarrter ästhetischer
Paradigmen. Die direkte Auseinandersetzung, auch Konfrontation mit
Systemen, in die Jugendliche eingebettet sind, ist dafür notwendig.
Ich
persönlich engagiere mich seit Jahren in Projekten für Schulen und
hatte das Glück, immer wieder mit sehr engagierten KollegInnen und
LehrerInnen zusammenzuarbeiten. Die Haupterfahrung dabei ist, dass das
derzeitige System zwar zur Diskussion steht, die wirklichen
Veränderungen aber von den direkt in der Praxis arbeitenden Menschen
abhängen. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Bedeutung des
Schulsystems - auch als Projektionsfläche für allerlei pauschale
Negativbilder - überbewertet wird. Viel dringlicher ist die Frage nach
dem sozialen und kulturellen Hintergrund, den familiären
Konstellationen, den früh angelegten Mustern, den Einflüssen einer
Medien-und Kommerzöffentlichkeit.
Weiters zähle ich zu möglichen Gegendynamiken Umdeutungen des
bürgerlichen Arbeits- und Freizeitbegriffs, was Fragen nach einem
direkten, respektvollen und gleichberechtigten Umgang von Menschen, die
an einer Sache gemeinsam arbeiten, mit einschliesst.
Nicht zu vergessen mögliche Befragungen von Rollen- und Körperbildern und der Genderthematik.
Ich persönlich bin der Meinung, dass eine künstlerische Arbeit und
Lebenspraxis durch die Kunst nicht unbedingt ein deklariert politisches
oder gesellschaftliches Überthema braucht, um das Potential einer
Gegenkraft zu enwtwickeln - wenn diese Praxis authentisch ist.
corpus: Wie siehst Du deine künstlerische Arbeit im Verhältnis zum Kunstbetrieb?
Blaschke: Im Verhältnis zum sogenannten Kunstbetrieb sehe
ich meine Praxis als Pendelbewegung zwischen Abhängigkeit und Ausbruch.
Ich bin überzeugt, dass die Eigenwahrmehmung sehr oft verschieden ist
von der Ausseneinschätzung. Anerkennung, Erfolg und Krise sind Teil
einer Dynamik, die mich immer wieder vor die Herausforderung stellt,
neue oder andere Fragen zu stellen, mich meinen Ängsten zu stellen.
Einschränkungen können manchmal Quelle für kreative Lösungen sein,
manchmal sind sie Windmühlen.
Inhaltlich bezogener Diskurs und unterstützende Freundschaften zählen
für mich mehr als ein Sog des Dabeiseinmüssens. Bewusste und ernsthafte
künstlerische Auseinandersetzung erfordert sehr oft die Hingabe an
einen mit dem Betrieb nicht unbedingt kompatiblen Zeitbegriff.
(2.11.2009)
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