Photo-Performances

Drucken
PERFORMANCES IM HANDTASCHENFORMAT VON SUPERAMAS

Von Judith Helmer

Wo Superamas drauf steht, sind Coolness, Glamour, Sex, Konsum und Kritik nicht weit. Die französisch-österreichische Performancegruppe, deren Name auf Französisch soviel bedeutet wie Galaxienhaufen, schmiedet seit ihrer Gründung 1998 an poppigen Kunstwelten aus auf Hochglanz polierten Exzerpten der (Schein-)Wirklichkeit der Jungen und Schönen. „Superamas bleiben interessiert an den Persönlichkeiten, die nicht ‚nein' zur Schönheit sagen, und die dem Prinzip des Vergnügens nicht widerstehen", meinte das Kollektiv zu der dreiteiligen Arbeit „BIG", mit der die Gruppe international durchstartete.

Um die Oberfläche auszustellen und auszuhebeln, bedienen sich die mit ihren körperlichen Reizen nicht gerade geizenden Performer mit Vorliebe ihrer Methode des „Dé-montrer". Durchgestylte Sequenzen der Live-Performance werden dabei geschmeidig wie ein fehlerlos reproduzierbarer Film angehalten, unterbrochen, overvoiced und wieder und wieder durchgespielt, bis von der fiktiven Authentizität nicht mehr übrig ist als die pure und nie vergehende voyeuristische Lust am Schauen auf all das Schöne.

Image
Foto: Superamas


Wer schon Abläufe auf der Bühne immer wieder zu Stills anhält und quasi zurückblättert, dem kommt das Medium Bildgeschichte natürlich entgegen. So scheint es nur logisch, dass Superamas nun bei Imschoot Uitgevers Photo-Performances herausgebracht haben. Auf Hochglanzpapier tummelt sich in drei handlichen Heften, die in einer schicken Box daherkommen, das typische Superamas-Personal: eine Frau in Lack und Leder als „Catwoman", eine Frau mit langen Beinen und großen Brüsten am Swimmingpool und Frauen auf High-Heels in Miniröcken. Außerdem glatte Guys, die einer amerikanischen Vorabendserie entsprungen sein könnten. Doch was diesen 08/15-Traumgestalten einer oversexten Gesellschaft passiert, wo sie sich aufhalten und wie sie sich artikulieren, entspricht ganz und gar nicht den billigen Drehbüchern der Seifenopern. Superamas verzichtet in den drei Photo-Performances auf derart betonte Mittel zur Schaffung einer Metaebene wie etwa das Zitieren eines Derrida-Textes („I often ask myself the question, why? Why insisting on deconstructing something which is so good? ...") am Ende von „Big, 3rd episode". Der distanzierend-brechende Blick auf die Geschichten wird auch ohne dies deutlich.

In „Catwoman" wird der schöne Schein des Wintermärchens in der Fertighaussiedlung durch ins Bild ragende Mikrophone und Scheinwerfer zerstört. In „The Chamber of Ancestors" prallen historische Liebesgeschichten von Napoleonischen Ausmaßen auf per SMS abgehandelte moderne Beziehungskisten. Und „I have always dreamed of having a cherry tree in the garden" handelt gleich von einer derart überzogenen Dreiecksbeziehung (featuring Jeroen Peeters als „young intellectual in shiny yellow swimming trunks") an einem so unwirklich realistischen Ort (ein Swimming Pool mit belebtem Sandstrand mitten auf dem Grote Markt von Kortrijk), dass die ironische Distanz gar nicht auszublenden ist. So reihen sich die Photo-Performances mühelos in das Oeuvre der Superamas: perfekt gestaltet, mit leichtest zugänglicher Oberfläche, amüsant durch überraschende Wendungen vom Normalen zum Obskuren oder umgekehrt und doch mehr Fragen offen lassend als klärend.

Diese Stringenz ist zugleich Qualität der Marke Superamas wie auch ihr Problem: Ob als Film, Installation, Performance oder Photo-Performance: bei allen Arbeiten handelt es sich um geschickt und intelligent gemachte Variationen des Themas des „Dé-montrer" des Vergnügens und der oberflächlichen Schönheit. Fast könnte man meinen, dass sie eine Abwandlung ihres Derrida-Zitats auf sich selber anwenden und sich so zu fragen scheinen: „Warum? Warum etwas verändern, das so gut ist und so viel Spaß macht?" Und auch eine mögliche Antwort ist bei Derrida zu lesen (und wird im Programmheft zur 3rd Episode zitiert): „The good, the absolute good would be identical with dead." Superamas haben ein Erfolgsrezept gefunden, es bleibt zu hoffen, dass sie sich mit ähnlich überraschenden Wendungen vom für Superamas Normalen hin zum Obskuren immer wieder neu erfinden können.

„Superamas Photo Performance", 148 Seiten, Imschoot Uitgevers (August 2006), ISBN: 9077362525  http://www.superamas.com/


(25.10.2006)