Phrasen und Dreschen

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EINE LECTURE DES GERMANISTEN HELMUT LETHEN ÜBER DIE BLINDHEIT DER AVANTGARDE

Von Elke Krasny


Er ist einer der wenigen deutschen Germanisten, der es geschafft hat, den beengenden Rezeptionsradius der eigenen Disziplin weit hinter sich zurückzulassen und den Horizont für Fragen zu schärfen, in denen das Feld des literarischen Schreibens selbst den Weg weist, exponierter und realitätsinvolvierter zu denken als es eine literaturwissenschaftlich korsettierende Denkdiszipliniererung nahe legt. Mit seinen Mitte der 1990er Jahre erschienenen „Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen“ durchbrach Helmut Lethen, seit 2007 Direktor des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften, dezidiert die Schallmauer der literaturwissenschaftlichen Reichweite und fand genau damit beachtliche Resonanz.

Mehr wissen zu wollen, ein Mehr als das gegebene Wissen zu begehren, ist einer der möglichen Ursprünge für den gedachten Ort, von dem aus Theorie beginnt, sich zu motivieren, ihre Aktivitäten zu entfalten. Die ästhetische Produktion, seit dem 18. Jahrhundert mit dem Erbe des aufklärerischen Impetus eines besseren, denkbaren Ortes, eines utopischen Potenzials, einer Verschränkung mit dem Gesellschaftlichen und dem Politischen ausgestattet, kann in der theoretischen Reflexion dazu dienen, diesen Verschränkungen kritisch nachzugehen. Dieses kritische Nach-Denken führt Lethen dazu, von der Blindheit der Avantgarde in ihrer Verstricktheit in das eigene Schockmoment, das die politischen und gesellschaftlichen Folgen und Verstrickungen des Ästhetischen ins Bedenkliche kippen lässt, auszugehen und dieser theoretisch nachzugehen.

Verkörperung bis hin zum Schmerz

Das Nach-Denken ursprünglich aus einem Hinhören auf das, was die Sprache nahelegt, entwickeln zu lassen, betrieb Lethen auch in seinem Vortrag am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. In seiner Umkreisung der Blindheit der Avantgarde, gemeint ist die erste Avantgarde, die historische Avantgarde zwischen 1910 und 1930, führt Lethen die Phrase als sensitive Figur der zeitlichen Fassung ein. Die Phrase mutiert zur Einheit der Theoriebildung. Wie weit sind Avantgarden ihren Phrasen nachgegangen? Der eigenen Phrase nachzugehen, bedeutet Selbstverpflichtung auf die Verkörperung der eigenen Phrasen, bis hin zum Schmerz, bis hin zur Intensität der Unumkehrbarkeit. Es sind die Themen, die in der Phrase stecken. Die „parole“, die „wahren Sätze“, von denen Lethen spricht, legt die Phrase ebenso nahe. In der möglichen Entfaltung der Vieldeutigkeit der Phrase, von der kompositorischen Denkeinheit bis zur denkreduktiven „Drescherei“ derselben.

Phrássi, auf altgriechisch Satz, bezeichnet eine in sich geschlossene Figur. Mehrere Phrasen bilden dann eine Periode. Die pejorative Konnotation der Phrase lässt sich metaphorisch wie kritisch mit der Blindheit des Vortragstitels zusammendenken. Welche Phrase? Welche Blindheit? Welche Blindheit gegenüber den eigenen Phrasen? Was wäre eine Phraseologie der Avantgarde als Verpflichtung einer kritischen Reorientierung ihrer Entstehung als Kontextualisierung in der Zeit- und Ideengeschichte?

Die Erfahrungen des ersten Weltkriegs sitzen tief. Getrieben von Todesangst und politischem Existenzialismus, von Katastrophenstimmung und Katastrophenrealität, umkreisen die Avantgarden zwischen Schock und Lebensnähe ihre ureigenste Position. Übersetzt man sich die Phrase in eine alltagssrpachliche Nähe, so gewinnt sie in die Nähe des Vortragstitels gerückt eine kulturpolitische Brisanz.

Auseinandersetzung ohne Illusionen

Die Blindheit der Avantgarde in der Wissensproduktion der kulturtheoretischen Auseinandersetzung als zentrale Reflexionposition für die Lehr-Stelle/Leer-Stelle zu positionieren, bedeutet eine Kritikfigur zu etablieren, die von den herkömmlichen ungebrochenen Metaerzähllinien abrückt. Die Nähe von Kunst und Leben gewinnt an der mehr als brüchigen Position von Gottfried Benn, die Lethen zentral in seinem Vortrag untersucht, eine frappierende Konsequenz, die als andere Verflechtung und Verstrickung zu denken ist. Kritik zu verkörpern, Gegenentwurf prototypisch, vor-lebend, künstler-mythisch zu sein, das ist verkürzt pointiert, das immer noch herkömmliche Interpretationsparadigma des Weiterschreibens der Avantgarden in ihrer Historisierung durch die Kunsttheorie, durch die Kulturwissenschaft. Das Herkömmliche auf der kritischen Überholspur ebenso elegant wie elitär überholt zu haben, ist das sensitive Surplus, das der Avantgarde gerne als Vermächtnis durch die Zeit attribuiert wird. Genau dies tut Lethen in seiner ebenso pointierten wie illusionslosen Auseinandersetzung mit Gottfried Benn nicht. Bereits 2006 ist Lethens Buch „Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit“ erschienen.

In seinem kritischen Re-Reading, das den Vortrag zentral durchzieht, wird die Blindheit zur Leitmetapher. Es ist die Blindheit der Avantgarde sich selbst gegenüber, die er als zentralen Ort ausmacht. Rezipiert man diese Denkfigur topographisch, als Ort des Denkens, von dem aus die Avantgarde als Position kritisierbar werden kann, dann ist es das Leben, das die Blindheit vor sich hergetrieben hat. Die Realitäten, die Ideologien, die zweifelhaften politischen Verstrickungen, die Parteinahme für den Faschismus, die dubiosen Faszinationen: Sie alle markieren Blindheiten als Vielheit von Blindheit, die in der Verbindung von Kunst und Leben zur fatalen, konservativen Verstrickung wird.

Lethens Vortrag lud zum genauen Hinhören ein, setzte auf die Resonanz der ZuhörerInnen. Indem er die Blindheit einkreiste, umkreiste, inhaltich ortete, setzte er markant auf den Hörsinn derer, die er zum Nach-Denken einlud, was ihm auch gelungen ist.


(13.1.2009)