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WIE WÜRDIGUNGEN AUCH IN EINE ZUKUNFT FÜHREN KÖNNTEN
Von Helmut Ploebst
Schon heute beginnt die Zeit der Nachrufe, der Aufarbeitungen und der ersten Neueinschätzungen ihres Werks, ihres Gewichts in der zeitgenössischen Choreografie. Pina Bausch ist an diesem Dienstagmorgen, dem 30. Juni 2009, einem Krebsleiden erlegen, vier Wochen vor ihrem 69. Geburtstag.
Sie war am 27. Juli 1940 in Solingen als Tochter eines Gastwirts geboren worden, hatte mit 14 Jahren an der Folkwangschule unter Kurt Jooss Tanz zu studieren begonnen. Nach Aufenthalt und Engagements in den USA kam sie 1962 nach Deutschland zurück, tanzte bei Jooss' neugegründetem Folkwang Ballett, dessen Leitung sie 1969 übernahm. Seit 1973 leitete sie das Tanztheater Wuppertal.
In einem ersten, von der Deutschen Presseagentur übernommenen Nachruf schreibt die Online-Ausgabe der Wochenzeitschrift „Die Zeit":
„In Wuppertal erregte sie zuerst mit ihren Tanzversionen von Gluck-Opern und Strawinskys Sacre du Printemps Aufsehen. Ihre radikale tänzerische Umsetzung der Bartók-Oper Herzog Blaubarts Burg (1977) wurde von einem wütenden Publikum seinerzeit mit Türenknallen quittiert.
Choreografie, Kostüme und Musik der Bausch-Produktionen brachen radikal mit gängigen Vorstellungen. Getanzt unter ihrer Leitung wurde mitunter in knöcheltiefem Wasser, auf Torf oder zwischen Plastik-Nelken. In der Öffentlichkeit äußerte sich Bausch selten zu ihren Produktionen. Sie blieb bei Premierenfeiern lieber kettenrauchend im Hintergrund.“
Sie war eben anders. Mochte sich nicht in die Karten schauen lassen, gab kaum Interviews, liebte ihre Zigaretten trotz allem Gesundheits- und Jugendwahn im Tanz. Wenn jemand unter den Größen der Choreografie der vergangenen Jahrzehnte nicht eitel war, dann Josephine „Pina“ Bausch.
Das Synonym Tanztheater
Auf „Spiegel Online“ sind bereits erste Reaktionen auf ihren Tod zu lesen, darunter die des deutschen Bundespräsidenten und die des Regisseurs Wim Wenders:
„Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete Bausch als eine ,wundervolle Künstlerin‘. Mit ihr verliere Deutschland eine Tänzerin und Choreografin von Weltrang und nicht zuletzt eine herausragende Repräsentantin der Kulturnation, schrieb Köhler an Rolf Salomon, den Sohns Bauschs. Die ungezählten Auszeichnungen, die ihr zuteil wurden, zeugen von ihrem großen Lebenswerk. Wir alle sind bestürzt über die Nachricht von ihrem frühen Tod.‘
Regisseur Wim Wenders zeigte sich erschüttert vom plötzlichen Tod der Choreographin: ,Pinas plötzlicher Tod ist ein großer Schock – für ihre Familie, für ihre Tänzer und Mitarbeiter, für ihre Freunde und für alle Menschen, die von ihrem Tanztheater berührt und beseelt waren‘, sagte er nach Angaben der Agentur ,Just Publicity‘. ,Ihre Arbeit war und ist und bleibt einmalig. Ihre Kunst hat unsere Zeit bereichert und reflektiert wie kaum eine andere. Ich bin untröstlich, dass wir unseren so lange geplanten gemeinsamen Film zu spät angegangen sind.‘ Wenders (...) hatte einen 3D-Film über Bausch geplant. Drehbeginn sollte im September sein.“
Der Präsident hat schöne Worte gefunden, aber nicht die Auszeichnungslawine, die über Bausch gekommen ist, zeugt von der Bedeutung ihrer Arbeit, sondern vielmehr ein Sprachphänomen: daß sich sich mit dieser Arbeit die Bezeichnung „Tanztheater" in den 80-er Jahren als Überbegriff für zeitgenössischen Tanz etablieren konnte. Und Wim Wenders’ so nun nicht mehr realisierbarer Film wäre sicherlich ein historisches Dokument über die Verarbeitung choreografischen Schaffens für das Kino geworden.
Daß „Tanztheater“ nun nicht mehr synonym für den Tanz von heute verwendet werden kann, ist Bauschs künstlerischer Konsequenz nicht anzulasten. Sie ist sich und ihrem großen Projekt einfach treu geblieben, und in der Reflexion ihrer letzten Arbeit wurde angemerkt, daß dieses Werk etwas selbstreferentiell geraten sei:
„Pina Bausch zeigt im Wuppertaler Opernhaus ihr ,Neues Stück‘. Die weltberühmte Tanztheaterchefin kann sich wirklich alles leisten, das Publikum verzeiht selbst Unfertiges, wenig Durchdachtes und Recycling. Das ,Neue Stück‘ filetiert ältere Bausch-Choreographien und nutzt sie neu. Vor allem bei den Soli der Frauen schleicht sich ein ,déja vu‘-Erleben ein." (wdr.de, 15. Juni 2009)
„Die Zeit" hingegen streicht eine besondere Qualität im Œuvre von Bausch heraus, die bezeichnend für die dominierende Rezeptionshaltung in der deutschen Tanz- und Theaterlandschaft ist:
„Das Stück verzichtet auf eine dramatisch gestützte Handlung, ohne einen wirklichen Plot reiht Pina Bausch, die noch mit fast 69 Jahren inszeniert und choreografiert, Episoden, tänzerische Abläufe und theatralische Bilder assoziativ aneinander. Das führt dazu, dass sich der Zuschauer in jedem Bild selbst etwas suchen, und selbst Assoziationen zu den Bildern hinzu denken darf und muss. Nichts ist nicht zu verstehen, weil sich alles auch aus der eigenen Erfahrung schöpft." (Zeit Online, 30. Juni 2009)
Diese gewagte These wird sich in weiteren Nachrufen wiederfinden, und sie wird so irreführend sein wie die meisten Erklärungen dafür, warum eine Künstlerin oder ein Künstler ein größeres Publikum anzusprechen vermag. Zu Beginn ihrer Karriere war da gar kein Verständnis, und in Deutschland wurde auf Bausch gespuckt, und es gab nächtlichen Telefonterror. Bauschs Anerkennung erfolgte auf Basis einer heftigen ästhetisch-politischen Auseinandersetzung, wie sie nicht nur im Tanz periodisch wiederkehrt.
Sie verdient Besseres als bloße Monumentalisierung
Tatsache ist auch, daß die unmittelbare Bedeutung ihres Werks für die zeitgenössische Choreografie mit Beginn der 90-er Jahre schwand und daß dies zugleich der historischen Figur Pina Bausch nichts anhaben kann. Im Gegenteil, es ist zu vermuten, daß früher oder später das „Tanztheater“ wieder neu aufgenommen und interpretiert wird wie auch der „Expressionismus“ (der im Deutschen mit der Last des Begriffs „Ausdruckstanz“ geschlagen ist). Historische Referenzmodelle sind wichtig in der Kunst, weil sie ein Wissen beinhalten, mit dem auch Statements zu einer ganz aktuellen Gegenwart aufgeladen sein können. Gerade der Tanz in seinem gegenwartsverhafteten Spannungsfeld der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem muß selbstverständlich immer wieder neu gedacht werden.
Demgemäß ist Pina Bauschs Tod ein Markierungspunkt, der zum einen den Tod des „Tanztheaters“ alter Schule bezeichnet, diese Schule aber wieder zu einem offenen Projekt macht, auf das auch von außen zugegriffen werden kann – und soll.
Es wäre also schön und wichtig, wenn sich in der Menge der nun in Arbeit befindlichen Würdigungen auch ein zeitgemäßes Denken widerspiegelte. Wenn aus Bausch – wohl ganz in ihrem Sinne – nicht ein sakrales Tanzmonument herbeigeschrieben, sondern die Gabe von Referenzen sichtbar gemacht würde, die sie hinterläßt. Wenn diese Künstlerin nicht auch metaphorisch zu Grabe getragen würde, sondern ihre Arbeit als Schatz, als Bezugsfeld freigelassen und so in eine lebendige Zukunft geführt werden könnte. Und das nicht durch eine platte „Wiederentdeckung", sondern in einem neuen Nachdenken darüber, was alles dieses Werk ermöglicht, das den Gegenwartschoreografen vielleicht heute noch als versperrt gilt.
Das „Neue Stück“ von Pina Bausch hatte erst Mitte Juni Premiere, und es bleibt unabgeschlossen. Der Symbolcharakter dieser Unabgeschlossenheit ist für den sich wieder zunehmend auf „abgeschlossene“ Arbeiten fokussierenden Tanzmarkt ein wichtiger, ein korrektiver Hinweis. Dieser Verstorbenen angemessen zu gedenken, heißt vor allem, solche Hinweise zu entdecken und öffentlich zu machen.
(30.6.2009)
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