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TANZ ZWISCHEN KARAJAN, MIGRATION UND PARKOUR
Bewegung
ist das Thema der sommerszene 08. Deren Intendant Michael Stolhofer und
die Kuratorin Bettina Kogler haben gemeinsam mit der Dramaturgin Kate
Mattingly einer neuen Politik der Bewegung im Tanz nachgespürt. Ihre
Faszination für das Phänomen drückt sich auch auf dem Cover des
Programmbuches aus: das Kraftfahrzeug als Synonym für Bewegung. Ernst
Vogel steuert hier einen Porsche 718 RSK in angespannt gebückter
Haltung windschnittig über die regennasse Bergstraße zum Sieg beim
Gaisbergrennen 1959. Mit Stolhofer und Kogler sprachen Judith Helmer
und Helmut Ploebst für corpus über Konzept und Programm der sommerszene mit dem
Titel „Tanz“.
corpus: Wie kam es zu diesem Cover?
Stolhofer: Wir haben versucht herauszufinden, wie sich das Thema Bewegung mit unserer Stadt, der Stadt Salzburg verbindet. Das ist zunächst paradox, hat doch Salzburg den Stillstand als ökonomische Grundlage und als von daher notwendiges Beharrungsmoment. Es gibt keine Bewegung, die von Salzburg ausgeht. Es ist eher umgekehrt so, dass Bewegung immer in die Stadt hineingetragen wird. Zwei Ausnahmen von dieser Regel haben wir jedoch gefunden: Herbert von Karajan und die Tatsache, dass vor 60 Jahren die ersten Porsches kurzzeitig in Salzburg zusammengebaut wurden.
Kogler: Auch ein Bild von Karajan im Porsche hätte sich als Motiv angeboten.
Stolhofer: Das wäre gar nicht unlustig gewesen, wenn man dazu einen kurzen Ausflug in die Geschichte des Festivals machen möchte: Wir haben ja immer wieder Dinge getan, die nicht unbedingt ganz mit dieser Stadt im Einklang gestanden sind. Ende der 1980er Jahre, als Karajan noch die Festspiele geleitet hat, gab es quasi ein Auftrittsverbot für Nikolaus Harnoncourt in der Stadt. Es hielt sich das Gerücht, dass Karajan deswegen so sauer auf Harnoncourt war, weil dieser in einem Interview meinte, Karajan sei der Rennfahrer unter den Dirigenten - in Referenz auf dessen berühmte Fahrten im Porsche, aber auch auf die Tempi seiner Interpretationen. In unserer Zusammenarbeit mit Friedrich Gulda, die einige Jahre währte, haben wir dann Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europe und Gulda als Solisten am Tag der Eröffnung der Salzburger Festspiele auf den Domplatz gesetzt. Das hat Karajan derart entrüstet, dass er am nächsten Tag nach Wien zu der damaligen österreichischen Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Sport Hilde Hawlicek gefahren ist und verlangte, dass man uns die Subventionen entzieht, sonst würde er die Stadt verlassen. So wichtig waren wir also damals... Die Fortsetzung der Geschichte war, dass Gulda sein Engagement bei den Festspielen mit einem Brief abgesagt hat, in dem er schrieb, dass ihm die Mädels auf Ibiza wichtiger seien als das Publikum der Salzburger Festspiele.
Über Technik, Sport und Tanz
corpus: Von der Vergangenheit zurück in die Zukunft: Helmut Ploebst nimmt in seinem Essay für das Programmbuch der sommerszene Bezug auf den „normierten Präzisionskörper der Ballerina“, und die Dramaturgin Kate Mattingly schreibt über die Faszination an dem Unvorhersehbaren, das der Körper ermöglichen kann, als einer Quelle der Kraft und Schönheit - wobei es sich hier um ein Zitat des Läufers Bannister handelt, der 1954 den Vierminutenrekord auf eine Meile gebrochen hatte. Jetzt haben wir also einerseits die Technik (des Porsche), zum anderen Sport und Tanz, und zum dritten Geschwindigkeitsrausch, Hochleistungspräzision und Grenzüberschreitungserfahrung. Ist das die Trias, die Euch in der Programmierung als eine Möglichkeit interessierte, über die Abgrenzung des einen vom anderen das Wesen von Bewegung in seiner Vielfalt zu umkreisen?
Kogler: Ja, sicher sind die Unterschiede in diesem Spannungsfeld interessant. Gerade das Ballett interessiert uns, weil das eine der rigidesten Bewegungsformen aus der Perspektive des westlichen Tanzes ist. Doris Uhlich bricht in ihrer Produktion „Spitze“ mit den typischen Körperbildern des Balletts und schafft es zugleich, die Leidenschaft der Tänzer für diese Tanzform zu transportieren.
Stolhofer: Dabei ist es auch spannend zu sehen, welche gesellschaftliche Relevanz eine Persönlichkeit wie Susanne Kirnbauer, die in den 70-ern Erste Solotänzerin am Wiener Staatsopernballett war, hatte. Diese Relevanz scheinen Tänzerinnen und Tänzer heute nicht mehr zu haben. „Spitze“ ist also auch eine Referenz zu einer Zeit, in der Tanz für ein größeres bürgerliches Publikum mehr geheißen hat als heute.
Kogler: Kirnbauer ist die Linda Evangelista des Balletts - so etwas wie ein Supermodel, was ja auch ein Zeitphänomen ist. Ballett ist ein Phänomen unserer Zeit, das auf einem historisch begründeten Kanon beruht. Dieser Kontakt des Zeitgenössischen mit dem Ballett ist ein zentrales Thema des Festivals. Historisch gesehen, hat die Verbindung Choreografie-Bewegung sehr unterschiedliche Beziehungen durchgemacht. Es gab eine konstante Entwicklung, in der Choreografie und Bewegung immer miteinander verbunden sind. In den letzten Dekaden konnten wir allerdings beobachten, wie diese Verbindung auf einer bestimmten ästhetischen Ebene bewusst gekappt wurde: in der choreografischen Performance, die sich der tänzerischen Bewegung verweigerte. André Lepecki führt das in seinem neuen Buch sehr schön aus: Tanz-Bewegung, Choreografie-Bewegung, Moderne-Bewegung - und all das seit der Romantik. Da gibt es vielfache Berührungspunkte mit inhärent einer starken politischen Aussagekraft.
Stolhofer: Wir erleben einen großen Austausch von Körperlichkeit und Bewegung als Phänomen unserer Gesellschaft auf der einen Seite und Erscheinungen, die sich im Tanz finden, auf der anderen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde versucht, in den Tanz so gut wie alles, was ihm „fremd“ war, hineinzutragen: Dinge, die sich bewegten oder Dinge, die sich überhaupt nicht mehr bewegten.
corpus: Das politische Element in dem Zögern weiterzutanzen, das wir in den 90-er Jahre beobachtet haben, lag ja darin, dass man sich auf die Frage konzentrieren wollte, was Repräsentation im Tanz ist. Das wurde bis dahin nicht wirklich hinterfragt, vor allem in den Ästhetiken, die vorgaben, sich nur auf die tänzerische Bewegung zu konzentrieren.
Stolhofer: Dieser Diskurs hat mit dem Tanztheater von Pina Bausch begonnen, in dem die Repräsentation eine ganz andere Form angenommen hat und andere Stilmittel gesucht wurden. Wie der Terminus Tanztheater schon sagt, sollten darin zwei Dinge verbunden werden. Das hat sich weiterentwickelt, und zwar immer weiter weg von dem terminologischen Konsens mit der Umgangssprache, dass Tanz etwas mit Bewegung zu tun habe.
Kogler: Dabei geht es allerdings immer noch um die Behauptung der Disziplin, eine eigene Kunstform zu sein. Der bestehende Diskursmangel ist in rasanter Weise aufgeholt worden. Viele Punkte aber mussten und müssen weiter diskutiert werden.
corpus: Wenn man von Bewegung spricht, ist es immer gut zu unterscheiden, ob sie auf einem klaren Begriff von Tanzbewegung basiert oder auf anderen Kontexten. Wenn man das Cover des Programmbuchs noch einmal anschaut, kann man auch fragen: „Was ist choreografisch an einem Autorennen?“
Stolhofer: Daher führen wir auch heuer erstmals wieder seit Jahren den Begriff „Tanz“ als Festivaltitel. Um aber einen komplexeren Blick zu symbolisieren, haben wir die Buchstaben gespiegelt. Damit nur nicht diese eindeutige Zuordnung passiert oder gar der Verdacht entsteht, wir wollten Tanzromantik betreiben. Wir versuchen zum Kern vorzustoßen, indem wir uns möglichst weit um ihn herum drehen.
Eine neue Form der Konzentration auf Bewegung
corpus: Der Bogen reicht von Ballett bis Parkour, und Diskurs steht neben Kanon. Wie können in dieser Fülle die nötigen programmatischen Reibungen für ein Festival entstehen?
Stolhofer: Die erste Präzisierung, die wir vorgenommen haben, war der Fokus auf Bewegung.
Kogler: Wobei wir ein weit gefächertes Verständnis von Bewegung haben. Themenblöcke wie Migration, Tourismus und Parkour zeigen die gesellschaftspolitische Komponente des Bewegungs-Feldes.
Stolhofer: Wenn man Bewegung als Kernthema dieses Tanzfestivals definiert, dann ist das eine weitgehend allgemeinverständliche Geste. Es ist an jeder Arbeit festzumachen, dass es dabei um einen bestimmten Zugang zu Bewegung geht. Nicht als kleinster gemeinsamer Nenner jedes Tanzes, sondern als das Kennzeichen dieses Festivals. Wir haben ja die Verweigerungen der letzten Jahre gegenüber der tänzerischen Bewegung lustvoll mitgemacht. Das Programm versucht nun dort anzuknüpfen, wo die Leute sich richtig bewegen. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir den Bühnenraum wieder ernst genommen haben. Die Schlüsselproduktionen finden auf der Bühne statt.
Kogler: Wir fragen uns schon lange, wo die Visionen für die Entwicklung der Sparte liegen. Es gibt Indizien dafür, dass es da in einer neuen Form eine Konzentration auf Bewegung geben könnte. Dem sind wir detektivisch nachgegangen: Die neue Auseinandersetzung mit Bewegung findet in verschiedenen Teilen Europas statt. Beispiele sind etwa das junge Kollektiv Les Slovaks, das mit großer Virtuosität der Bewegung nachgeht, oder Frédéric Gies und Isabelle Schad in Berlin, oder in Wien Anne Juren. Sie betrachten Bewegung in einer anderen Form: diese kann stark virtuos sein beziehungsweise analytisch - oder beides verbinden.
corpus: Virtuosität ist also kein No-Go mehr?
Stolhofer: Virtuosität war im zeitgenössischen Tanz verpönt und ist es in hohem Maße immer noch. Wenn man die Jungen beobachtet, ist zu sehen, dass sie sich den Kriterien Virtuosität und normierter Präzision erst einmal verweigern wollen.
corpus: Das rührt ja immer noch aus den Ideen der 60er und 70er Jahre, aus einer politischen Opposition gegen den Zwang zur Virtuosität. Obwohl diese Tendenz auch wieder eine Gegenströmung hatte, mit Wim Vandekeybus, der eine eigene Schiene des Supervirtuosen entwickelt hat. Und vielen jungen Tänzerinnen und Tänzern fällt auf die Frage, wo sie tanzen wollen, zuerst Ultima Vez ein. Die Leidenschaft für das Virtuose ist sehr lebendig.
Kogler: In Vandekeybus' Periode war diese Leidenschaft ganz stark verknüpft mit der Suche nach einer jeweils eigenen Tanzsprache. Jeder Choreograf wollte sein eigenes ABC. Ich würde sagen, dass das jetzt nicht mehr ganz so wichtig ist...
Stolhofer: ...oder dass die Identitätsstiftenden Momente eher in der Konzeptualität als in der Tanzsprache liegen, eher in der Idee als in ihrem Erscheinungsbild.
Blind Date in Europe
corpus: Im Festival fasst Ihr den Begriff Bewegung bewusst sehr weit, nämlich auch in seiner gesellschaftspolitischen Relevanz. Die Frage steht im Raum, inwiefern wir wirklich eine so mobile Gesellschaft sind, wie immer behauptet wird. Beschränkt sich diese Mobilität nicht auf das Virtuelle, und sobald den realen Körper betrifft, wird Grenzüberschreitung nach ökonomischen und politischen Kriterien restriktiv gehandhabt?
Stolhofer: Der Künstler David Voggenhuber hat das wunderbare Bild „Blind Date in Europe“ gezeichnet, das den Anstrum auf die Südgrenze der EU zeigt und den Stillstand, den diese Bewegung dort erfährt. Das machen wir zur zeichnerisch-plastischen Intervention, denn wir hängen es über die seitliche Fassade unseres „republic“-Gebäudes. Dieses Thema ist gesellschaftlich aus dem Fokus gerückt, nur ein kleiner Rand ist auf der Front zu sehen - so auch bei uns.
Kogler: Auch der deutsche Kulturwissenschaftler Mark Terkessidis beschäftigt sich in seinem Vortrag „Fliehkraft“ bei uns mit dem Thema Bewegung im Zusammenhang mit Tourismus und Migration. Touristen und Flüchtlinge kommen oft an dieselben Orte, an Küsten. Aber es gibt kein Zusammentreffen, da die Bewegungen der beiden Gruppen ganz verschiedenen Bedingungen folgen. Das finde ich spannend: Wie Körper in ihrer unterschiedlichen Mobilität und Bewegung wahrgenommen werden oder eben auch oft nicht. Matsune und Subal etwa untersuchen das Phänomen des globalen Tourismus. Sie reisen durch 24 Nationen und stellen sich vor das jeweils wichtigste politische Gebäude der Hauptstadt. Dort verharren sie eine Stunde lang in einer Fotopose. Das Ergebnis bringen sie in Form der Installation „One hour standing for“ in einen unserer Veranstaltungsorte, die Kavernen im Mönchsberg. Diese Videos zeigen die Unmöglichkeit des Stillstands. Und die Unmöglichkeit des Fortbestandes. Die merkwürdigsten Monumente werden da zu sehen sein, die für uns keine Bedeutung haben mögen, aber in ihrem jeweiligen Land ein nationale Wichtigkeit haben - beliebig und konstruiert, aber von Bedeutung.
Stolhofer: Architektur, die verkörpert: Du brauchst die stillstehenden Referenzpunkte, sonst gibt es keine Bewegung. Sonst ist Bewegung nicht definierbar. Die beiden stehen, also die Monumente und die Künstler, und alles um sie herum bewegt sich.
corpus: Das erinnert an die ägyptischen Pyramiden. Bewegungscontainer, die die dort Begrabenen für ihr Leben nach dem Tod bereithalten sollten. Aber die Grabräuber waren die Boykotteure des Stillstandes, sie haben die Grabkammern ihrer Schätze und die Gebäude damit ihres Sinns beraubt. Eine weitere möglicherweise politische Komponente im Programm ist die Präsentation des Parkourläufers Moses Kallweit und seiner Londoner Kollegen, Cable und Blake. Was sind sie für Euch?
Kogler: Extremsportler. Die drei, die wir zeigen, haben gemeinsam in London die Parkourszene begründet. Sie setzen sich über die städtischen Hindernisse hinweg als gäbe es sie nicht. Mauer, Zäune und so weiter sind nur dazu da, überwunden zu werden.
Stolhofer: Im ersten Moment verstehen die Parkourläufer oder Traceure ihren Sport als Körperdisziplin, die mehr im Training besteht als in einer performativen Vorgangsweise. In einem zweiten Schritt waren sie natürlich mit dem, was sie getan haben, die Oberfläche für ganz viele und haben sich teilweise auch selbst als Leute interpretiert, die ein bestimmtes Freiheitsmoment symbolisieren.
Kogler: Und der Ursprung ist politisch. David Belle, der als erster mit Parkour angefangen hat, übernahm das Bewegungsmaterial von den Fluchtbewegungen seines Vaters im Vietnamkrieg. Der Vater ist querfeldein davongelaufen. Die Erzählungen seines Vaters von dieser Flucht waren sein Ausgangspunkt, er hat die Technik auf den urbanen Raum übertragen.
Blick in den Orkus der Virtuosität
corpus: Durch den Hintergrund eurer früheren Arbeit als Kuratoren könnt Ihr Euch dem Ballett und dem Virtuosentum zuwenden, ohne den Vorwurf zu provozieren, epigonal zu sein. Das scheint mir eine echte Chance zu sein, der Zeitgenossenschaft dieser Phänomene nachspüren zu können.
Kogler: Es ist keinesfalls ein konservatives Programm. Wir haben sehr ernsthaft versucht zu schauen, wohin sich die Disziplin bewegt. Wir arbeiten mit dem, was war und ist, aber die Blickrichtung ist nach vorne.
Stolhofer: Etwa die Präsenz von Susanne Kirnbauer auf einer Bühne nach 25 Jahren der Absenz ist ein gutes Beispiel. Keine Verklärung der Vergangenheit, sondern Ankommen in der Gegenwart. Oder Jean-Luc Ducourt, der mit dem Ballettvokabular ganz bewusst Material gebraucht, das ein Synonym für Bewegung schlechthin ist, und in „works by 3/1“ versucht er, das neu zu zeigen.
(25.6.2008)
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