MICHAEL O’CONNOR & DEBORAH HAY HABEN "NEWS"
Von Astrid Peterle
Die Tür fliegt auf, Auftritt für Jai Jai Sincere in Glanz und Glamour. Das Publikum, das um Mitternacht bereits etwas müde gewirkt hat, meldet sich im Nu johlend als hellwach zurück. So hat man es gerne: den Auftritt einer Drag Queen, aufgedonnert und mit Plüschpelzstola behangen, treibende Discomusik, Sexyness in jeder Bewegung.
Doch Michael O’Connors Alter Ego entzieht sich nach seiner fulminanten Anfangssequenz den Erwartungshaltungen des Publikums. Jai Jai Sincere tut dies, indem sie auf der Bühne des Kasinos am Schwarzenbergplatz nicht etwa Burlesque oder Gogo tanzt, sondern eine Choreographie von Deborah Hay. Die Grande Dame des Postmodernen Tanzes in den USA hat im Jahr 2006 für O’Connor ein Solo mit dem Titel News choreographiert. Dieses gibt O’Connor nun an sich selbst als Drag Queen weiter, wobei er dies als einen politischen Akt auffasst. „Tanzen ist politisch. Als Drag Queen zu tanzen ist revolutionär“, so Jai Jai Sincere im Programmheft. Revolutionär mag im blutigen Sommer des „Arabischen Frühlings“ als Begriff etwas hochgegriffen wirken, aber unter dem Aspekt des Politischen lässt sich das halbstündige Solo vortrefflich auf verschiedenen Ebenen betrachten.
Die Thematisierung des gegenwärtigen politischen Geschehens oder gar der Tagespolitik ist die Sache der zeitgenössischen Choreographie nicht. Anstatt aktuelle Ereignisse auf plakative Weise zu verarbeiten und damit einem herkömmlichen Begriff von Politisch-Sein zu folgen, werden meist eher subtile Verweise zu gesellschaftlichen, medialen und akademischen Diskursen hergestellt. Daher ist davon auszugehen, dass sich das tanzgeschulte Publikum kaum „politischen Aktivismus“ oder Kommentare zu „Libyenkrieg, Schwulenrechten oder Subventionskürzungen“ – alles Themen, die laut Programmheft Jai Jai Sincere kaum beeindrucken – erwartet hat. Warum nun aber wurde die Performance als „experimentelle Neukombination von Persönlichem und Politischem“ (Programmheft) angekündigt?
Kopien einer Kopie
Zwei Stellen während der Performance geben sich eindeutig als Verweise auf das Persönliche und das globale politische Geschehen zu erkennen: Während Jai Jai Sincere über die Bühne taumelt, ihre Bewegungen eher Andeutungen und Versuchen als der präzisen Ausführung einer Choreographie gleichen, hält sie immer wieder inne und spricht, mit melancholisch-gleichgültigem Blick, Richtung Publikum. „I got a new e-mail – my brother thought I was a shemale.“ Es ist dies nur eine kurze, in ihrer ironischen Verpackung fast überhörbare Anspielung auf das Persönliche, die auf das komplexe Thema des „Outings“ in der unmittelbaren sozialen Umgebung, in der Familie hindeutet.
Gegen Ende der Performance spielt Jai Jai Sincere mit dem Wort Tsunami, aus dem nach minutenlanger Wiederholung und Reduzierung der einzelnen Silben ein „mi, mi, me, me, me…“ wird. Dieser Wink auf Japan wirkt, vielleicht intendierterweise, leicht bemüht – politisch wird die Performance dadurch noch nicht. Es sind weniger die eindeutigen Momente als der generelle Auftritt, das Verhalten, die Bewegungen und die Blicke Jai Jai Sinceres, die die Performance, nicht nur aus einer feministischen und queeren Perspektive, politisch spannend machen.
Jai Jai Sincere führt uns durch die Umlegung der Choreographie auf ihren queeren Körper und ihr Bewegungsarchiv ein ständiges Scheitern vor. Es ist das Scheitern der Drag Queen an jenem Ideal beziehungsweise vermeintlichen Original, an dem sich ihre Gender-Performance orientiert. Nach Judith Butler sind Drag Queens und Drag Kings, wenn sie binäre bzw. heterosexuelle Geschlechterkonventionen wiederholen, nicht, wie herkömmlich angenommen, Kopien eines Originals, sondern vielmehr Kopien einer Kopie. Das vorgebliche Original erweist sich als „unvermeidlich verfehlt“, als „ein Ideal, das niemand verkörpern kann.“ [1] Diese Uneinholbarkeit des Ideals, das ständige Scheitern im Verkörpern des Geschlechterideals, entlarvt die binäre Geschlechterkonstruktion. Michael O’Connor führt uns dieses Scheitern vor, was aber nicht heißt, dass seine Performance scheitert.
Vielmehr gelingt es ihm, durch seine Performance als Jai Jai Sincere zur Reflexion über Geschlechterkonventionen und -erwartungen anzuregen, nicht nur im Allgemeinen, sondern vor allem auch im hiesigen respektive europäischen Feld des zeitgenössischen Tanzes und der Choreographie. In diesem lässt sich ein zaghaftes, aber stetig wachsendes Interesse an queerer und feministisch motivierter Performance erkennen. In den USA tritt dieses Interesse bereits deutlicher auf die Bühne, wie einige Performances des diesjährigen Impulstanz-Programms unschwer erkennen ließen (etwa bei Ivo Dimchev oder mit Trajal Harrells Twenty Looks-Reihe). Es bleibt zu hoffen, dass das vermehrte Aufkommen queerer Choreographien dazu führt, dass die auch in diesem Feld dominanten binären Normen und Konventionen von Geschlecht in Frage gestellt und subvertiert werden. TänzerInnen besitzen dazu eine unschlagbare Waffe – den Körper. Mögen noch viele Jai Jai Sinceres auf die Bühnen dieses Landes treten und ihre bewegten Körper als „a site of critical reinvention“ (Judith Jack Halberstam) [2] den Blicken der ZuschauerInnen offerieren.
Fußnoten: [1] Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main 1991 (erstmals als Gender Trouble. 1990), 204. [2] Halberstam, Judith Jack: „Technotopias. Representing Transgender Bodies in Contemporary Art“. In: die/derselbe: In a Queer Time and Space. Transgender Bodies, Subcultural Lives. New York 2005, 107.
(26.8.2011)
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