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SCHON WIEDER EIN FESTIVAL, DAS ICH NICHT GESEHEN HABE: SOMMERSZENE 08
Von Julius Deutschbauer
Patmos, 3.7.2008, 5h33
Ich sitze am obersten Punkt einer Erhebung bei Wind Südost und trinke schon mein erstes Alpha, ein griechisches Bier, und denke daran, dass ich noch bis 19. hier ausharren muss und sich mir von alpha bis omega keiner der Zukunftsräume der sommerszene Salzburg 08 eröffnet haben wird. Es gibt drei Dinge, die ich hasse: Möbel, Topfpflanzen, Urlaubsreisen. Ich sitze auf dem obersten Punkt einer Erhebung der Urlaubsinsel Patmos. Noch eine Woche, und ich befinde mich in einem bestattungsfähigen Zustand. Noch zwei Wochen: tot und angefault, verhandelbar als eine Leiche, im Idealzustand nachgerade für einen idealen Salzburger Festivalbesucher, ein Besucher der Salzburger sommerszene, einer sommerszene, die es noch versteht, mit Leichen umzugehen. Es drehte mir den Penis mit einer geheimen Nervensonde ab, wäre ich jetzt auf der Sommerszene Salzburg, bequem als Leiche aufgebahrt.
Stattdessen schleppe ich mich in die Höhle des Hl. Johannes, dorthin, wo er die angeblich Geheime Offenbarung empfing, um einen Arm voll Kerzen zu erstehen und diese gleich anzustecken, dabei wohl Verkehr mit einer ganz ungewöhnlichen Anzahl von Leichen pflegte: eine Kerze für thierry de mey, eine Kerze für david voggenhuber, eine Kerze für the forsythe company, eine Kerze für karuan & band, eine Kerze für moses/cable/blake, eine Kerze für sasa asentic, eine Kerze für mark terkessidis, eine Kerze für anne teresa de keersmaeker/ann veronica janssens, eine Kerze für arjun raina & monica singh, eine Kerze für meg stuart/philipp gehmacher, eine Kerze für brahim sourny, eine Kerze für silke grabinger, eine Kerze für oleg soulimenko & sead dancers, eine Kerze für zoë knights & passerelle, eine Kerze für les slovaks dance collective, eine Kerze für begüm erciyas, eine Kerze für padmini chettur, eine Kerze für dave st-pierre inc., marie françoise plissart, eine Kerze für kongo dinner #1, eine Kerze für serge amisi, eine Kerze für graine theatre, eine Kerze für jean luc ducourt, eine Kerze für lawine torrèn/hubert lepka, eine Kerze für osumare beats, eine Kerze für studios kabako, eine Kerze für movement museum.
Angesteckt ist! Angesteckt muss sein. Während ein professioneller Ein- bzw. Vorküsser von Ikone zu Ikone schleicht, und deren gibt es viele in dieser Höhle, um sie einzuküssen, auf Herz und Handrücken. Eine japanische Reisegruppe tut es ihm gleich. Dabei überkommt mich eine ganz ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen. Aus dem Untersten meines Unterbaus des Nichts. Ein Zeitungsbericht einer österreichischen Tageszeitung wird vorgelegt, in dem so etwas wie meine Todesnachricht zu lesen ist. Der Einküsser küsst sie. Alle tun es ihm gleich. Mir, selbst inzwischen zur Ikone erstarrt, küsst der Einküsser auf Herz und rechten Handrücken. Ich fasse diesen Vorgang als Wink auf, dass ich mit einer Rückkehr in die mitteleuropäische Gesellschaft nicht mehr rechnen sollte: zu ewigem Strafurlaub auf der Urlaubsstrafinsel Patmos verbannt bin.
Nur um hier wegzukommen und wenigstens den lounge talk mit michael stolhofer am 19. noch zu erleben, ließe ich mich auch entmannen und mich in einen weiblichen Menschen umwandeln, bloß um hier wegzukommen, wollte ich ihm sogar Kinder gebären, kleine Keersmaekers oder Forsythes, nach Keersmaekers Geist und Forsythes Bilde oder umgekehrt. Zu diesem Zweck zögen sich meine äußeren Geschlechtswerkzeuge (Sack und Glied) in den Unterleib zurück bei gleichzeitiger Umwandlung in die entsprechenden weiblichen Geschlechtsorgane. Dazu müsste auch eine Veränderung des Knochenbaus (Becken usf.) hinzukommen sowie die Gestaltung weiblicher Brustwarzen.
Alle Seligkeiten, die ich je im Verkehr mit Frauen erlebt und angesammelt habe, sind in meinen Körper aufgegangen und haben dort den Charakter weiblicher Empfindungen angenommen und meinem Körper auch sonst einen mehr oder weniger weiblichen Ausdruck, insbesondere meiner Haut die der weiblichen Haut eigentümliche Weichheit verliehen. Um durch Preisgabe meines Körpers als den einer Frau doch noch nach Österreich zu kommen, nach Salzburg, gerade noch rechtzeitig zum lounge talk mit michael stolhofer 23h30. Zu spät. In Folge gegen mich erfolgter Wunder, habe ich heute, angeregt durch die in meinen Körper nach und nach eingedrungnen weiblichen Nerven, einige Stunden der Pflege meiner Weiblichkeit gewidmet.
Patmos, 19.7.2008, 23h33
(Unter Tränen online gestellt am 12.8.2008)
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