Polyphone Perser im Schacht

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THEATERCOMBINAT: WIENER AUFFÜHRUNG VON AISCHYLOS’ KRIEGSSTÜCK "DIE PERSER"

Von Elke Krasny

Theater ist Wettkampf. Theater vollzieht die Macht des Wortes. Meter für Meter erobern sich die Stimmen den Raum. Gemessenen Schrittes beginnt die zeitgenössische Kartografie eines antiken Theatertextes. „Die Perser" von Aischylos wird im Denkraum der Gegenwart installiert.

Das theatercombinat unter der Leitung von Claudia Bosse ist mit dem Projektmotto „tragödienproduzenten" ins Labor der Vergangenheit aufgebrochen, um die Gegenwart zu befragen. Und umgekehrt. 1200 Quadratmeter unterirdischer Leerraum treffen auf 1075 Verse. Das Jahr 2006 auf 472 vor Christus. Wir auf das Kriegsstück von Aischylos. Bei dem Projekt „tragödienproduzenten", dessen erster Teil „Die Perser" ist, geht es um nichts Geringeres als um die Untersuchung von Theatermodellen. „Coriolanus" von Shakespeare und „Phädra" von Racine werden 2007 folgen.

Aus den vielen Stimmen der schwarz gekleideten Bürgerinnen formt sich bei „Die Perser" das Sprechen zum Chor. Das Kollektiv erhebt rhythmisch skandierend seine Stimme. Sechs Monate lang haben die teilnehmenden Bürgerinnen in Wien experimentelles Theatermachen geprobt. Vorbild war der antike Tragödienchor, gebildet aus 12 Bürgern der Stadt Athen. Urban Citizenship heute verhandelt und erstreitet Einschlüsse und Ausschlüsse entlang der brüchig gewordenen, globalisierten Identitätslinien. Im antiken Athen hatten die Frauen keine öffentliche Stimme. Soziale Gerechtigkeit, Anerkennung von Bedürfnissen, Partizipation im Politischen, das alles sind bedrängende Fragen unserer Gegenwart.

Im Wiener Untergrund 

In den Setzungen des theatercombinats, im Installieren dessen, was Theater heute sein kann als radikale Frage, berühren Raum, Sprache und Körper den politischen Kern des Produzierens selbst. „Die Perser" ist vom theatercombinat als modellhafte Parallelaktion angelegt. Für Genf das „grü500" und für Wien der „tragödienchor". 180 GenferInnen, BürgerInnen der Stadt, waren am Prozess beteiligt. Drei Monate haben sie geprobt, um zu einer Gleichzeitigkeit des Sprechens zu gelangen. Der Rat der 500 der attischen Demokratie, die antiken Chorwettkämpfe mit 500 Teilnehmern prägten das Arbeitsmodell für Genf. Drei Monate wurde da als öffentliche Diskussion geprobt, wie man mit dem Theater Denken in Gang setzen kann. Aufgeführt wurde im November 2006 in der Black Box eines Theaterraums.

In Wien, im Untergrund, setzt sich jede Silbe präzise und einschneidend ins Ohr der Hörenden. Die Bedeutung wird im Moment des Sprechens erzeugt, nachklingend. Oben rauscht schüttelnd und bebend die U-Bahn. Unten riecht es modrig nach Kellerschimmel. Fragen des Überlebens werden akut: Wiewohl der sechs Meter breite und 200 Meter lange Schacht, der im Zuge des Baus der U-Bahnlinie 3 entstanden ist, ein funktionsloses urbanes Zwischenstück ist, drängen sich die Bilder von vor dem Krieg in den Luftschutzkeller Flüchtenden auf. Diese Überlegungen des Luftschutzes hatte es zur Planungszeit des Wiener U-Bahn-Systems, während des Kalten Krieges, tatsächlich gegeben.

Jeder Muskel gespannt, jede Faser des Körpers im Einsatz vollziehen Gerald Singer, Christine Standfest und Doris Uhlich, die sowohl in Wien als auch in Genf die Protagonisten sind, die Verse. Mit ihren Körpern installieren sie ein phonetisches Denken im Raum. Bei Salamis, 480 vor Christus, unterliegt die persische Flotte gegen die Griechen. Mit wechselnden Narrationen und Perspektiven lässt Aischylos die Unterlegenen sprechen. Atossa, die Mutter des Xerxes, der Geist des Dareios, Xerxes, ein Bote und der Chor, die alten Vertrauten des verstorbenen Königs Dareios. Schauplatz ist der persische Königshof in Susa. In der Übersetzung von Peter Witzmann und Heiner Müller wird die Brüchigkeit, die Polyphonie, die prädramatische Qualität des antiken Originals spürbar. Wortsinn wird in den Raum gestellt.

Hautnah der Text, der Schweiss 

Die ZuschauerInnen sind auf vier, der Raumlänge folgenden Sitzsektoren verteilt. Die minimalistischen baulichen Markierungen des Schachts wurden von Karoline Streeruwitz und Christian Tecker entworfen. Der Rest des Publikums bewegt sich durch den Raum, in unmittelbarer körperlicher Begegnung, als Teil der Raumchoreografie. Die schmückenden Beiwörter des Griechischen entfalten auch in der Übersetzung ihre unheimliche Bilderkraft, vielhändig, vielschiffig, bogengewaltig. Aischylos hat ein Kriegsstück geschrieben. Als in Tragödie gesetzte Zeitgeschichte ist es das einzige seiner Art, das aus dieser Zeit überlebt hat. Somit ist es der erste Theatertext, in dem jüngste politische Ereignisse, also Zeitgeschichte, und Krieg thematisiert werden.

Im Schacht sind alle Körper gleich anwesend, die Schauenden, die Sprechenden, die Hörenden, die in ungeheurer Intensität Agierenden. Hautnah ist der Text in deren Körpern, jeder Konsonant „die Schwerkraft des Wortes" markierend, so Bosse. Hautnah auch perlt der Schweiss der Anstrengung, macht die unüberbrückbare Distanz als Nähe sichtbar. Xerxes, geschlagen, bewegt sich auf allen Vieren durch den Schacht. Atossa, die Mutter des Xerxes, rollt ihren Körper quer zur Schachtlänge im Betonstaub. Rauminstallation wird zum phonetischen Vollzug, zum temporalen Ereignis, das präzise den Schall auf die Reise schickt und den Sinn bei beiden fast gleichzeitig ankommen lässt: bei den Sprechenden wie den Hörenden.

Informationen: www.theatercombinat.com

 

(11. 12. 2006)