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ZWISCHEN MUSKELKATERN, DILDO BOYS UND HEIMLICHEN AUGEN
Von Elke Krasny
Wenn
die Stadt sich auf den Hausmauern und Gehsteigen, in den Auslagen und
Fensterscheiben zu artikulieren beginnt, dann ist der Körper im Spiel.
Die Schrift des Öffentlichen ist zweideutig. „Kätzchen stehen auf
Muskelkater", hat jemand in zartem Lila mit riesiger Schreibschrift auf
die Fassade mit den blauen Wasserspuren in meiner Straße gesprayt.
Seit Wochen steht es geschrieben, unwidersprochen. Gegengesprayt wurde nicht. Andere Bedürfnisse artikuliert auch nicht. Die Große Neugasse in Wien Wieden bietet „Gratis Sex" unter „0699...", in kleiner schwarzer Schrift auf das Fensterparapet geschrieben, flüchtig, schnell, so als hätte sich jemand beeilt, damit die sozialen Augen der PassantInnen sie oder ihn nicht ertappen bei dieser Tat. Fühlte sie sich als Pornographin in diesem Moment oder er als Pornograph? Wir wissen es nicht.
Spuren der "Dildo Boys"
Über einem Blatt mit der Kopie eines dreimastigen Segelschiffs hat jemand in schwarzen Stift „No More Sex" auf der Fensterscheibe hinterlassen, daneben verblassend lässt sich das Wort „Tourist" ausmachen. Gegenüber auf einem silbernen Schild steht „Familie", und als ich dann bei der Vermietung von „Testronreal" angekommen bin, ist der Verleser zu „Testosteronreal" nicht mehr zu vermeiden.
In Venedig, auf dem Weg zum Bahnhof, haben die „Dildo Boys" ihre Spuren hinterlassen. Groß, rot, immer wieder. Auf der hennaroten Hauswand, auf der gelben ebenso. Der öffentliche Raum im Akt der individuellen Einschreibungen also auch ein Raum der Pornografie, aber wie? Der Pornograf, das heisst von Huren schreibend, als Verfasser pornografischer Werke, so steht es im Fremdwörterlexikon. Die Evokation geschlechtlicher Vorgänge an den Hauswänden: Waren hier die heutigen Pornografen und Pornografinnen am Werk, die mit ihren Körpern absichtsvolle Angriffe auf die Moral im Stadtgefüge hinterließen?
Marianne und Marie-Antoinette
Die Temperaturen zwischen „Stein und Fleisch" durchmaß Richard Sennett in seiner Stadtgeschichte der Bewegungen von Frauen und Männern im urbanen Raum, einer historischen Relektüre dieser Bewegungen in der westlichen Zivilisation. Der Pornografie begegnet man in seinem Stadtbarometer der Temperaturen des Öffentlichen explizit einmal. Er kontrastiert zwei weibliche Körper, in denen Drinnen und Draußen sich verkehrend verschmelzen. Marianne und Marie-Antoinette. Statuen der Marianne mit bloßen Brüsten, aus denen die Milch floss, wurde bei den revolutionären Umzügen der französischen Revolution mitgetragen. Tugendhaft, großzügig, mütterlich, fruchtbar, das war das Bild der Marianne, kulminierend in ihren nackten Brüsten. Dagegen die vom Laster gezeichneten Körper der Feinde der Revolution, drinnen im Boudoir. „Noch in den 80er Jahren des 18, Jahrhunderts wählte sich die volkstümliche Pornografie die Gattin Ludwigs XVI. zum Sujet von Skandalgeschichten, unterstellte Marie-Antoinette lesbisches Begehren und Liebschaften mit ihren Hofdamen."
In der öffentlichen Wahrnehmung des weiblichen Körpers und der Machtzuschreibungen, die unter die Haut gehen, zeigen sich die Einstellungen der gelehrigen Blicke. Manchmal haben wir noch nicht gelernt. Mein dreijähriger Sohn blättert eine Beilage der österreichischen Tageszeitung „Der Standard" durch. Er stößt auf einen großzügig entblößten Frauenkörper, der mit Blütenblättern ornamentiert mehr entdeckt denn bedeckt wird. „Mami, schau, diese Frau ist krank, die hat sicher Bauchschmerzen, oder Kopfschmerzen, sie liegt so komisch da, und die Ärztin hat ihr Blumen als Medizin gegeben..."
Weg- oder herbeischauen
Ist es kälter geworden oder wärmer für die Augenblicke in der Stadt? Was tun die Grade der Veröffentlichung für das schauende Begehren? Susan Sontag unterscheidet zwischen drei Arten der Pornografie. Sie sieht den Gegenstand der Sozialgeschichte, das psychologische Phänomen und die Konvention innerhalb der Kunst. Was tauscht sich zwischen den Worten und den Wänden? Wie tut das Auge das Seine oder das Ihre? Und wo bleibt das Fleisch zwischen Stift und Stein?
Theoria heisst ja Schauen. Wie man wegschaut oder herbeischaut, wo die Grenzen der Lust und der Scham verlaufen, das ist fraglich. Wer sich woran erfreut oder erfreuen darf, ebenfalls. Welche Ökonomie dahinter steht oder davor und den Blick verstellt, auch. „Theorie schämt sich nicht, im Gegenteil. Die Tauschfähigkeit der Theorie, ihr permanenter Gestaltwechsel, ihr gesellschaftlicher Charakter (Chamäleoncharakter), sei deutlich leichter zu handhaben als die Permanente Revolution. Das mache die Theorie zu einer öffentlichen Lustbarkeit", schreibt Alexander Kluge. Die Häutungen der öffentlichen Schau sind enthüllend. Es ist nicht der hüllenlose Körper, der die Tabus überschritt, sondern das Auge, das sie auf die Körper implantierend projiziert. Im Auge spiegelt sich der Machtapparat. Die Blicke sind ebenso gelehrig wie die Körper, aber zweitere den ersteren unterworfen. Die patriarchale Apparatur der Macht ergriff die Blicke noch vor den Körpern. In deren Lenkung wird das Schauen nicht lustvoll, sondern obszön, nicht ekstatisch, sondern unterdrückend.
"Noch mehr Liebe wäre Prostitution"
Verständlicherweise haben der Feminismus und die Pornografie eine dornige und wechselvolle Geschichte miteinander, die unauflöslich in den Machtkonstellationen und den Begehrensstrukturen verstrickt ist. Im feministisch-theologischen Online-Schlagwortkatalog der Ruhr-Universität Bochum finden sich über 100 Einträge zur Frage der Pornografie, und das ist einer der wenigen Orte im Netz, in dem Diskursivität zum Thema Feminismus, Theorie und Pornografie überhaupt stattfindet. Im Jahr 1988 erschien das Konkursbuch der Verlegerin und Publizistin Claudia Gehrke zum Thema „Frauen & Pornografie". Wellen der Erschütterung durchzogen die Zweite Frauenbewegung nicht zuletzt wegen der Pornographiedebatte. Wer, wie, auf welcher Seite stehen kann, überschreitet eingefleischte Positionen.
Gehrke reagierte auf die Antipornografie-Kampagne der Zeitschrift „Emma". Im Oktober 2006 geht „Das heimliche Auge" in die 21. Runde, ergänzt um „Mein lesbisches Auge" und „Mein schwules Auge", wird in Fotos und Zeichnungen, in Skizzen und Collagen, in Essays, Notizen und Gedichten die programmatisch programmwidrige Gradwanderung zwischen Sexualität und Intimität beschritten. Was das Auge reizt, liegt im Übergang. Im Übergangenen entblösst sich der Machtapparat der gelehrigen Blicke und Körper. An der Hauswand lassen sich die Sedimente des diskursiv Ausgeblendeten oder künstlerisch-theoeretisch Überhöhten ablesen: zwischen Gratis-Sex und Dildo Boys. In der Wiener Burggasse, auf der Visitenkarte in der Auslage des Lokals „Sin" steht: „Noch mehr Liebe wäre Prostitution."
Rakete
(23.4.2007)
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