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DORIS UHLICHS NEUE ARBEIT "GLANZ" IM WIENER BRUT
Von Hanna Palme
Als ich eingeladen wurde, über die Aufführung von Doris Uhlichs „Glanz“ zu schreiben, war mein erster Gedanke: Angst. Angst vor der Veröffentlichung. Die Angst davor, dass etwas Privates zum Vorschein kommt, das man nicht preisgeben möchte, sitzt tief. Wenn ich daheim probiere, Teile des Nussknackers nachzutanzen, dann möchte ich nicht unbedingt, dass mir jemand dabei zusieht. Und wenn mich jemand zufällig dabei sieht, dann ist dieser Jemand in der Regel peinlich berührt.
In „Glanz“ bringen Menschen - ausser Uhlich drei Männer und eine Frau - ihre intimen Tänze auf die Bühne, und wir sind eingeladen, ihnen dabei zuzusehen. Das Beobachten der Tänze ist amüsant und zur selben Zeit sehr beschämend. Denn wir blicken auf sie nicht nur als Zuschauer, sondern auch und vor allem als wir selbst, und wir kennen diese Tänze, und wir wissen um ihren privaten Wert sehr gut Bescheid. Wie in einem Spiegel sehen wir uns in unseren intimsten Augenblicken selbst auf dieser Bühne stehen und hier findet der Titel „Glanz" für mich eine Bedeutung: Glanz entsteht, wenn eine reflektierende Oberfläche das Licht, das auf sie fällt, spiegelt. Was auf der Bühne geschieht, bietet uns diese reflektierende Oberfläche an, aber der Glanz wird nur dann erzeugt, wenn wir unsere Gedanken, unsere Erinnerungen, uns selbst auf dieser Oberfläche spiegeln.
Ein Funke Hoffnung
Die Menschen, die auf die Bühne treten, sind immer ganz alleine, immer ganz in ihrer Welt. Es gibt keine Zuseher für sie. Wir sind nicht da. Die anderen Darsteller sind nicht da. Auch wenn sie gemeinsam auf der Bühne tanzen, ist jeder Einzelne doch immer alleine. Lange bekommt der Zuschauerraum gar keinen Blick von den Tänzern, die Gesichter sind zur Seite gewendet, auf den Boden gerichtet. Als dann endlich der Blick kommt: ein Funke Hoffnung! Die Intimität der Situation würde durch diesen Blick aufgelöst werden, es entstünde eine Verbindung, wir könnten aufatmen, Austausch haben, gemeinsam darüber lachen. Aber schon bald wird klar, dass der Blick zwar in unsere Richtung, aber durch uns hindurch geht: der Tanzende sieht uns einfach nicht. Was er sieht, wissen wir nicht.
Was wir selbst schon manches Mal in diesen Situationen gesehen haben, wissen wir sehr wohl. Das Geschehen verlagert sich von der Bühne in unseren Kopf und wird zum diegetischen, zum erzählenden Ereignis. Die Körper auf der Bühne sind im Geist ganz woanders, und da uns nicht gesagt und gezeigt wird, wo dieses woanders zu verorten ist, müssen wir es uns vorstellen. Die Aufführung lädt uns also nicht nur ein, uns selbst zu reflektieren, sondern auch zum Beispiel zu fragen: Woher kommen die Bewegungen der Leute auf der Bühne? Ist der Mann gerade von einem Ballettstück nach Hause gekommen oder läuft im Fernsehen Eiskunstlauf? Was strukturiert die Bewegungsmuster, wo kommen sie her? Wo sind sie medial suggeriert? Inwiefern stellen sie ein Ausbrechen aus den gesellschaftlich normierten Bewegungen dar?
Was ist eine Leistung?
All das sind Fragen, die sich uns stellen, nicht nur für die Performance, sondern auch für unseren Alltag. Was ist das für ein Teil in uns, der sich gegen alle Konventionen aufbäumen, sich mit einem Schrei aus uns herauslösen will, sobald wir uns allein und unbeobachtet fühlen? Warum muss Tanz geschützt durch das Prädikat „Tanzaufführung“ und durch normierte, choreographierte Bewegungsabläufe gekennzeichnet, der Öffentlichkeit präsentiert werden und selten einfach als etwas Freies, Ungezwungenes? Ein Wegweiser zu Antworten auf diese Fragen findet sich in den Reaktionen des Publikums. Einer der Zuschauer bemerkt zwischendurch ironisch: „Was für eine Leistung.“ Leistung. Der Zuschauer geht in eine Tanzaufführung, um Leistung zu sehen. Er zahlt dafür, um Leistung zu sehen, um Menschen zu sehen, die ausgebildet sind in dem, was sie anbieten.
Das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen, das ist in uns so tief verankert, wie die Trennung des Privaten und des Öffentlichen. Ein kleiner Junge von vielleicht sechs Jahren sitzt im Publikum und kann es nicht fassen, dass sich Erwachsene, Personen, die ihm Respekt einflößen, auf diese Art und Weise vor ihm bewegen. Er kann seine Ungläubigkeit nicht zurückhalten, und ein ungewolltes, verwirrtes Lachen strömt aus ihm heraus, aus ihm, einem kleinen Jungen, der schon ganz genau zu wissen scheint, was in unserer Gesellschaft als richtig und als falsch gilt, als akzeptiert und als unpassend, als mit unseren Konventionen vereinbart und als mit diesen unvereinbart.
(5,4,2009)
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