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ZUM DONAUFESTIVAL 2010 – "Failed Revolutions"
Von Christine Standfest
„Gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise würde man sich erwarten, dass die Welt aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und die Wirtschaftssysteme zum Positiven revolutionieren würde. Diese Erneuerungs- und Veränderungskraft und vor allem das Bewusstsein und der Wille, bestehende Systeme und Handlungsweisen zu hinterfragen, zu verbessern und ihnen wenn nötig auch etwas Neues entgegen zu setzen, fehlt jedoch vielfach." Erwin Pröll, ÖVP-Landeshauptmann von Niederösterreich, im Festival-Programmheft 2010[i]
„Und von nun an und für eine ganze Zeit über, wird es auf dieser Welt keine Sieger mehr geben, sondern nur noch Besiegte.“ Bertolt Brecht, Dramatiker, Fatzer Fragment, 1927
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| Albrecht Dürer: Melencolia I, 1514 |
Vorbemerkung
Kühn, dachte ich mir angesichts des Titels des diesjährigen, vor kurzem zu Ende gegangenen Donaufestivals im niederösterreichischen Krems unter der Leitung von Thomas Zierhofer-Kin.
„Gescheiterte Revolutionen“. Ein Titel als Sprachspiel, der auf eine perfide Art Konsens erzwingt, denn wer wollte dem widersprechen angesichts des Elends der Welt.[ii]
Es ist auch ein melancholischer Titel. Ein sehr schweres Zeichen. Es mobilisiert etwas zwischen Wut und Traurigkeit. Und freilich, einen Rest Widerstandsgeist: Moooment – welche „Revolutionen" bitte? Und was heißt Scheitern? Oder - im Umkehrschluss - Gelingen?
Immerhin schreibt sich das Motiv der "gescheiterten Revolutionen" in Bewegungsgeschichte ein, und ich würde behaupten, in linke, emanzipatorische Bewegungsgeschichte und damit in einen befragbaren Horizont[iii] – in eine Dialektik von Begehren und Vereitelung. Die Formel scheint einen dauerhaft und vielleicht sogar grundsätzlich nicht-gelingenden Akt in permanenter Wiederholung zu bezeichnen: Versprechen, Versagen, Versprechen – niemals vor den ungeheuren Dimensionen der eigenen Ziele zurückschrecken... und ich muss sagen: ich fand ihn gut, den Titel. Empörend, modisch, oberflächlich, übercodiert, aber eine Behauptung. Rezeptionsraum für unterschiedlichste künstlerische und populärkulturelle Phänomene, die da im trostlosen Terrain der Kremser Messehallen und im immer wieder lauschigen Kremser Stadtteil Stein (ja, da beim Knast und dem Merkur Supermarkt) versammelt wurden. Eine Formel, die Fragen generiert – für die, die sich etwas fragen wollen.
Und: Gescheitert hin oder her, im Revolutions-Paradigma enthalten ist das weite Feld von Aktion, von Organisation, von Masse(n). Ein Claim. Die Grenzen des Kulturellen und die Grenze der Kunst. Und eine Haltung zur Welt, die sich setzt als "Verhalten - zu", die Innen und Außen - wie auch immer experimentell - kennt und kommuniziert oder Differenzlinien, Kartographien bildet, die eine Verortung des - wie auch immer - konstituierten Subjekts des Handelns aufruft, Selbst-Konstitution überprüft.[iv] Es meint eine Aktivität, die sich nicht im Konsum verbraucht, deren pragmatisch-eiserne Seite vielleicht der alten Linie von Analyse-Strategie-Taktik folgt, wenn auch auf sich unendlich verzweigenden, verborgenen oder kruden, partikulären, exzessiven Bögen. Aber so hat die Koketterie mit den Niederlagen, der Retro-Appeal des „fröhlichen Scheiterns“ etwas pervers Gutes, wie Melancholie eben, die schwarze Galle spuckt und dabei eine Erinnerungsfigur verätzt, mit der sich alle irgendwie identifizieren, untertänigst.
Was war also dort? Dieser Text ist eine bisweilen sehr subjektive Beschreibung der Ereignisse, auf die ich an fünf Besuchstagen traf.[v] Den Titel „Failed Revolutions“ nahm ich versuchsweise als Angebot einer Navigation durch das Geschehen:
„Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand“[vi] – Festivaltag #1
An einem merkwürdig verloren wirkenden Eröffnungsabend – kaum VIP-Gatherings, auf dem Gelände nur die Telefonbox des Burroughs-Special – finde ich mich schließlich wieder im Setting von Ja, Panik. Da haben welche die Empörung Ernst genommen – „Moooment!“ – und versuchen sich an einer Publikumsbeschimpfung à la Biertisch. Die Band und Gäste zelebrieren mit „Eine Entgiftung“ die Geste der Verweigerung. Vorne am Bühnenrand weiß eingepackte Instrumente, die kurz von den Musikern benutzt worden waren. Dahinter eine transparente Projektionsleinwand, auf der immer wieder wir, das Publikum, erscheinen. Dort diskutieren im schmuddligen Backstage-Ambiente Christiane Rösinger, Peter Schachinger und Hans Unstern über Staat, Subkultur, Verrat, Sichverkaufen und so – und in helleren Momenten über die Widersprüchlichkeit von Staatskunst.
Die Beschimpften nehmen es nach einer ersten Enttäuschung eher gelassen, die Geste ist durchschaubar und in ihrer Ausführung nicht besonders prickelnd. Sie verhängt zwischen halb genrebewusstem Selbstzitat und politischer Rage, die sich dann aber doch niemand traut – aus Angst vor Naivitätsbashing? Als müsste man beweisen, dass man selber „auch nicht mehr glaubt“... Eine Positionierung, die sich über das Zitat der rebellischen Geste formalästhetisch Richtung Selbstdistanzierung absichert – eine klebrige Mischung, die sich als Grundhaltung durch noch manche Momente dieses Festivals zieht. Am Ende räumt die Band die Instrumente ab, und zwei etwa 18-jährige Kremser hinter mir rufen grinsend: „Zugabe!“ Mission accomplished, Versöhnung geglückt.
Von da in den Stadtsaal zu Implied Violence. Es stinkt, oder sagen wir, es riecht erdig. Auch riecht es zunächst nach „Achtung, this is serious performance art“: Menschen in Narrenkitteln oder in elastische Binden gewickelt, Körperflüssigkeiten, Sprache zwischen Geschrei, Geraune und Method Acting (tatächlich kann ich keinem Text folgen, das liegt aber auch an mir und macht nichts). Aber da ist auch ein großartiger Riesenleuchter – oder ist es ein Krake? – aus Sperrholz, die sich langsam senkt und einen Käfig bildet um den überirdisch schönen Sänger im Dorian-Gray-Outfit (Zac Pennington, später noch auf der anderen Bühne mit Parenthetical Girls), der zum Wagnerian Orchestra singt und singt. Hermes Phettberg ist eingeladen, er ist der kranke Narrenkönig, und es ist eine perverse Huldigung.
Und: Blut. Es rinnt aus den Handgelenken in die Rüschen der Hemdsärmel und irgendwann bedeutet „Glück“ an diesem Abend, ihnen allen zuzusehen bei ihren Vollbringungen, die Zeit zu vergessen, Fragen zu lassen und sich damit zu begnügen, die immer fetter werdenden Blutegel zu betrachten, die sich da an den Handgelenken festsaugen – performt in einer Beiläufigkeit (oder einer unbekannten Notwendigkeit folgend), die der Grund von „The Dorothy K.“ zu sein scheint: als wären die Kunst und alles Tun und Treiben in einen Naturzustand versetzt, der niemals „Triebhaftes“ behauptet und doch ständig vollbringt; der alle künstlerisch hochreflektierten und -codierten Zeichen ergreift, aus der Zeit hebt und in Schönheit verwandelt. Die Selbstverschwendung und -zerstörung, die mit im Spiel sind, ironiefrei und schwerelos, sind doch Indikatoren von Zeit und Geschichte.
Ah!, dachte ich, das ist auch eine Strategie. Kunst. Adorno’scher Konservativismus, autonomes Kunstwerk, State of the Art. Ja. Im Kontext dauerinfantiler Zwangsinformalität wird hier als ästhetische Maximalanforderung eine Außenwelt der Innenwelt inszeniert.
Deichkind in Müll. Ich verweise auf Spex vom April/Mai 2010 und (nicht ohne Bedauern) auf Die Presse und Der Standard[vii]. Kulturpolitisch interessant an dem Ganzen ist, dass sich da eine Ästhetik in der freien Szene wiederholt, die schon beispielsweise am Burgtheater so ermüdend wie auf die Dauer ärgerlich ist: Gebt den großen Buben einen Haufen Schotter, dann haben sie mehr Spass. Aber es gilt vielleicht doch nur bisweilen im Fussball, dass Geld gut spielt.
Von da zu Bonaparte. Und auf einmal ist es wieder da, das „Leben“, oder „Jugend“, mit geradem, schnellen Sound – Post-Punk-Rock, sowas – und einer fast schon unheimlich klugen Performance. Das Publikum größtenteils zwischen 15 und 20, und alle gehen ab, und ich denke irgendwann: Wäre ich ein Teenie und lebte auf dem Land, ich würde es nicht vergessen, dieses Konzert, und mich erinnern an diese lebenswichtigen Begegnungen mit „etwas anderem“ als der Langeweile in der Schule, im Schwimmbad, im Park, zwischen Wahlplakaten von Fischer, Strache, Rosenkranz und der Aussicht auf keine Zukunft. Die Tänzerinnen – mit großem Spaß und ebenso gekonnt werden da lady-gagahafte Kostüme in Ausdruckstanzposen oder, auf unglaublichen High Heels, beliebte Pornofilm-Charaktere (Putze, Dienstmädchen, Ärztin) durchgespielt, immer dran am Publikum, bis die Perücken und die Mieder fallen und da bloße Brüste und Pogo sind.
Klug ist, dass die Performance nicht dem Narrativ von Zwang/Befreiung folgen muss – das Gesamte dieser Körpercodes und ihr Durchspielen takes the piss out of Heidi Klum. Das ist ein Statement. Ein Phänomen von „Gegenkultur“, das keine gegenkulturellen Codes und Zeichen braucht, sondern aus einer merkwürdigen Souveränität, der Sicherheit der Jugend und aus dem Kontext einer elaborierten Szene heraus operiert. Es mag hip und vergänglich sein, aber es dockt an ein vermischtes Publikum und etabliert Performance in Pop, die keine Diskursebene braucht, um sich als „Qualität“ zu setzen.
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| Franz Bähr, Jan van Leiden bei der Taufe eines Mädchens während der Herrschaft der Täufer in Münster, 1840. |
Festivaltag #3
Showcase Beat le Mot, „1534“, Klangraum Minoritenkirche. Showcase waren eine der Referenzgruppen zum Thema „Failed Revolutions“. Ihr Stück handelt vom „Neuen Jerusalem“, das die Täuferbewegung 1531 bis zu ihrer Niederschlagung 1534 durch bischöfliche katholische Truppen in Münster errichtet hatte. Ja, genau: Es ist ein Stück, und es handelt von einer gescheiterten Revolution. Während der gefühlten ersten halben Stunde im historischen Ambiente der Minoritenkirche passiert allerdings wenig, zumindest kein Text. Da werden Sounds geschichtet mit merkwürdigen Geräten, da werden religiöse Praktiken vorgeführt mit selbstgebastelten, spätmittelalterlichen Vorrichtungen wie einer ziemlich lustigen Flagellationsmaschine, da wird Wein gekeltert im großen Fass und zum Weihrauch (THC-haltig!) der entsprechend erdige Mostgeruch erzeugt... alles in epischer Langsamkeit, die später in ein ins komödiantische gewendetes episches Theater mündet.
Showcase können das, mit einer über viele Jahre entwickelten Ästhetik zwischen zeitgenössischer Performance, Brecht und Monty Python. Sie können Geschichte erzählen und dabei wechseln zwischen Bericht, dem Gestus des Zeigens und, im Spiel mit Bildern und Körpern in Situationen, die Geschichten gleichzeitig füttern und in Zweifel ziehen. Und dass sie dabei kaum Peinlichkeiten auslassen und das Lächerliche wagen, hat tatsächlich viel mehr mit Verfremdung zu tun als mit Ironie. So lernt man was und wird hineingezogen in die von innen und außen gewaltsam gescheiterte Gegenwelt der Münsteraner Täufer, die als anachronistisches Hippietum erscheint, und fragt sich am Ende: „Gab es die wirklich?“ Ein Tigersprung in die Geschichte als präzise konstruiertes Happening, der dem Geschehen so etwas wie permanente Aktualität verleiht: Revolutions happen.
Mythen des Alltags bei La Pocha Nostra. „Cross-racial, poly-gendered, experimental, y que?“ Bilderreigen, Tableaux Vivants. ZuschauerInnen werden integriert in diese Tableaux, zum Beispiel, indem man eine AK 47 in die Hand gedrückt bekommt, um sie Guillermo Gomez-Peta zur Exekution aufzusetzen, oder sich mit Michèle Ceballos in SM-Vorgänge verstrickt. Eine Überschüttung, in der alles kritisch-plausibel und trotz Hybridisierung und aller denkbaren Crossings immer lesbar bleibt. Die Erkenntnis stellt sich ein, dass sich meist dann, wenn the U.S. of A. auftauchen, „Pathos“ einstellt und die leise beunruhigende Erkenntnis, wie sehr wir an der imperialen Erhabenheit dieser Mythenproduktion noch in Gegnerschaft partizipieren. Und bedrohlich sind eher diese Vergemeinschaftungseffekte, als die „gewagten“ Bilder wie etwa, wenn ein junger Mann aus dem Publikum einer Performerin, mit Stars-and-Stripes-Bikini unter einer Burka angetan, die Füße wäscht. Das klingt nun insgesamt abgeklärter, als es situativ war, als Bestandteil und „Welt“ im Kontext des Festivals und seiner BesucherInnen!
„Making eyes“[viii] – Rufus. Wainwright. „Rufus bittet während seines ersten Sets, von Applaus zwischen den Songs Abstand zu nehmen“. Und so erfolgte auch ein entschlossenes „Pssscht!“ nach dem ersten Lied, als einige das Weihespiel für the art world mit einem Popkonzert verwechselten. Wobei: Einmal Ruhe in die Meute zu bringen, einmal etwas wie „Nowness“ zu erzeugen, das war toll. Und hatte extrem viel mit Douglas Gordons Visuals zu tun. Denn Rufus war nervös. Sagte er. „I'm glad, Rufus fucked up too“, sagte später der ebenso großartige Scott Matthew, lächelnd, als ein Ton nicht raus wollte, partout nicht, aus seiner Kehle. Und so sind dies zarte Private, veröffentlichte Biographische (Trauer, Mutter), die übersteigerte Subjektivität, der perfekt gebrochene Glanz der Diva, die Behauptung, Gefühle seien teilbar, oder die kollektive Intimität Einbrüche ins Reich der gescheiterten Revolutionen und der alkoholisierten Dumpfheit der meisten Festivalgäste, die innerhalb aller Repräsentation „die Würde des Menschen“ erinnern. Und daran, dass Berührt-Werden, Gesellschaft und Glück mit genau jener Unantastbarkeit zu tun haben.
Festivaltag #4: Erster Mai. Sound, Geschichte und Reenactment
Glenn Branca, The Ex, These New Puritans und Atari Teenage Riot. Das sind 30 Jahre Musik und RAVE-O-LUTION. Man muss nicht zynisch sein. Am Ende des Tages zehn Minuten Digital Hardcore-Lärm plus Gitarren-Noise plus Rap-Agitation „fährt“. Punkt. Da kommt ein zorniger, aggressiver und böser Körper auf, der sich bewegen will. Hart. Zusammen. Grob. Eine Antithese zum Vorabend. Und es wäre dumm, diese physischen und emotionalen Begehren zu leugnen oder als juvenil oder machohaft oder pseudorevolutionär abzutun. Einmal nicht nett sein. Einmal nicht zustimmen. Einmal sagen: Ja, fuck you! Fuck all that Shit. Gefühl für einen Aufstand. Und, ehrlich, dieser Mob ist mir lieber. Wenngleich da eh kaum einer war, in der Messehalle. (Off-Ton Alec Empire: „Ganz schön viel Kunstpublikum hier.“ Nein nein. Handykamera filmen als demokratische Ersatzbewegung hat sich durchgesetzt.)
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| Krems/Stein, SPÖ-Schaukasten am 1. Mai 2010; Foto C.S. |
Zweites Festival-Wochenende: 400asa Sektion Nord, „Der Sumpf. Europa Stunde Null“ und Gob Squad, „Revolution Now“
„Europa Stunde Null“ ist eine Busfahrt, in diesem Fall durch die schöne Wachau. Sie beginnt im Kremser Stadtpark, wo uns ein Kollektiv oder Ex-Kollektiv von Recherchen in die Ökonomie der DDR erzählt (Der Sumpf: Kreditgeschäfte des real existierenden Sozialismus ab 1973, die das Volkseigentum der kapitalistischen Finanzverwertung zuführten. Es ist auch die Zeit der Biermann-Ausweisung oder die Zeit, in der Heiner Müller den Text „Verabschiedung des Lehrstück“ schreibt, ein anderes Dokument übrigens zum Thema: „Ich werde nicht den Kopf in den Sand stecken und warten, bis eine revolutionäre Situation vorüberläuft. Die Maulwürfe oder der konstruktive Defaitismus.“ Das Maulwurfskollektiv verwandelt sich dann im Bus in eine Reisegruppe inklusive -leiter (Ted Gaier) auf dem Weg zum „The Wall“-Konzert 1990 auf dem Potsdamer Platz.
Es ist ein Versuch, anzukämpfen gegen Nostalgie, indem sie doch ständig in Szene gesetzt wird, mit einer Spielweise, die sehr gekonnt Schauspiel, Bühne, vierte Wand, mit der Livesituation und den Locations kollidieren lässt – wirklich klasse beispielsweise ein aufgelesener Tramper, der im Linienbus vom nervigen Nerd (rauchen, saufen) zum posttraumatischen Kosovokriegsveteranen und Serienmörder mutiert. Es ist auch ein materialreicher und wichtiger Versuch, der Kontingenz von Geschichte, dem Alles-hängt-mit-Allem-Zusammen, darstellerisch beizukommen. Formal schwankt das zwischen „klassischem“ Schauspiel, Stationendrama, Partikeln von Informalität, Alltagskultur, Popreferenzen auf Filme, Platten-Cover, Konzerte, engagierten politischen biographischen Einschüben, Konzert, Soundtracks zum Film, der abrollt als Reise durch die Landschaft (Stop am ausgerechnet auch rot gestrichenen Heizkraftwerk bei Krems, beim Heurigen zur Abschlussparty). Manchmal zerfällt das in Ideen – es ist eben doch kein Trip – und vor allem die Reflexionen und Recherchen, die sich der (gescheiterten) Revolutionen der Wende und der DDR widmen, verkommen hinter einer zu bemühten Mimikry an den ewig jugendlichen Habitus der Generation der nun ab Vierzigjährigen – einer Zwangslockerheit, von der man nicht mehr weiß, ob ihre Angestrengtheit dramaturgisch gesetzt gespielt wird oder ein nicht-intendierter Nebeneffekt der eigenen Grenzen und Physis ist.
Das allerdings wird bei Gob Squad in „Revolution Now“ nachgerade unerträglich. Ein Abgesang auf ein Genre. Zwang zur Berufsjugendlichkeit als Marke, die marktschreierisch herumtappt zwischen einer nicht mehr ganz so wirksamen Medienkritik und unwillkürlicher Anbiederung an Normalität durch den dauerironischen Einsatz von Mainstream-Showelementen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass alles und jede/r sich mit allem identifizieren kann und jede/r alles auf alle Fälle auch immer gleich als Anspielung aufs eigene Unerfüllte wiedererkennt: „Project on us!“ Nur, was? Zwischendurch rest-berührende Szenen, Interviews mit den Performerinnen im Stile revolutionärer Kaderorganisationen: Was sind deine revolutionären Qualitäten? Und, ja, wir alle waren früher besser drauf, als wir noch wild und gefährlich waren und Kaugummiautomaten knackten. Oder Opferstöcke. Aber dazu haben viele vieles gesagt.[ix] Und den letzten Abend mit Peaches habe ich wie gesagt verpasst. Aber ich habe gehört, sie ging wie Jesus über Wasser. Also!
Well you can bump and grind if it's good for your mind well you can twist and shout let it all hang out but you won't fool the children of the revolution no you won't fool the children of the revolution no no no I drive a Rolls Royce 'cause it's good for my voice but you won't fool the children of the revolution no you won't fool the children of the revolution no no no But you won't fool the children of the revolution no you won't fool the children of the revolution no you won't fool the children of the revolution no you won't fool the children of the revolution no way T.Rex, 1972
Fußnoten
[i] Ja, auch im Standard wurde das bereits zitiert – hier nur nochmal, weil's gar so schön ist.
[ii] Freilich, es ist auch Erwin Pröll: „Diesem allgemeinen Unwillen zur Veränderung stehen aber auch sehr positive und notwendige Revolutionen entgegen: so auch die Neupositionierung des donaufestival seit dem Jahr 2005 unter der künstlerischen Leitung von Tomas Zierhofer-Kin. Die Revolution, die zum neuen donaufestival geführt hat, nicht nur zuzulassen, sondern auch finanziell zu ermöglichen, hat anfänglich auch Unverständnis und nicht unerhebliche Widerstände hervorgerufen. Aber das ist meiner Überzeugung nach auch die Aufgabe von Kulturpolitik: Neues zu fördern!“ Das Schöne an der Demokratie – langweilig wird sie nie – ist dann auch der Widerspruch des Intendanten auf der nächsten Seite: „Jeder revolutionäre Gedanke verkommt bereits im Keim zur modischen Applikation, weil ihm der Nährboden unter den Füssen abgegraben wird.“ (Zierhofer-Kin)
[iii] Mir ist z.B. nicht bekannt, dass die Nazis oder Rechte überhaupt jemals von „ihrer“ gescheiterten Revolution geredet hätten, nach 1945, selbst wenn es genug national- oder konservative Revolutionäre gegeben hat.
[iv] Früher sagte man dazu vielleicht „Selbstkritik“.
[v] Vieles habe ich verpasst, das ist gar nicht anders möglich. Besonders leid tut es mir um den Island-Schwerpunkt, die Ausstellungen, das Theater des Verschwindens und den letzten Tag curated by Peaches (Kapitulation.) Vieles taucht im Text nicht auf, der Schwerpunkt liegt auf dem Theater/Performancefeld – auch besonders leid tut es mir um Glenn Branca, These New Puritans, The Ex, Former Ghost (was für ein toller Name!) und Parenthetical Girls, ClubWare, Boris Kopeinig, Enno Onnoson und den Burroughs-Schwerpunkt, nicht so leid um Dinosaur Jr. und Wolf Parade.
[vi] Rolf Dieter Brinkmann, Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Träume. Aufstände/Gewalt/Morde. Reise Zeit Magazin. Die Story ist schnell erzählt. Tagebuch. Rowohlt, Reinbek 1987
[vii] http://diepresse.com/home/kultur/popco/Festivals/festivalnews/561807/index.do, http://derstandard.at/1271375586771/Kinderjause-mit-Damenspitz
[viii] http://www.nowness.com/day/2010/4/7/530/making-eyes#share
[ix] Blog nach der Uraufführung in Berlin: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=3897&Itemid=40
(20.05.2010)
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