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Prost! Ein Traumprotokoll

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DAS ENSEMBLE FÜR STÄDTEBEWOHNER MIETET SICH IM WIENER HOTEL FÜRSTENHOF EIN

Von Eva Baumgartner und Marlies Pillhofer 



„Wien, Wien, nur du allein. Sollst stets die Stadt meiner Träume sein.“ So schmetterte es auch schon Birgit Nilsson mit ihrer Wucht 1969 am anderen Ende der Welt - in Tokyo. Weltanziehend, könnte man dazu sagen. Quer gelesen sticht das Phänomen Stadt als Utopie heraus, die einer Wirklichkeit stets zu entkommen versucht. Wie wirklich können Träume sein, oder kann die Wirklichkeit zum Traum werden? Um dies zu untersuchen, lud das Ensemble für Städtebewohner sieben Künstler und Kollektive ein, jeweils ein Zimmer im Hotel Fürstenhof zu bespielen - 48 Stunden lang. Ausgebreitet wurden sieben sehr individuelle Herangehensweisen unter dem gemeinsamen Deckmantel „Schlafen in Wien“.

Eingecheckt und los geht's

In der von Christoph Coburger und Christian Wittmann missbrauchten Wäschekammer stapeln sich Technik und Requisiten. Im ca. 1 X 2 Meter großen Zimmer ist auf Augenhöhe ein Holzbrett eingezogen. In der Nacht wird es als Bett verwendet werden können - Polster und Decke sind schon bereitgestellt. Genauso wie eine Masse an Requisiten, Versatzstücke aus den Videos, die ebenerdig auf einem Laptop abrufbar sind. Daneben ein zweiter Laptop, viel Kabel und die Eröffnung eines Möglichkeitsraumes für das Publikum. Ist dieses doch eingeladen, Teil der Arbeit zu werden und die vorhandenen Videos fortzuschreiben.

Man fragt sich, was die Wäschekammer in ihrer Funktionalität aufzugeben scheint und doch in gewisser Weise fortschreibt. Die Wäsche als Gebrauchsgegenstand, der in einem Hotelzimmer jeden Tag gewechselt wird (bzw. werden sollte), findet man wieder in den jeweils einem Zimmer zugeschriebenen Videos im digitalen Archiv. Die Unmenge an vorhandenen Clips scheint in ihrer Ganzheit nicht zu fassen zu sein. Und hier setzt das Zimmermädchen an: Alle 27 Minuten wird ein Clip gespielt. Das Zimmermädchen bringt Ordnung in die Sammlung, setzt die Videos in Relation zueinander und lenkt die Aufmerksamkeit der Besucher auf einzelne Zimmer.

Nebenan spiegelt sich die Situation im Realen. Das von Thorsten Baensch bespielte Zimmer gleicht einem Labyrinth aus Büchern. Doch sind es bloß Abbildungen - auf A4-Blättern vergrößerte Covers bis zur Decke hin auf die Wand geklebt. Die vom Ensemble für Städtebewohner im Programmheft geforderte Ohnmacht stellt sich langsam ein. Auf dem Bett liegen Produkte einer nahegelegenen Bio-Bäckerei, gut verschlossen, denn Im Raum ist im Moment ein Gespräch im Gange: Ganz in dieses vertieft, unterhalten sich zwei Männer über ein philosophisches Thema, scheinbar isoliert von deren Umgebung, von den Besuchern. Es scheint gefährlich, näher vorzudringen, und so macht man einige wenige Schritte zurück, wieder aus dem Raum heraus, die Augen schon wieder im Programmheft vertieft und seine Gedanken schon dem nächsten Raum zuwendend.

Vor offenen und geschlossenen Türen stehend

„Welche Musik möchtest du eigentlich als deine Finale?“ 48 Stunden, das sind im Zimmer 50, gestaltet von Fishy/Das Schaufenster, fünf Zeiteinheiten. Davor ein Vorspiel, danach ein Nachspiel, dazwischen fünf neun Stunden Performances, die sich als Räume für Kompositionen verstehen. Barbara Kraus' Performance „Sterben - schlafen - Schlafen! Vielleicht auch träumen“ besteht in ihrer Anwesenheit von 9 bis 18 Uhr. 20 Minuten vor sechs, keine Spur von Barbara Kraus. Auf dem Fernseher ein Zettel „Gone Fishing [...]. Liebe Grüße Barbara“. Anwesenheit wird plötzlich zur Abwesenheit. Die Kompositionen hinterlassen Spuren im Raum, die Verantwortlichen aber verschwinden, werden gestorben sein. Tabula rasa, Ende und zugleich Beginn eines weiteren neunstündigen Spiels über Potentialität, Verschwinden und Weiterbestand.

Daneben: In charmant-schlampiger Handschrift ausgehängt ist zu lesen, dass in Zimmer 51 alle 30 Minuten ein Teil der Oper „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók zu sehen und zu hören wäre. Dort findet sich Judith im Schloss von Herzog Blaubart wieder und muss nacheinander 7 Türen aufschließen und betreten, um abschließend nicht, wie gewollt, mit Herzog Blaubart glücklich, sondern selbst zum Teil des Schlosses zu werden. Das Schicksal hat für Blaubart kein Happy End vorgesehen. Anders als in Bartóks Oper steht die Tür zu Zimmer 51 bereits offen, es ist mitunter sogar unmöglich, das Zimmer zu betreten. Zu mächtig sind die Instrumente, die sich drinnen zu stapeln scheinen, und man ist eingeladen, eben nur von draußen zu lauschen.

Zimmer 53, im Programm als „Sozialbiotop zeitgenössischer Kunst und Musik“ ausgewiesen, entpuppt sich als Treffpunkt für Nachtschwärmer und Mysterium der Tagaktiven. Ab 0 Uhr öffnet der „Late Night Swinger Club“ seine Pforte, die Zimmertür, und sorgt mit musikalischer Untermalung von Paul Wenninger bis zu Burkhard Stangl für den entsprechenden Rahmen zum mitternächtlichen Gedankenaustausch. Tagsüber zeugt vom Swinger Club, wie so oft, nur ein verwaister Eingang. Im Fall von Franz Hautzigers Etablissments steht der Besucher vor einem Vorhang, auf dem ein Zettel mit der Aufschrift  „No Shoes“ angebracht ist. Die Türe hinter dem Vorhang ist versperrt. 24 Stunden liegen zwischen zwei Versuchen, den Privatclub bei Tageslicht zu erleben, erfolglos. Inzwischen hat ein aufmerksamer Swinger, das Wort „please“ auf den „No Shoes“- Zettel gekritzelt. Höflichkeit muss sein, auch wenn man tagsüber vor verschlossener Türe steht ... 

Einen Jodler verlangsamen bis zum Stillstand

„Durchforste die am schlechtesten zu empfangende Sequenz nach Brauchbarem.“ Diese und andere intelligente und weniger intelligente Anweisungen, Wortfetzen, Zitate und Begriffe zieren die Wände des kleinen Einbettzimmers Nr. 52. FM4-Sumpfist Fritz Ostermayer hat seine Collagen-Karteikarten Sammlung ausgegraben und präsentiert Schnipsel, Fundstücke, Abrisse der letzten 15 Jahre. Ostermayers gesammelte Werke finden nach und nach ihren Weg an die Wände und werden zur Kompositionsanleitung der folgenden 48-Stunden-Permanent-Installation, in der sich alles um Schlaf-, Traum- und Wachzustände dreht. Es wird getrunken, geraucht, gesungen und vor allem diskutiert. Spontan kommt es zu einer Lesung aus den „Traumprotokollen der Sumpfisten“ über die Geilheit von Kürbiskernöl und das Sexualverhalten von Eichkätzchen.

Alle paar Stunden schaut auf Einladung Ostermayers ein Gast vorbei, der die Installation musikalisch, philosophisch, wissenschaftlich und überhaupt bereichert. „And On and On and...“, Durchhalten ist angesagt. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ oder, wie es im ostermayerschen Anagramm des Goya-Werktitels heißt: „Die Vernunft der Ungeheuer gebiert Schlaf". Der Kampf, das Anreden gegen das „Vernünftigsein“, ist irgendwann verloren, der Körper gibt auf. Nach dem Aufwachen ist es Zeit, seinen Zustand erneut in Ostermayers „I am ..“ und „In dreams I am ...“- Listen festzuhalten. I am tired, In dreams I am asleep ...


Es wird gewesen sein

Es ist ein Rätsel, das sich abschließend im Zimmer von Jack Hauser und Sabina Holzer eröffnet. Etwas muß passiert sein und etwas wird wohl auch passieren. Man muß beim Eintreten in das vielleicht größte Zimmer des Projektes mitunter aufpassen mit dem Kopf nicht gegen die Tür zu rennen. Halt, das Blickfeld weitet sich und eröffnet einen dominant rot/schwarzen Teppich, kräftige Farben an der Wand, ein großes Bett, daneben auf der Wand eine Projektion, zur linken Hand eine Kommode, und darauf eine Lampe und ein digitaler Bilderrahmen, und zur rechten Hand spannt sich ein Plakat von der Decke bis zum Boden.  Was hinter der Tür lauert, ist ein Archiv an Spuren der Erinnerung.

Das Bett lädt mit Vorbehalt zum Hineinschmiegen ein, die Projektion ist 48 Stunden Kino, der Bilderrahmen ist ein geloopter einmütiger Fotofilm, das Plakat ein Traummanifest. Und die Tür? Die Tür eröffnet eine neue Welt. Dahinter verbirgt sich anfangs eine schwarze Gestalt, auf einem Sofa sitzend. Sie wirkt fassbar und birgt doch eine Unfassbarkeit, wenn sie fast verschwörerisch vom mystischen Leben der Myriam van Doren erzählt. An die Rückseite der Tür ist in weißem Zellophan eine Art Wegkreuzung gebunden. Flyers von Performances mischen sich mit abgerissenen Kinotickets, Preisetiketten von Büchern und vielem mehr. Die Performance ist vorbei, das Kinoprogramm längst ein anderes und das Buch wohl ausgelesen. Was bleibt, ist die Ahnung einer Verunsicherung. Es kreuzen sich Fiktion und Realität, und sie bringen eine neue Form hervor, weder dem einen, noch dem anderen klar zuordenbar.

Man macht sich auf den Heimweg und beobachtet wie Hr. Formanek, der stehts anwesende und wachsame Hausherr, die nächsten Gäste begrüßt. Er ist gleichzeitig gewissenhafter Protokollant des Geschehens und liefert letztendlich selbst seine Bedienungsanleitung und Orientierungshilfe für die 48-Stunden-Hotel-Performance: „Jedes Zimmer ist beschaubar, jedes Zimmer ist befragbar“, sagt er, nimmt den zwei älteren Damen die Mäntel ab, und schickt sie ins Ostermayersche Zimmer - na dann, Prost!


(14.11.2009)