|
EIN BUCH ZU SÄMTLICHEN PROJEKTEN DER GRUPPE "RIMINI PROTOKOLL" UND SEINEN EXPERTEN
Von Martina
Ruhsam
Braunschweig,
Flughafen. Hannover, Kröpcke. Bonn, Marktplatz. Berlin, Reichstag. Kalkutta,
Infinity Tower. Berlin, Avus-Raststätte.
Das wäre ein
mögliches „Rimini Protokoll“. Bei dieser Auflistung handelt es sich nicht um die
Anfangszeilen von Zeitungsartikeln oder die Stationen einer Touristenführung,
sondern um öffentliche Räume, die Rimini Protokoll im Rahmen ihrer postdramatischen
Erforschungen und Analysen des Alltags inszeniert. Allein die Auswahl der Orte
ist schon ein Beweis dafür, dass das Theater und die Black Box einander nicht
unbedingt bedingen.
Seit Stefan Kaegi sich 1998 auf die „Suche nach
dem theatralen Pissoir“ begeben hat, hat Rimini Protokoll (wie sich das Regiekollektiv seit 2002 nennt) eine
Theater-Erfolgsgeschichte geschrieben, die weitgehend ohne literarische
Vorlagen und schauspielerische Kapazunder auskam. Dieser Geschichte ist nun (bereits) ein
(gleichnamiges) Buch gewidmet. Dokumentation und Reflexion gehen auch hier Hand
in Hand. Es werden nicht nur die Theaterpraxis sowie das bisherige Gesamtwerk
des jungen Regiekollektivs reflektiert; 280 farbige Abbildungen, die die Projekte
von Rimini Protokoll visuell zitieren, geben darüber hinaus einen guten
Einblick in die unkonventionelle Theaterarbeit der Ex-Gießener.
Protagonisten der eigenen
Erfahrung
Die Publikation
lässt nicht nur diverse Experten des Theaters und der Wissenschaft zu Wort
kommen, sondern ebenfalls die „Experten des Alltags“ selbst, jene Fachmänner
und Fachfrauen ihrer Lebens- und Berufserfahrungen, die die Projekte von Rimini Protokoll von Anfang an geprägt und geformt haben. Indem sie uns
Einblick in ihre fiktiv-realen biographischen Erinnerungsarchive geben und das
im inszenierten Kontext einer Aufführung tun, halten sie das theatrale „als ob“
für die Dauer der Vorstellungen in der Schwebe und tragen es zugleich wie einen
permanenten Untertitel ihrer Handlungen vor sich her. In einer Fülle von
Interview-Fragmenten mit den „Experten des Alltags“ sprechen diese im Buch „Rimini Protokoll“ über ihre Erfahrungen als „Rimini-Protokoll-Darsteller“,
wobei wir ihren Aussagen vorwiegend in der indirekten Form von Zitaten
begegnen.
Der
protokollarische Stil des Regie-Kollektivs hat auch in dem Text von Annemarie
Matzke, der die Site-Specificity der Projekte fokussiert und eine
architektonisch-körperliche Kartographie der „Rimini“-Räume entwirft, in die
Publikation Eingang gefunden. Während Miriam Dreysse den Fokus auf die
Verwobenheit von realen und fiktiven Elementen in den protokollarisch
angelegten Inszenierungen legt, eröffnet Katrin Röggla in ihrem - leider kurzen
- Beitrag einen literarischen Assoziationsraum „in Originalgröße“ über die
Landschaft von „Mnemopark“.
Tele-Theater
Wetzel, Haug und
Kaegi waren unter den ersten Regisseuren, die Methoden der Telekommunikation
für die Theaterarbeit genutzt und dadurch neue Möglichkeiten der
Text-Verarbeitung (mit räumlich weit entfernten und unsichtbaren Experten)
entdeckt haben. Um erweiterte Stadt-Wahrnehmungen über per Telefon erteilte
Handlungsanweisungen ging es etwa in „Call Cutta“.
Heiner Goebbels
legt in der Publikation seine Erfahrungen mit und auf dieser Tour dar. Die
Besucher waren jeweils einzeln über Mobiltelefone mit Angestellten eines
Call-Centers in Kalkutta in Kontakt, von denen sie durch Berlin geführt wurden.
Anschließend an
die Erinnerungen Heiner Goebbels’ an den ungewöhnlichen Berlin-Spaziergang, der
mehrere Überschneidungen der indischen und der deutschen Geschichte offenbarte,
ist das Protokoll des Telefongespräches Pryanka Nandys (einer indischen
Call-Center-Angestellten) mit Heiner Goebbels nachzulesen. Derartige
Möglichkeiten des (parallelen) Lesens aus verschiedenen Perspektiven machen die
Publikation zu einem spannenden, vielstimmigen Reflexionsdokument. Aus einer
anderen Perspektive schreibt Hans-Thies Lehmann in seinem Beitrag „Theorie im
Theater?“. Er fokussiert die theatral organisierten Wissensanordnungen in den
Projekten von „Rimini Protokoll“ und analysiert diese, wie auch Gerald
Siegmund, im Hinblick auf ein „Theater der Erinnerung“.
Herztransplantationen und
Internet-Liebe
Stefan Kaegi,
Helgard Haug und Daniel Wetzel, allesamt Absolventen des Instituts für
Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, betreiben seit Jahren so etwas wie
„Angewandte Theaterkritik“. Seit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit
„Kreuzworträtsel Boxenstopp“ im November 2000 interessieren sie sich für das
Geflecht Kunst-Politik-Ökonomie und für die Freilegung subjektiver Muster
innerhalb desselben.
Die Erforschung neuer Möglichkeiten für das Theater hat
nicht nur immer wieder aus dem Theater hinaus und in diverse Stadträume
geführt, Rimini Protokoll hat im Gegenzug auch zahlreiche Personen ohne
Schauspielerfahrung aus dem städtischen und ländlichen Raum als Protagonisten
ihrer Stücke ins Theater eingeschleust und deren spezifisches Wissen, ihre
Erfahrungsschätze wie auch ihre Geschichten zu Inhalten der Projekte gemacht. So
kann die Auswahl der Darsteller bei einem Casting von Rimini Protokoll
mitunter von folgenden Kriterien abhängen: Wer hatte eine Herztransplantation,
und wer hat seinen Partner/seine Partnerin im Internet kennen gelernt?
Das fiktionale Gewebe des Realitytrends:
Senioren und Matchboxautos
In „Theater der Zeit" wurden die drei Regisseure, die in
unterschiedlichen Konstellationen arbeiten, als „Protagonisten und Begründer
eines neuen Realitytrends auf den Bühnen“ bezeichnet. Ein Attribut, das man
mitunter auch Reality-TV-Formaten wie Big Brother attestiert. Ein gewisser
„Reality Trend“ ist im Theater seit dem Naturalismus in den 80er Jahren des
19. Jahrhunderts zu beobachten. Jens Roselt weist in seinem Text „In Erscheinung
treten“ darauf hin, dass es auch 1887 eine Amateurgruppe war, die unter dem
Namen „Théâtre Libre“ Furore machte, weil sie gerade aufgrund von fehlender
Professionalität eine neue Form von Natürlichkeit auf die Bühne brachte, die
später zur Etablierung einer psychologisch-realistischen Spielweise führte.
Der Einbruch des
Realen ist bei Rimini Protokoll gleichsam Programm. Und dennoch sehen die
Personen auf den vielen farbigen Abbildungen in der Publikation nicht verloren,
unsicher, unkontrolliert oder unerfahren aus. Es ist nicht eine vorgetäuschte
Authentizität oder die Illusion des „Wir zeigen euch alles“, die da vermittelt
wird. Haug, Kaegi und Wetzel trauen sich und anderen zwar viel zu. Die
Inszenierungsexperten schaffen es aber zugleich, dass die Darsteller trotz der
Intimität ihrer persönlichen Geschichten dem Publikum gegenüber eine gewisse
Distanz bewahren und dadurch eine fragile Souveränität besitzen. Sie sind
unserem Blick nicht ausgeliefert. Das zeigt schon der Blick der alten Frau auf dem
Buchcover.
Mirjam
Dreysse/Florian Malzacher (Hg.): „Rimini Protokoll. Experten des Alltags. Das
Theater von Rimini Protokoll“, Berlin: Alexander Verlag 2007, ISBN
978-3-89581-181-4
www.alexander-verlag.com
(24.6.2008)
|