"EAST WINGS" - EINE EINLEITUNG

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ÜBER "PARA-SITES", NATIONEN, ÜBERSCHIESSENDE KULTUREN, DEN TANZ UND SEINE KONTEXTE

Von Fred Arctor

In bestimmten Territorien verankerte Kulturen können nicht über aus machtpolitischen Eingrenzungen heraus konstruierte Orte beschrieben werden. Das wird zwar seit jeher versucht, weist jedoch nur auf Willkür hin und mündet in bedauerlichen Täuschungen, die in spekulativen Auffassungen davon sichtbar werden, was „Wahrheit" oder „Identität" ist. Das „wahre" Indien etwa wird gerne ausschließlich innerhalb der Grenzen gesucht, die den indischen Staat umgeben - eine Strategie, die über Vereinfachung auf Verläßlichkeit ausgerichtet ist. Obwohl diese Strategie - gerade bei in und aus sich so vielschichtigen Ländern wie Indien und China - ins Leere zielt, führt kein Weg an der Vorstellung vorbei, daß Kulturen territoriale, wenn auch häufig transnationale Verdichtungen haben (an deren Verankerungen die globalisierte Mobilität unserer Zeit zunehmend zerrt).

Zusätzlich sind Kulturen ein- und ausschließende Länder meist größer als ihre Territorien. Sobald der Blick vom planen Landkartenlesen abweicht, wird sichtbar, wie sehr Staaten dazu tendieren, ineinander zu expandieren: über ihre Emigranten und Reisenden, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Export, über alle Kommunikationstätigkeit aus einem und über einen kulturellen Raum. So erst ergibt sich ein jeweils realistisches Modell von phantastischer nationaler Unreinheit und kultureller Vermischung. Eines, das sein Äquivalent immer auch innerhalb von Staatsgrenzen hat, die nichts weiter darstellen als verwaltungstechnische Fiktionen. Dieses durchbrochene Modell wird in einem Land üblicherweise als eines seiner Pluralität verstanden, mit entweder positiven oder negativen Konnotationen. Es wird entweder realistisch als „Reichtum“ an Vielfältigkeit interpretiert oder aber pessimistisch als zersplittertes Ganzes. In keinem Fall aber ist ein Land „rein“ gemäß seiner nationalen Repräsentation. (siehe RAKETE 21-20 )

Trotz aller Taktiken der Objektivierung bleibt jegliches Verständnis von einem Land eine Angelegenheit von Struktur und Dynamik jeweils aktueller Kommunikationssysteme und ihren Wechselwirkungen mit jedem Einzelnen. Erscheinen auch die Ergebnisse als einfach und münden leicht in Vorurteilen: die Prozesse, die diese simplen „Bilder" von Ländern entstehen lassen, sind überaus komplex.

In jedem Staat lebt eine beträchtliche Anzahl von Bürgern, die nur wenig über ihr geografisches und soziopolitisches Terrain wissen. Ihre Erfahrungen sind eher regional und medial orientiert. Da sich die Identität von Einzelnen meist aus Kleinstrukturen in Richtung größerer konstruiert, erwächst so etwas wie „Heimatgefühl“ eher lokal, ein „Nationalitätsgefühl“ dagegen entsteht aus regionalen und landesumspannenden Identifikatoren. Regionale Repräsentationen werden von außen häufig als „authentische” Zeichen eines Landes angesehen. Denn über diese - Trachten etwa oder Rituale - vermittelt sich leicht sichtbar das Bekenntnis zu einer „Verwurzeltheit“. So ist das Bild des Trachtenösterreichers aus den 1930er Jahren, das den Tirolerhut über das ganze Land stülpte, noch in guter Erinnerung. Nach 1945 wurde im Heimatfilm wieder auf den Trachtenösterreicher zurückgegriffen, um die performative Dominanz des SA-uniformierten, volksdeutschen Ostmärkers, dessen groteskes Bild während des Nationalsozialismus gezeichnet worden war, zu überschreiben.

In Salzburg, wo der Trachtenösterreicher als traditionsbewußte Hochkulturrepräsentation neben einem mit provinzieller Weltläufigkeit vorgetragenen Modernismus bis heute gut verankert ist, nisteten kurzfristig Gäste aus Indien und China, die nicht dem jeweiligen Klischee-Äquivalent - beispielsweise: Dirndl trifft auf Sari - angehören. Diese Gäste gehörten zu einer von fortschrittlicheren Kreisen favorisierten künstlerischen Internationale, die sich auf und unterhalb der Ebene des ökonomischen Globalismus ansiedelt wie ein Parasit, der, wo auch immer er hingelangt, „Para-Sites“ schafft, auf denen über Ähnlichkeiten von ästhetischen Grundmustern Differenzen in deren Auffassung formuliert werden.

Diese „Para-Sites“ sind wie Flügel, auf denen die Kulturen eines Landes sich von repräsentationsgebundenen und touristisch aufbereiteten, romantisch verklärten Darstellungen wegbewegen können. corpus nutzte die Gelegenheit des China-Indien-Themas der Salzburger sommerszene 07, um Nachforschungen auf dem Gebiet von interkultureller Kommunikation, die durch eine Kuratierung spezifisch formatiert wird, anzustellen. Dabei nistete sich das Medium als diskursiver Anderer in einem Präsentationsraum ein, als Fremdkörper in einem Organisationssystem, dessen territoriales Zentrum „republic“ sich vor einigen Jahren zu einem „State of the arts“ erklärt hat. Unter dem Titel EAST WINGS werden hier einige Para-Sites aus China und Indien untersucht.

Kate Mattingly, Daniel Aschwanden und Peter Stamer arbeiteten als Authors-in-Residence jeweils eine Woche lang mit den Ereignissen während des Festivals. Die Spuren ihrer Untersuchungen - und noch einige andere - sind jetzt in  21 Beiträgen auf corpus nachzulesen.

 

EAST WINGS entstand mit finanzieller Unterstützung durch die sommerszene 07.